Kultur : „Det is’ die Krise“

Das Kapital kollabiert, „Das Kapital“ floriert: Der Karl Dietz Verlag verkauft Marx wie geschnitten Brot

Jens Mühling

Hier also stecken sie, die Kriegsgewinnler der globalen Finanzkrise. Während weltweit Banken wanken und Konzerne zittern, herrscht im fünften Stock eines Plattenbaus am Berliner Ostbahnhof Hochkonjunktur. „Nur noch 87 Stück auf Lager“, ruft Jörn Schütrumpf im Vorbeigehen einer Mitarbeiterin zu. „Wir müssen Nachschub drucken, dringend!“

Der Verkaufsschlager der Saison kostet 19,90 Euro und hat knapp 1000 Seiten, auf dunkelblauem Einband steht in goldenen Lettern: „Karl Marx, Das Kapital, Erster Band“. Jörn Schütrumpf verlegt das Buch. Und zwar nicht irgendeine der zahllosen deutschsprachigen Ausgaben des Klassikers, sondern die kapitalen Bände 23 bis 26 der insgesamt 46 Bände umfassenden Gesamtausgabe „Marx/Engels Werke“, unter Kennern schlicht „MEW“ genannt: jene blauen, bleischweren Wälzer aus dem Ostberliner Traditionsverlag Karl Dietz, die seit Generationen die Bücherborde deutscher Intellektuellenhaushalte durchbiegen, im Osten wie im Westen der Republik.

Auch in den Regalen der Buchhandlungen lag der Klassiker aus dem Hause Dietz zuletzt wie Blei, wenn er denn überhaupt noch zu haben war. Seit einiger Zeit aber erlebt „Das Kapital“ einen ungeahnten Aufschwung, der weitgehend parallel zur sich anbahnenden Krise verlief und seit ihrem offenen Ausbruch kaum noch zu stoppen ist. Gerade mal 400 Exemplare des „Kapitals“ verkaufte Schütrumpf im Jahr 2005, als er den kriselnden Karl Dietz Verlag übernahm. 2007 ging bereits das Doppelte über die Ladentische, im Mai 2008 setzte Schütrumpf vier mal so viel ab wie im Mai des Vorjahres, und seitdem sind die Verkaufszahlen schier explodiert: „258 Exemplare allein im Oktober“, sagt Schütrumpf. Es klingt ein bisschen stolz, vor allem aber klingt es belustigt.

Schon körperlich wirkt Schütrumpf wie der geborene Marx-Verleger, und das hat weniger mit dem grauen Vollbart zu tun als mit seinen Händen: schwere, breite Pranken, die wohl braucht, wer berufsmäßig mit dicken Büchern umgeht. So mühelos, wie Schütrumpf die übergewichtigen Wälzer zwischen Regal und Schreibtisch hin und her wuchtet, weiß der schnelldenkende, schlagfertige Mittfünfziger im Gespräch auch die sperrigen Ideenkonstrukte seines Brötchengebers zu handhaben.

Ein Lieblingszitat? Schütrumpf lächelt, springt auf, hievt Band 8 auf den Tisch, aus dem „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ zitiert er genüsslich: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Es geht noch weiter, aber schon an dieser Stelle kann Schütrumpf sich das Grinsen nicht verkneifen. Etwas Farcenhaftes haben auch für ihn die Konjunkturwellen des „Kapitals“, dessen neuerdings reißenden Absatz Schütrumpf, selbst wenn er es wollte, nicht mit eigenen Vermarktungsbemühungen erklären kann. „Wir sind ein Zwei-Mann-Unternehmen, da ist nicht viel mit Vermarktung“, sagt er. Der Grund für die steigende Nachfrage liege ganz woanders. „Det is’ die Krise.“

Arbeitslose Manager, die sich auf ihre Studieninhalte besinnen, sieht Schütrumpf nun ebenso zu Marx greifen wie die Generation der 20- bis 25-Jährigen, denen man von klein auf gesagt habe: „Wir brauchen euch nicht, seht zu, wie ihr klar kommt.“ Zwei Untergruppen erkennt Schütrumpf in dieser Generation: „Die einen stürmen die Kirchentage, die anderen, die ein bisschen rationaler unterwegs sind, fangen an, Fragen ans System zu stellen. Und da ist Marx immer ein guter Anfang.“

Moralisch nicht ganz einfach sei daher das Geschäft mit dem „Kapital“, fährt Schütrumpf fort: „Geht es der Gesellschaft gut, verkauft sich Marx nicht. Wenn er sich verkauft, weiß man, dass man vom Elend der anderen profitiert.“ Das ganz große Kapital jedoch fährt Schütrumpf mit Marx ohnehin nicht ein, egal, wie gut der sich derzeit verkaufen mag. Die hochwertigen MEW spielen kaum die Herstellungs- und Betriebskosten ein, der Verlag hält Marx, wie Schütrumpf zwischen den Zeilen zu verstehen gibt, nicht aus kaufmännischen Überlegungen, sondern der Tradition wegen im Programm.

