Kultur : Des Wunderknaben neue Kleider

Travestie und Vaudeville: „Pizzicato“ von Viktor Bodó und András Vinnai an den DT-Kammerspielen

Patrick Wildermann

Von Beginn an schwebt über diesem Abend unausgesprochen ein Vers von Edgar Allan Poe: „All that we see or seem, is but a dream within a dream“ – unsere gesamte Existenz, nichts als ein Traum im Traume. Wobei die Schlafwandlerei durchs Leben, die hier beschworen wird, Versprechen und Verhängnis zugleich ist: dem Surrealen sind keine Grenzen gesetzt, dem Sinn hingegen schon. Staunen soll man, nur wundern darf man sich nicht. Nicht über Zwerge, die Polaroidfotos schießen, über Feen, die in der Badewanne ein Puppenkind nach dem anderen gebären oder über bizarre Fabelvögel mit Riesenschnabel, denen die Gedärme heraushängen.

„Pizzicato“ heißt das Stück, das der ungarische Theatermacher Viktor Bodó und sein Koautor András Vinnai für die Kammerspiele des Deutschen Theaters eingerichtet haben. Der Titel-Terminus, der das Fingerzupfen von Streichinstrumenten bezeichnet, ist dabei wenig bedeutungsvoll; eher Spielerei eines Regisseurs, der zitatversiert und filmverliebt seine MacGuffins streut und dessen Story-Freejazz einem Suchscheinwerferschwenken im Bühnennebel gleicht – was immer wieder furiose Schlaglichtminiaturen produziert.

Die Geschichte: Der junge Gábor Biedermann (verkörpert vom DT-Schauspieler selben Namens) sucht eine Wohnung in Berlin, wird aber, kaum auf der grauen Bretterverschlags-Drehbühne voll alter Möbel von András Bartos angekommen, durch eine unselige Verwechslung mit einem Fluch belegt. Offenen Auges muss er Albträume aus Musik und Merkwürdigkeiten, Zeitschleifen und Zirkusnummern durchzittern. Angesichts derReferenzen an Spike Jonze („Being John Malkovich“), Monty Python und diverse Popmythen könnte die verquer-amüsante Existenz-Travestie auch heißen: „Being Gábor Biedermann, oder: Die Rocky-Horror-Pizzicato-Show“. Manchmal auch wirkt das Geschehen, als hätte David Lynch „Cabaret“ neu verfilmt.

In seiner ungarischen Heimat hat sich der 28-jährige Regisseur Viktor Bodó bereits den Ruf eines Bühnen-Zampanos erarbeitet – mit genialischen Adaptionen von Kafkas „Prozess“ oder Molières „Don Juan“: Trampolinvorlagen für artistische Genresprünge, denen der Ruf des Einzigartigen vorauseilt. Die Frage, die Bodós erste Arbeit im Westen begleitet, lautet also, ob man hier des Kaisers neue Kleider gekauft hat oder tatsächlich einen Wunderknaben. Es ist irgendwas dazwischen.

Ursprünglich war „Pizzicato“ als Variation über Shakespeares „Sommernachtstraum“ gedacht, aber vom Liebesverwirrspiel ist nicht viel mehr übrig geblieben als der Eselskopf, den Gábor Biedermann zu Beginn trägt, sowie das Gefühl, ein Kobold habe die Beteiligten mit bewusstseinserweiternden Drogen gefüttert. Den Schauspielern, unter ihnen Studenten der UdK, verlangt das viel Risikobereitschaft zum Rollensalto ab, die sie überwiegend mit Verve aufbringen: Tilo Werner, der Ungarn-Exilant, ist als irrlichternder Vermieter genauso eine Wucht wie als geheimnisvoller Gitarrenmann, der in einer „Die wahnsinnige Meeresszene“ betitelten Sequenz in wogenden Plastikplanen babylonische Folklore anstimmt. Lotte Ohm legt einen bravourösen, kataraktartigen Plapperauftritt als Orakel im Zeitungskleid hin. Kathrin Wehlisch glänzt als Running-Gag-Suizidantin, die sich vor Publikum totzulachen versucht. Und Biedermann gefällt als augenrollender Simplicissimus, der verzweifelt hinter den Scherben seines Lebens herkehrt.

Viktor Bodó besitzt absurden Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie. Selbstverständlich erfindet er das Theater nicht neu, und das weiß er auch. Seinen wüsten Mix aus Vaudeville und Splattermovie verwitzelt er in einer Szene selbst als „neodramatisches, posttraumatisches Theater der Grausamkeit“. Sein Abend wirkt, als hörte man an der Bar einem fremden Berauschten beim Verzapfen grotesk-mäandernder Geschichten zu. Die richtige Stimmung vorausgesetzt, kann das sehr vergnüglich sein.

Wieder am 30. Januar sowie am

4., 13., 14. und 16. Februar, jeweils 20 Uhr

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