Detroit : Der amerikanische Patient

Detroit war für Jeffrey Eugenides stets mehr als sein Geburtsort. Ohnmächtig sah der Schriftsteller zu, wie die Autoindustrie verschwand, und mit ihr die Menschen.

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Straßenzug in Detroit.
Straßenzug in Detroit.Foto: laif

Er hat es selbst recherchiert, sagt er: Das Sterben Detroits hatte schon eingesetzt, bevor er geboren wurde, am 8. März 1960 in einem Krankenhaus. Es hatte begonnen, bevor er in sein erstes Zuhause getragen wurde, ein Haus im Zentrum der Stadt, „irgendwas im Tudor-Stil“, wo die Familie schließlich auszog, bevor er drei war oder vier. Entgegen der gängigen Meinung, sagt er, begann nämlich das Ausbluten des Stadtzentrums nicht erst mit den berüchtigten Rassenunruhen 1967, als er sieben war und fast ein halber Schriftsteller (denn dass er einer werden würde, wusste er schon mit 15). In Wahrheit begann es schon vor Jeffrey Eugenides’ Geburt, nämlich in den 50er Jahren, als Ford die betriebswirtschaftlich begründete Entscheidung traf, ein Werk aus dem Zentrum an den Stadtrand zu verlagern.

Nun, das war jetzt nicht gerade so schlimm, wie ein Werk nach China outzusourcen?

„Der Effekt war der gleiche: Die Arbeiter hatten von nun an keine Notwendigkeit mehr, im Zentrum der Stadt zu wohnen.“ Die Ader war angestochen.

Um den Kopf des amerikanischen Bestseller-Autors schwirrt irritierend eine deutsche Fliege. Eugenides, der mit seinen runden, glänzend hervortretenden Augäpfeln in die Welt blickt, hat zufrieden das Schild am Eingang des Frankfurter Literaturhauses registriert: „Die Veranstaltung mit Jeffrey Eugenides ist ausverkauft.“ Worauf er sich mit dem Elan des trainierten Mannes in die grünlederne Eckbank wirft. Seine Haare kräuseln sich am Kopf, wie sich auch seine verschlungenen Geschichten in dichte, verschlungene Locken legen: „Die Selbstmord-Schwestern“, sein gefeierter Debütroman. „Middlesex“, und jetzt gerade aktuell „Die Liebeshandlung“. Wenn seine Figuren „zu Hause“ sagen, meinen sie häufig Detroit: „Middlesex“, der Roman mit Detroit in der Hauptrolle, bekam den Pulitzer-Preis. Sofia Coppola verfilmte „Die Selbstmord-Schwestern“, die sich so seriell umbringen, wie es wohl nur in der Autostadt möglich ist, in der die Fließbandarbeit perfektioniert wurde.

Während der echte kleine Jeffrey gedieh – längst war die Familie in den noblen Vorort Grosse Pointe gezogen –, war der Zustand der Stadt eine stetig fallende Kurve, die zu sehen Eugenides keine Statistiken brauchte. Er brauchte auch nicht darauf zu warten, dass seine Freunde alle abwanderten, und später seine Familie. Er musste nur in die Auffahrt gucken: Dort standen zuerst die zwei Cadillacs seines Vaters, einer in Schwarz und einer in Weiß, und von da an wurden die Autos der Familie hier, wo die Autos so viel zählten, stetig weniger spektakulär. Für seinen Führerschein lernte Jeffrey schließlich in einem Oldsmobile.

Seit dem Jahr 2000 verlässt alle 22 Minuten jemand Detroit und kehrt nie wieder. Die Stadt, auf dem Höhepunkt des Auto-Booms knapp zwei Millionen Einwohner stark, heute mit gut 700 000 Menschen wieder so klein wie 1910, ist in der Fläche noch so groß wie zuvor. Seit Jahrzehnten schauen alle einem Verfall zu, der ganz zum Schluss wieder zu einem Kampf gegen die Natur wird, die überwuchert, was die fliehenden Menschen hinterlassen haben: die leeren Fabriken, die verlassenen Häuser, Autoleichen und manchmal echte Leichen. Bagger reißen die Gebäude ein, weil der Anblick eines toten Gebäudes trauriger ist als der Anblick einer grünen Wiese. Detroits Untergang ist umso spektakulärer, weil die Pracht vorher so maßlos war. Leider haben sie nicht genug Geld, um alles einzureißen, was nötig wäre.

