Kultur : Des Teufels Dirigent

Eine neue Biografie und eine Fernsehdokumentation untersuchen Wilhelm Furtwänglers Rolle im Dritten Reich

Carsten Niemann

Kann man Kunst und Politik n? Es gibt wenige Künstlerbiografien, in denen sich diese Frage so dramatisch zuspitzt wie in der von Wilhelm Furtwängler. Was den Künstler betrifft, so scheint das Kapitel Furtwängler in seinen Grundzügen fertig geschrieben zu sein. Denn knapp fünfzig Jahre nach seinem Tod gilt der 1886 in Berlin Geborene noch immer als Inbegriff jenes Typus des „großen Dirigenten“, wie er die Musiklandschaft des 20. Jahrhunderts prägte und noch heute das Erscheinungsbild der Klassik bestimmt. Kein intelligenter Musiker, so befindet Sir Simon Rattle, Furtwänglers aktueller Nachfolger am Pult der Berliner Philharmoniker, der sich nicht von seinem Beispiel inspirieren ließe. Vorbei ist es aber mit der Vorbildfunktion, wenn man Furtwänglers Rolle im Nationalsozialismus betrachtet.

Warum Furtwängler nicht emigrierte, sondern es in Kauf nahm, als Dirigent der Berliner wie der Wiener Philharmoniker (und damit der beiden wichtigsten Orchester im deutschsprachigen Raum) von einem Unrechtsregime als kulturelles Aushängeschild missbraucht zu werden, ist noch längst nicht ausdiskutiert. Betonen Furtwänglers Anhänger dessen Einsatz für die jüdischen Orchestermitglieder, seinen Kampf um die Musik des verfemten Hindemith (was 1934 zum vorübergehenden Rücktritt von seinen Ämtern führte) und vor allem die Ernsthaftigkeit seines Strebens, seine Vision eines besseren Deutschlands in und durch die Musik im Lande zu bewahren, sparen die Kritiker nicht mit schwersten Schuldvorwürfen an den vor Hitler dirigierenden Preußischen Staatsrat von Goebbels’ Gnaden. „Schaut sie euch doch an, diese Furtwängler, Clemens Krauss und Karajan“, erzürnte sich Klaus Mann, als Furtwänglers Berliner Anhänger nach dem Krieg kistenweise Papier für die angeblich fehlenden Antragsformulare zu dessen erneuter Zulassung als Dirigent spendeten. „Eine Kultur, die von solchen wiederaufgebaut würde, bliebe besser verschüttet.“

Dass es in der Diskussion um Furtwänglers Rolle neben bereitwillig ausgestellten Persilscheinen der Anhänger und ätzenden Angriffen der Kritiker wenig Zwischentöne gab, damit will nun eine neue Biografie aufräumen. Auf fast 500 Seiten akribisch recherchierter Lebensgeschichte verfolgt der Freiburger Publizist Herbert Haffner Furtwänglers Weg in den „fürchterlichen Irrgarten“ (Simon Rattle), in den sich der Musiker begab. Hat man sich mit dem etwas behäbigen Erzählton und der Fülle von Angaben zu Konzertdaten und Reisen abgefunden, offenbart sich schnell die Stärke von Haffners Darstellung: Der Autor verliert sich nicht an dem Objekt seiner Darstellung, der Richterspruch des Lesers scheint ihm fast gleichgültig zu sein. Sorgsam beschreibt er etwa die Unterschiede und Verbindungen zwischen dem tief im deutschen Bildungsbürgertum verankerten Glauben an eine Überlegenheit der deutschen Musik, wie er Furtwängler von Kindesbeinen an selbstverständlich war, und dem rassistischen Überlegenheitswahn der Nationalsozialisten. Dem Betrachter bleibt es überlassen, aus der verwirrenden Vielzahl von Furtwänglers Aktionen und Motivationen ein moralisches Fazit zu ziehen.

Nur wo es darum geht, Furtwänglers Epoche machende Leistung als Dirigent sowie seine ganz spezifische Aura zu beschreiben, bleibt Haffners Werk etwas blass. Denn Furtwängler, dessen rechte Hand beim Dirigieren buchstäblich nicht zu wissen schien, was die linke tat und den seine Musiker am meisten für seine Gabe liebten, zu empfangen statt zu befehlen – er war auch am Pult eine faszinierend janusköpfige Gestalt. Sinnlichere Einblicke dürfte da eine neue Dokumentation bieten, die der Kulturkanal arte am Mittwoch zeigt: In Oliver Beckers filmischem Essay „Sehnsucht nach Deutschland“ fächern Zeitzeugen, kritische Bewunderer wie Simon Rattle oder polemische Demaskierer wie Klaus Theweleit zusammen mit teils historischem, teils assoziativem Filmmaterial zu Furtwängleraufnahmen fast das ganze Panorama an widerstreitenden Emotionen auf, welches der bloße Name des 1954 gestorbenen Dirigenten bis heute erweckt.

Herbert Haffner: Furtwängler. Parthas-Verlag, Berlin 2003. 494 Seiten, 39,80 €.

Die Dokumention „Sehnsucht nach Deutschland“ läuft Mittwoch bei arte, 21.40 Uhr .

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