Kultur : Designertheater: Sophiensäle: Infantil im Porzellanladen

Sandra Luzina

"Alice in Wonderland" wird nicht gespielt, sondern "Lilli in putgarden". In ihrer vierten Produktion betritt die hoch gelobte Gruppe Nico and the Navigators eine Wunderwelt, die sich nicht erklären lässt. Nachdenken über Luftbefeuchter und andere Geräte, die ihren Zweck nicht sofort preisgeben - das erwartet die Zuschauer an diesem Abend in den Berliner Sophiensälen. Wenn die acht Darsteller erstmals die Bühne betreten, hat man allerdings den Eindruck, dass hier die neue Sommerkollektion vorgeführt wird. Regisseurin Nicola Hümpel hat für ihre jungen Akteure diesmal einen Retro-Look in Beige kreiert, der in allerlei schneiderischen Details schwelgt. Die ähneln Anzieh- und Aufsagepuppen. Die Frisuren sind sorgfältig zerzaust, die Sätze sind hübsch frisiert und sinnfrei gefönt.

Das Designertheater von Nico and the Navigators lässt schnell sein Schnittmuster erkennen. Und setzt vor allem auf Farbkontraste. Rot sind die Geräte, die andächtig herumgetragen werden. "Früher war ich modern" könnte das Leitmotiv des Abends lauten. So ignoriert die Regisseurin alle Verlockungen der High-Tech-Welt, setzt dagegen auf klassisches Produktdesign. An eine Aluminium-Butterbrotdose erinnert das Bühnenbild von Oliver Proske, hinter der Rückwand tauchen die Darsteller unvermutet auf und verschwinden wieder - die Aktionen kommen aus dem Nichts, werden ins Leere gesetzt. Manchmal öffnet sich auch eine Klappe und ein Mann im Trenchcoat lugt hervor wie ein Fragezeichen.

Alles soll hübsch in der Schwebe gehalten werden. Ein Kleidchen flattert im Wind, Kleiderbügel wirbeln durch die Luft - an die Surrealisten-Filme sollte man bei diesen Videoeinspielungen besser nicht denken. Ein Staubsauger führt seinen Benutzer hinter sich her wie einen Hund an der Leine. Weiterhin paradieren vorbei: Fön, Kleiderständer, Gummikissen, Getränkeboxen und andere Behältnisse sowie manch unidentifizierbares Objekt. Der Sphäre der Nützlichkeit sind diese Dinge enthoben, die Darsteller wirken traumwandlerisch entrückt. Die zarten Männer noch zusätzlich verwirrt. Und ein Mann, der offensichtlich nichts im Griff hat - das ist immer wieder für eine Slapstick-Nummer gut. Die Szenen sind unterlegt mit einem dicht geknüpften Klangteppich, die musikalischen Stimmungen erzeugen im Kopf dieses gewisse Easy-Listening-Gedusel. Der Mensch ist hier keineswegs Sklave der von ihm geschaffenen Dingwelt. Mit der Tücke des Objekts ist es auch nicht weit her. Stattdessen sieht man Darsteller in Dauerkonfusion, die in jedes Ding etwas hineingeheimnissen müssen. Herausgekommen ist eine Art Sammeltassen-Theater, das immer wieder neue Liebhaber-Stücke hervorkramt. Wie hier Nummer an Nummer gereiht wird, einzelne Einfälle zelebriert werden, hat etwas Ermüdendes. Als das Bühnenpodest zum Schluss sein Innenleben preisgibt, sieht man tatsächlich Dutzende zierlicher Teetässchen, säuberlich aufgereiht. Dieses Theater hat sich einen naiv-kindlichen Blick auf die Welt antrainiert, und selbst der ist gezähmt: Bei "Lilli in putgarden" darf nämlich nichts kaputt gehen.

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