Das Wahlversprechen des Bürgermeisters Dave Bing, dessen Name klingt, als seien an einem Glücksspielautomaten soeben drei Zitronen nebeneinander stehen geblieben, bestand darin, in jedem Jahr 3000 verlassene Wohnhäuser abzureißen, 10 000 bis Ende 2013. Im Juli begann der Abriss des Ford Auditoriums von 1955, in dem einst das Symphonieorchester spielte. Sich an jeden Superlativ klammernd, lobt das Büro des Bürgermeisters die bahnbrechende High-End- Abrisstechnik mit dem „70 Ultra High Demolition Excavator“, zum ersten Mal eingesetzt in den USA. Die Leute werden aufgefordert, zusammenzuziehen, damit in Straßen, die nur noch ein einziger Mensch bewohnt, Wasser und Strom abgestellt werden können.

Detroit ist nach offiziellen Angaben der Verwaltung die Stadt mit dem welthöchsten Verzehr von Kartoffelchips. Sie steht an zweiter Stelle in den USA beim Verkauf von Angelruten, was möglicherweise auch an den 27 Prozent Arbeitslosen in der Innenstadt liegen könnte. Die Liste der Superlative beinhaltet die ersten individuellen Telefonnummern von 1879, die erste Meile geteerter Straße von 1909, die erste Ampel, die manuell von einem Polizisten bedient wurde, 1915.

In der Innenstadt, erzählt Eugenides, gibt es 2011 keinen einzigen Supermarkt mehr – ein Grund dafür, dass er selbst dort auf keinen Fall wieder hinziehen würde. Die Leute kaufen in Kiosken und Schnapsläden ein oder fahren raus in die Malls. Die fehlende Lebensmittelversorgung war einer der Gründe, warum 2005 mit drei ersten Gemüsegärten eine Bewegung in Gang kam, die in den Großstädten der Welt kopiert wurde. In Detroit führte sie dazu, dass Hausbesitzer mit Traktoren hinter ihrem Haus herumkurven, um die eigenen Felder zu bestellen, die einmal die Gärten der Nachbarn waren. Sie nennen es „Urban Farming“.

Als müssten sie gegen die empörende Tatsache, dass hier niemand Wurzeln schlägt, vorgehen, säen sie, was das Zeug hält. Oft ehrenamtlich, nicht am Profit orientiert. Inzwischen gibt es über 1300 Gärten. Tausende Weiße predigen wie die Indianer das Leben im Einklang mit der Natur, als hätten sie nicht auch an dieser Stelle einst die Ureinwohner besiegt.

Ein ehemaliger Börsenmakler, John Hantz, will mit 30 Millionen Dollar Investitionen die größte innerstädtische Farm der Welt aufbauen. Er will einen Großteil der verlassenen Grundstücke aufkaufen und um die Bürgersteige herumwirtschaften. Hantz will Eigentum, angestellte Arbeitsverhältnisse für viele, unternehmerische Gewinne für sich selbst. Seit Jahren wird diskutiert, ob „Urban Farming“ gar die Stadt retten könnte.

„Ich komme gerade aus London“, sagt Eugenides. „Und ein Grund dafür, dass die Stadt so großartig ist, ist die Abwesenheit von Äckern mittendrin.“

Die Amerikaner, verfassungsgemäß mit der Verfolgung des Glücks beschäftigt, packen, wenn sie das Glück woanders wähnen, ihre Koffer und ziehen ihm hinterher. „Europäer verlassen ihre Städte nicht“, sagt Eugenides. Auch in Europa schrumpfen Städte, aber Amerikaner packen und ziehen weiter. Alle. Sie hinterlassen Geisterstädte. Sie sind noch immer ein Treck.

„Ist man in Detroit aufgewachsen, versteht man den Lauf aller Dinge. Schon früh wird man in ein enges Verhältnis zur Entropie gesetzt“, schreibt Eugenides in „Middlesex“. Was meint er damit? „Alles verfällt im Leben.“ Deshalb sei das Leben wie Detroit und die Stadt ein monströser Verstärker des Verlustgefühls, das viele Menschen nach Ablauf ihrer Jugend ohnehin befällt. Ist also sein verlorenes Detroit zugleich seine verlorene Jugend? „Möglich“, sagt Eugenides.

Man muss sich vorstellen, wie Jeffrey Eugenides vor 20 Jahren seine Stadt entdeckte. Er checkte mit seiner Freundin für eine Nacht in einem alten Hotel ein, das noch unrenoviert den Glamour der 20er Jahre verströmte. Er saß in Ruinen, im abgeplatzten Dekor alter Theater, mit einem Sixpack und seinen Freunden, im Dunkeln. „Und wir haben uns deswegen nicht gleich Künstler genannt.“ Die Ruinen waren einfach das Originellste, was sie hatten. Ein paar Tage lang hat er das Taxifahren versucht, weil er Geld brauchte für eine Weltreise. „Aber ich habe einfach gar nichts verdient.“ Es fuhren in Detroit, Motor-City, noch immer zu viele Menschen ihr eigenes Auto.

