Kultur : Des Teufels Korporal

Wiener Festwochen: Frank Castorf spielt Krieg mit Célines „Norden“

Rüdiger Schaper

Lasst dicke Männer um mich sein, sagt Shakespeares Julius Caesar. Bei Frank Castorf sind es eher dicke Bücher. Die halbe Bühne ist voll von alten Schwarten, bergeweise Antiquariatsleichen, über die Castorfs Truppe stolpert, Möbel sich auftürmen und ein Eisenbahnwaggon in Originalgröße rollt. Bücher, nichts als Bücher. Mit Theaterblut übergossen und zerlegten Styroporplatten vermengt, verwandeln sich Pappe und Papier geduldig in ein knirschendes, quietschendes Inferno.

„Die Another Day“ steht auf dem Vorhang. James Bond? Oder darf es vielleicht „Der Untergang“ sein? Das Publikum wird vor „Schusswaffen“ gewarnt und mit Ohrstöpseln versorgt. Immer wenn an der Rampe die roten Lämpchen aufleuchten, geht auf Bert Neumanns Bühne im Museumsquartier das Geballer los; so schlimm dann auch wieder nicht. Bei den Wiener Festwochen erlebte Castorfs dreistündige Performance nach dem Roman „Norden“ von Louis-Ferdinand Céline ihre Höllengeburt und wird Ende September – nach Stationen in Athen und Avignon – in Berlin aufschlagen.

Castorf-Airlines: In Brasilien inszenierte der Volksbühnentribun neulich auch mal wieder ein originäres Stück , Heiner Müllers „Auftrag“. Aber er hat es nun mal mit den epischen Stoffen. Er spielt mit dem Unspielbaren. „Norden“ – aus urheberrechtlichen Gründen heißt das Monstrum hier „Nord – eine Grandguignolade“ – liest sich wie ein kalter Vulkanausbruch. Ein Text von vierhundert eng bedruckten Seiten in der – vergriffenen – deutschen Ausgabe, man kann da überall ein- und aussteigen, man liest sich schlapp.

Die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs, haarklein ausgepinselt, breit hingeschmiert mit grausiger Faszination für das Barbarische und einer nicht zu bremsenden sadistischen Wollust: In Frankreich gilt der Mann als großer Stilist und Sprachalchemist. Ein Schriftsteller mit anhaltendem Echo: Jonathan Littells mit dem Prix Goncourt 2006 geadelter SS-Roman „Les Bienveillantes“ ist ein direkter Nachfahre Célines, der berühmt wurde mit seiner „Reise ans Ende der Nacht“. Céline (1894–1961) war wie Gottfried Benn Arzt, hing erst dem Kommunismus, dann dem Nationalsozialismus an, verfasste antisemitische Pamphlete, floh 1944 aus Frankreich ins „Dritte Reich“. „Norden“ ist auch die genialisch-künstlerische Überhöhung einer ekligen Biografie.

Bei Castorf rutscht das ins Skurrile, mehr ist es nicht. Die männlichen Darsteller führen reihum einen Schwätzer und Hosenscheißer mit MG-Maul vor, vorneweg Bernhard Schütz und Milan Peschel. Es wird endlos gebrüllt, gehetzt, gerannt. Castorfs Körpertheater war immer ein Mehrkampf – einmalig und grandios, solange die Athleten den Wettbewerb beherrschten. Mittlerweile aber macht sich der Verschleiß bemerkbar. Martin Wuttke und Herbert Fritsch sind nicht mehr dabei, Henry Hübchen hat schon vor längerer Zeit aufgegeben. Dieser Castorfiade fehlen die großen, unerschütterlichen Protagonisten, die auch nach einem Hürdenmarathon noch teuflisch grinsen, locker eine Pointe setzen und zur Tagesordnung übergehen können.

Schütz und Peschel kämpfen bis zum Umfallen mit Céline und ihrem Regisseur, aber ein Matthias Schweighöfer, ein Marc Hosemann hat noch nicht den langen Atem und die nötige Raumverdrängung. Der Umbruch im Volksbühnen-Ensemble ist viel noch deutlicher bei den Frauen. Irina Kastrinidis ist, wie man im Fußball sagt, keine Führungsspielerin, Silvia Rieger und Young-Shin Kim gehen eher ins lyrische Fach.

Wie Lars Rudolph. Er spielt Trompete zum Herzerweichen, in diesem Irrenhaus, das ein einziges Mal nur gefährlich bebt. Die Bühne ist zugemüllt, der Eisenbahnwaggon etliche Male hin- und hergeschoben (das machen die Schauspieler auch noch), die Wände weggerissen. Und sie ziehen sich aus und um, tanzen, singen, Sir Henry bearbeitet sein Klavier, Gitarren und Mandolinen schrammeln wie auf der Titanic, Céline swingt. Nach zwei Stunden Brüllen und Rackern! Man kennt das von Castorf, die späten Höhepunkte.

Die mystische Phase (Dostojewski!) scheint vorüber. Plötzlich taucht die Olsen-Bande auf, ein Filmschnipsel nur, aber man spürt Castorfs Sehnsucht nach Komödie. Sein Céline aber ist weder Grand noch Guignol und für eine schwarze Komödie zu grau. Und der Krieg? Den führt hier einer mit sich selbst.

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