Dessau : Schafe weisen dir den Weg

Die kleinen Großen: Das Bauhaus ist in aller Munde. Doch auch das klassische Dessau lockt mit unerwarteten Schätzen.

Elke Linda Buchholz
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Vor der klassizistischen weißen Fassade des Georgiums werkeln Gartenarbeiter mit Harke und Schubkarre. „Vorsicht, schlecht gelaunt“, warnt ein T-Shirt-Aufdruck, doch die Männer treten lachend beiseite, als ein großer Laster der Kunstspedition Hasencamp zwischen Rasenrabatten und Hecken hindurch zum Schloss rangiert. Er bringt zwei niederländische Gemälde aus Berlin in die Anhaltische Gemäldegalerie zurück, die im Deutschen Historischen Museum zu Gast waren. 120 Kilometer oder eineinhalb Stunden Bahnfahrt liegt die ehemalige Residenzstadt der Fürsten von Anhalt entfernt von Berlin: ideal für einen Tagesausflug. Nicht nur die weltberühmten Bauhaus-Bauten gibt es hier zu entdecken.

Vom Bahnhof sind es wenige Gehminuten zum Schloss Georgium. Prinz Johann Georg ließ das Landhaus ab 1780 errichten. Durch den weitläufigen Landschaftspark spaziert man kilometerweit bis an den Elbdeich, vorbei an kleinen Parkbauten wie dem damaligen Gästehaus, das jetzt die Grafiksammlung beherbergt, einem anmutigen Monopteros, römischen Säulenportiken und Triumphbögen. Der Bauherr verwirklichte hier ein idyllisches, bildungsgesättigtes Parkambiente im Stil englischer Landschaftsgärten, wie es auch sein Bruder, der Landesvater Fürst Franz, in den Wörlitzer Parkanlagen schuf. Mit diesen zählt der Georgengarten zum Unesco-Weltkulturerbe.

Seit 1959 ist die Anhaltische Gemäldegalerie mit rund 2000 Werken vom Spätmittelalter bis zum 19. Jahrhundert im Schloss Georgium untergebracht. Schon zu Lebzeiten Johann Georgs durfte jedermann seine Gemäldesammlung nach Anmeldung besichtigten. Die heutige Sammlung vereinigt verschiedene Privatsammlungen des Hauses Anhalt und hält Exzellentes bereit, auch wenn die Präsentation ein wenig angestaubt wirkt.

Lucas Cranach etwa wartet nicht mit seinen immergleichen Frauengestalten auf, sondern mit einem absoluten Meisterwerk: dem um 1510 gemalten Fürstenaltar. Der sanfte Blick der Madonna fasziniert durch lebendige Präsenz. Auf den Seitentafeln lässt der feine Pinsel des Wittenberger Hofmalers die kostbaren Pelzkragen fühlbar, den Charakter der breitschädeligen Stifter erahnbar werden. Unter den Malern des 19. Jahrhunderts überrascht ein Bildnis Caspar David Friedrichs, gemalt von Caroline Bardua. Die Malerin gehörte zum engsten Kreis des Romantikers. Hervorragend sind die Niederländer vertreten, mit stürmischen Seestücken, anspielungsreichen Allegorien und erzählfreudigen Genreszenen von Berchem, Brueghel, Ostade, Porcellis, Ruysdael, Savery und Wouwermann. Im Gedächtnis haften bleibt das intensive Blau der Pflaumen auf einem Früchtestillleben von Henricus van Weerts.

In der Bildergalerie von Schloss Mosigkau begegnet es uns wieder. Dort kann man die Alten Meister so erleben, wie es die Dessauer Fürsten vor 250 Jahren taten. Die Regionalbahn führt in wenigen Minuten von Dessau durch die von Alleen durchzogene Parklandschaft zu dem reizend ländlichen Bahnhof des Dorfs. Auf dem Parkgelände von Schloss Mosigkau, das sich Prinzessin Anna Wilhelmine, eine Tante des Prinzen Johann Georg, als Sommersitz erbauen ließ, weiden Schafe. Das Ensemble strahlt entspannte Heiterkeit aus. Nicht einmal ein Café gibt es derzeit, dafür bietet die Schlossgärtnerei selbst gezogene Oleander- oder Stechapfelpflänzchen zum Verkauf. Von den höfischen Lustbarkeiten vergangener Tage erzählen ein (stark restaurierungsbedürftiges) chinesisches Teehäuschen, eine heckenumstandene Kegelbahn und das nicht nur für Kinder vergnügliche Heckenlabyrinth. Orangen- und Feigenbäumchen in Kübeln und farbenfrohe Sommerblumenrabatten schmücken das Südparterre vor dem Schloss.