Eugenides’ Verwandte sind inzwischen alle weggezogen, wie er selbst, dahin, wo die Chancen zahlreicher sind. Detroit wird im Leben des Autors, der fünf Jahre in Berlin und nach seinem 18. Lebensjahr nie wieder in seiner Heimatstadt gewohnt hat, immer mehr zum Zitat: Wenn er seinen Hund ruft, in Princeton, New Jersey, wo er an der Uni unterrichtet, dann ist „Edsel“ zugleich der Name des Sohnes von Henry Fords Sohn und eines berühmten Ford- Modells aus den 50ern. Beim Joggen zieht sich Eugenides ein Detroit-T-Shirt über.

Die Stadt besucht er wie einen bettlägerigen Verwandten: sporadisch, aber regelmäßig. Tapfer. Nach Lebenszeichen suchend. Zuletzt war er dort, um dem Autor Richard Ford die Stadt zu zeigen. Er führte ihn in das angesagte Grillrestaurant „Slows Bar BQ“, wo Detroit etwa so aussieht wie Kreuzberg, mit einer asymmetrisch verplankten Terrasse und Fahrradständern vor der Tür. Revolution! Mit dem Restaurant hatte Detroit erstmals einen hippen Platz in der Innenstadt.

Heute interessiert sich die notorisch klamme Berufsgruppe der Künstler und Schriftsteller für die Stadt, in der es freistehende Häuser für wenige tausend Dollar gibt. Und Tragik ist immer ein gutes Thema. Auch Eugenides kennt Künstler, die nach Detroit ziehen und von billigen Häusern schwärmen. Sind sie vielleicht die Zukunft? Möglich, sagt er, dass es das Glück für einzelne Menschen sein kann. Doch nicht die Lösung für eine ganze Stadt.

Aber war es nicht schon immer so, dass Künstler eine Gegend für Leute mit Geld interessant machen?

„Mit Berlin hat das funktioniert, weil es Hauptstadt ist“, sagt Eugenides. Alle haben ein Interesse an einer funktionierenden Hauptstadt. So wie die ganzen USA ein Interesse an einem funktionierenden Washington oder New York haben. „Aber es gibt überhaupt keinen Grund, Detroit zu retten.“

Stattdessen veröffentlichen Fotografen nun prachtvolle Bände von Ruinen: Grand Central Station, der Hauptbahnhof, aus dem 1988 der letzte Zug abfuhr. Verlassene Fabriken und Wohnhäuser. Es sieht aus wie Tschernobyl: verlassen, abgewirtschaftet, eine nicht mehr betretbare Zone. Diese Fotos sind Grabdeckel. „Die Bewohner macht das wütend“, sagt Eugenides. Sie leben ja noch.

Detroit steht jetzt für Verfall. Es ist zu einer Metapher geworden, die inzwischen die ganze Welt versteht. Auch der Rapper Eminem, der das Leben in der Stadt in seinem Film „8 Mile“ als Mutprobe zelebriert, zementiert die Klischees der coolen, kaputten Stadt: Nur man selbst fasst seinem Wagen unter die Motorhaube. Leer stehende Häuser anzünden erhellt einen Abend. Schlägereien sind notwendig. Musik rettet Leute aus der Gosse. Vor Ruinen leuchten Helden heller.

Die Filmszenen über spontane Rap-Wettbewerbe sind in demselben Parkhaus gefilmt, das alle Fotografen immer ablichten, weil es eben das umgewidmete Michigan Theatre von 1926 im französischen Renaissance-Stil ist und die Autos unter einer prachtvollen Saalkuppel stehen.

Und kommt nicht auch Jeffrey Eugenides in die Stadt und benutzt sie als Metapher? Nach Art berühmter Söhne berühmter Städte hat auch er den Drang, „etwas zurückzugeben“. „Middlesex ist mein Vermächtnis.“ Detroit mit seinen Autofabriken, Rassenunruhen und Fluchtbewegungen steht dort noch einmal auf.

Weltweit verkaufte sich „Middlesex“ in 38 Sprachen drei Millionen Mal. Das ist mehr, als die meisten Ford-, Chrysler-, und GM-Modelle schaffen. Bald laufen die Autoren den Autos den Rang ab. Sie halten die Stadt wenn schon nicht am Leben, so doch im Gedächtnis: Detroit, die Autor-Stadt.

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