Gedruckt wird die Gesamtausgabe seit geraumer Zeit in Tschechien. „Marx in Deutschland drucken, das ist einfach nicht zu machen“, sagt Schütrumpf. „Jedenfalls nicht in dieser Qualität.“ Aus dem Regal wuchtet er ein paar Bände aus den frühen Neunzigern auf den Tisch, bei denen der eigentlich tiefdunkelblau konzipierte Einband ins verschossen Türkise abgleitet. „So sieht das aus, wenn man kostengünstig in Deutschland druckt.“

Eigentümer des Verlags ist heute die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linken nahesteht. Schütrumpf hat sie mit aufgebaut und 2005 verlassen, um den damals kurz vor dem Absturz stehenden Verlag auf Vordermann zu bringen. Zur Rettung der MEW ließ er sich die Spendenaktion „Marx statt Stadtschloss“ einfallen: Wer den Verlag finanziell bei der Herausgabe unterstützt, wird im jeweiligen Band namentlich als Spender vermerkt. „Ich dachte mir“, sagt Schütrumpf, „wenn anderswo ganze Schlösser auf die Tour zustandekommen, warum dann nicht auch eine Marx-Ausgabe?“ Das Kalkül ging auf: Einige der abseitigeren und praktisch unverkäuflichen MEW-Bände konnten mit Hilfe von Spendengeldern neu aufgelegt werden.

Ansonsten macht sich Schütrumpf wenig Illusionen über seine verlegerischen Spielräume. „Um heute Bücher durchzusetzen, braucht man Geld, sonst geht gar nichts.“ Zumal die großen Buchhandelsketten mit ihren zentralistisch durchgesetzten Programmvorgaben längst zu „Großkombinaten nach DDR-Vorbild“ mutiert seien. „Wirklich“, sagt Schütrumpf, „das ist reine Zentralplanwirtschaft!“

Der Blick aus den Fenstern der zwei Verlagsräume geht auf die Straße der Pariser Kommune, undeutlich erkennt man dahinter die Stalin-Bauten der Karl-MarxAllee. Kein schlechter Ort, um über den verschlungenen Weg nachzudenken, den das „Kapital“ vom erzwungenen Bestseller der DDR zum immer mal wieder florierenden Longseller der heutigen BRD zurückgelegt hat. Eine Ahnung vom Wandel der Zeiten vermittelt schon das alphabetische Firmenverzeichnis in der Lobby des Hauses am Franz-Mehring-Platz: Die Redaktion des „Neuen Deutschland“, die hier einst mehrere Etagen belegte, teilt sich das Gebäude heute mit geistesverwandten Institutionen wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Berliner Ableger der KPD, aber auch mit dem einstigen Klassenfeind, der in Form von Unternehmens-, Investitions- und Insolvenzberatungen vertreten ist, dazu gesellen sich diverse „agenturen“ mit unklarem Tätigkeitsprofil und zeitgemäß kleinem a.

Der Dietz Verlag firmiert zwischen einer ominösen „DGL Hyg. mbH NL Berlin“ und einer hippen Werbeagentur namens „difficulté wänkü“. Schwierigkeit überwunden? Von wegen. Während man auf manchen Fluren die kapitalismuskritische Schadenfreude förmlich zu spüren meint, dürfte der Ärger für viele im Haus gerade erst losgehen.

Schütrumpf hält sich nicht für einen Kriegsgewinnler, eher für einen späten Profiteur jener geschichtlichen Zirkelbewegungen, die Marx bei Hegel fand. Als der spätere Verleger noch in Leipzig Geschichte studierte, da sollte Marx von den Parteigranden zum „Buch der Deutschen“ gemacht werden, erinnert sich Schütrumpf. „Nach der Bibel und ‚Mein Kampf’ sollte das ‚Kapital’ dran sein. Doch genau so wenig, wie die Bibel dazu geeignet war, die Leute ruhig zu stellen, sobald man sie nur richtig las, eignete sich Marx dafür.“

Jetzt aber passt er wieder, der Mann mit dem Bart. Unruhe hat Konjunktur.

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