Design : Die doppelte Moderne

Das Berliner Design des Kalten Krieges wird wiederentdeckt – ausgerechnet in London. Zwei Hausbesuche.

Bodo Mrozek
Hansaplatz_Design
Visionäre Wohnidee. Blick in das von Arne Jacobsen entworfene Haus am Hansaplatz. -Foto: Uwe Steinert

Schätze wollen erst entdeckt werden und oftmals braucht es einige Anstrengung, sie in einer unauffälligen Umgebung zu identifizieren. Das Haus am Hansaplatz zum Beispiel könnte unscheinbarer nicht aussehen: Ein schlichter Flachbau mit weiß getünchter Außenwand, kaum zu unterscheiden von den angrenzenden Garagen. Seitdem Buntmetalldiebe die Bronzetafel an der Hauswand unlängst wieder dem Wirtschaftskreislauf zugeführt haben, verrät nichts mehr, dass dies das Werk eines Architekten von Weltruhm ist. Arne Jacobsen entwarf das Haus für die 1957 im Hansaviertel eröffnete Architektur-Ausstellung Interbau als seine Vision für zeitgemäßes Wohnen.

Nach dem Druck auf die Türglocke öffnet sich die Tür zu einer anderen Welt. Das Wohnzimmer weitet sich durch eine Glasfront in den Garten, so dass man für einen Moment den Eindruck hat, die luftigen Pollock-Sessel und Bauhaus-Tischchen wüchsen direkt aus Schachtelhalmen und Seerosen heraus. Tatsächlich scheint hier die Zeit zu stehen. Nicht als Museum, sondern als belebtes Konzept modernen Wohnens, gegen das die meisten Einfamilienhäuser späterer Zeit seltsam muffig und altbacken erscheinen.

Die Hausherrin Hanna Knebusch reagiert auf die Besuchergruppe mit einigem Entsetzen. Wenn es nach ihr ginge, müsste jeder einzeln die Wohnung durchschreiten, um die volle Dosis Raum auf sich wirken zu lassen. Besuch sind die Bewohner des Hansaviertels gewohnt. Spätestens seit dem 50. Jubiläum im vergangenen Jahr ist ihnen die Aufmerksamkeit der Architekturliebhaber gewiss. Ab und zu meldet sich der rührige Bürgerverein zu einer Spezialführung an. Er kümmert sich um die Architekturgeschichte ebenso wie um praktische Belange, etwa die Frage, warum sich bei den überfälligen Restaurierungsarbeiten am trockengelegten Springbrunnen vor Werner Düttmanns Stadtbücherei seit Wochen nichts mehr zu tun scheint.

Die kleine Delegation, die dieser Tage an Hanna Knebuschs Tür klingelte, kam von weit her. Jane Pavitt, Kuratorin am Londoner Victoria & Albert Museum hatte einen kleinen Tross im Schlepptau: Museumsmitarbeiter, britische Architektur- und Designkritiker. Der Grund für die Begehung ist eine Ausstellung, die nichts weniger als der Versuch einer Neubewertung der europäischen Nachkriegsära ist. Die Londoner Ausstellung „Cold War Modern Design“, die am 25. September im Victoria & Albert Museum eröffnet, wird einen kühnen Bogen von 1945 bis 1970 schlagen – von den ersten Designobjekten aus Kriegsschrott über Paco Rabannes Metallkleider aus den sechziger Jahren bis zu Peter Ghyczys Gardenegg-Sesseln. Architektonischer Schwerpunkt wird dabei Berlin sein, denn hier verlief schließlich nicht nur der Stacheldraht der politischen Teilung, sondern auch die Glas und Beton gewordene Frontlinie zweier architektonischer Konzepte, die sich in nur wenigen Kilometern Entfernung gegenüberstanden.

Im Westen setzte das Hansaviertel ein ästhetisches Statement. Mehr als 50 Architekten aus 13 Ländern waren hier tätig. Die Häuser von Avar Aalto, Eugen Eiermann, Walter Gropius und Max Taut sollten nicht nur den transparenten Vorstellungen demokratischen Massenwohnens entsprechen, sie brachten auch eine Portion Luxus in das mittelständische Wohnen: Fußbodenheizung, gemeinschaftliche Waschküchen, Luft- und Lichtschächte.

Die sozialistische Vision der Moderne liegt in zehn Kilometern Luftlinie Entfernung in einer gänzlich anderen Welt. In Ost-Berlin entwarf sie der Architekt Hermann Henselmann, der die Große Frankfurter Allee im sozialistischen Klassizismus zur Stalinallee umgestaltete. Rund um den Straußberger Platz errichtete er sogenannte Arbeiterpaläste.

Henselmann selbst hatte sich eine Wohnung am Strausberger Platz reserviert. Heute ist sie im Besitz der Künstlerin Eva-Maria Steidel. Ihre Besucher empfängt sie in der großzügigem Diele, die der Architekt als Ausdruck des kollektiven Anspruchs sozialistischen Wohnens entworfen hat. Auch Henselmanns Einbaumöbel sind noch intakt, mit Schränken überbaute Türen und organisierte Fächer für großformatige Pläne im Arbeitszimmer – und aufklappbare Sockenfächer im Schlafzimmerschrank. Von den Fresken zu Berliner Liedern im Foyer des Hauses bis zu den Rautenscheiben der transluzenten Zimmertüren prunkt das Haus mit erlesenen Details im Stile eines seltsam zeitlosen Neo-Klassizismus, der irgendwo zwischen Antike, Klassizismus und Metropolis schwebt.

Eine voll verglaste Loggia an der Küche bietet den urbansten Platz, den man sich für einen Esstisch wünschen kann – er scheint direkt über dem Strausberger Platz zu schweben. Das Spektakulärste an dieser Wohnlage ist aber der Blick auf den Springbrunnen. Der wird allerdings wie sein kleineres Pendant am Hansaplatz gerade von einer Baumaßnahme verhüllt. Für Eva-Maria Steidel ist der Blick durch die Fenster, deren Scheiben am Abend orange im Gegenlicht glühen, das Großartigste an dieser Wohnlage „mitten zwischen Paris und Moskau“. Das urbane Grundrauschen des an- und abschwellenden Hauptstadtverkehrs gehört nun mal dazu.

Hanna Knebusch vom Hansaplatz und Eva-Maria Steidel vom Straußberger Platz sind sich noch nie begegnet. Erst der Besuch der britischen Museumsleute schlägt eine Linie zwischen ihren beiden Wohnungen. Der Schnittpunkt ist ausgerechnet London. Dort kommen nun die Visionen der beiden wetteifernden Architekturen doch noch an einem Ort zusammen. Manchmal dauert es eben etwas länger.

Die Ausstellung „Cold War Modern“ im V ictoria & Albert Museum London läuft vom 25. September bis 11. Januar 2009. Führungen mit dem Bürgerverein Hansaviertel: www.buergerverein-hansaviertel-berlin.de

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