Hinter den bis zum Boden reichenden Fenstern liegt der größte und prächtigste Saal. Ursprünglich sollten dort die kostbaren Orangeriepflanzen überwintern. Doch Bauherrin Anna Wilhelmine machte den lichten Gartensaal zur Bildergalerie. Dicht an dicht, in heutzutage ungewohntem Durcheinander der Genres, Stile, Formate und Künstler, verwandeln die Gemälde den langgestreckten, mit Stuckmarmor und Rocaillen geschmückten Saal in eine einzige Bilderflut. Hohe Spiegel zwischen den Fenstern verdoppeln die Fülle. Bedenkenlos wurden die Gemälde den Bedingungen vor Ort angepasst, beschnitten oder angestückt. Dem Testament der unverheirateten Anna Wilhelmine ist es zu danken, dass ihre Gemäldegalerie unverändert erhalten blieb, auch als das Schloss zum Wohnstift für hochadelige Fräulein und schließlich 1951 zum Museum wurde. Die originale, lückenlose Hängung ist in Deutschland einzigartig. Die vergleichbare Potsdamer Bildergalerie Friedrichs des Großen wurde schon 1829 geschröpft, um Schinkels Altes Museum in Berlin mit Gemälden zu bestücken.

Im Bildersaal weisen keine Beschriftungstäfelchen den Weg zu den bedeutendsten Werken und Namen. Hier darf der Besucher sich seinem persönlichen Geschmack und Urteilsvermögen überlassen – oder den Erklärungen des Schlossführers folgen. Denn nur mit Führung ist das Schloss zugänglich.

Kindlich und zugleich hoheitsvoll blickt ein fünfjähriger Prinz von Oranien der Besuchergruppe entgegen. Der Starporträtist des barocken Hochadels, Anthonis van Dyck, hat ihn gemalt. Daneben prangt riesengroß eine Madonna im Blumenkranz, während in der vierten Reihe oben eine galante Dame des preußischen Hofmalers Antoine Pesne bei Kerzenlicht keck ihr Bein entblößt. Jacob Jordaens lässt Apollo und Pan im Wettstreit musizieren, während ein von Rubens gemalter Zephir Blütenregen in den Schoß der nackten Flora streut. Ein bärtiger Alter vertieft sich in fromme Lektüre, flankiert von holländischen Flachlandschaften und virtuosen Früchtestillleben. Im Großformat wird ein gigantischer Eber erlegt.

In ihrem holzvertäfelten Privatkabinett umgab sich die Prinzessin, die selbst nicht durch äußere Reize glänzte, mit einem imaginären Hofstaat: einer Schönheiten-Galerie aus zwölf kleinformatigen Damenbildnissen. Sie stellen, von einem Mitarbeiter van Dycks gemalt, die Hofdamen Maria Stuarts dar. Die tief stehende Nachmittagssonne lässt über dem Kamin ein üppiges, spätes Blumenstillleben des flämischen Meisters Jan Fyt aufleuchten. Dass sich Schlossherrin Anna Wilhelmine 26 Sommer lang in Mosigkau wohlfühlte, kann man verstehen. Auch heutzutage ist das Schloss nur in der schönen Jahreszeit zugänglich. Ab Ende Oktober dürfen sich Flora, Zephir und ihre Gefährten den Winter über ungestört im Schloss vergnügen.

- Anhaltische Gemäldegalerie Dessau, Schloss Georgium, Puschkinallee 100, Di bis So 10 bis 17 Uhr. – Schloss Mosigkau, Knobelsdorffallee 2/2, Dessau-Roßlau, Mai bis Sept. Di bis So 10 bis 18 Uhr.

Rund um Berlin gibt es Museen mit exquisiten Sammlungen, die kaum jemand kennt. Anlass genug für einige Kunstreisen in die Umgebung – auf der Suche nach den „kleinen Großen“. Wir stellen unsere Lieblingsorte vor.

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