Kultur : Deutsch oder europäisch?

Die Mahnmal-Debatte der Vertriebenen zieht ihre Kreise

Gerwin Klinger

Seit der Bund der Vertriebenen (BdV) 1999 mit einem Vorstoß für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ Druck gemacht und eine gleichnamige Stiftung initiiert hat, wird eifrig über Sinn, Zweck und Form gestritten. Etwa darüber, ob es, wie die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach fordert, in Berlin „in geschichtlicher und räumlicher Nähe“ zum geplanten Holocaust-Mahnmal stehen soll, oder, wie Markus Meckel (SPD) es möchte, in Breslau, um das Thema Vertreibung nicht national aufzuladen. „Nationales Gedenken oder europäische Erinnerung?“ So eröffnete das Deutsche Kulturforum Östliches Europa im Französischen Dom Berlin eine weitere Diskussionsrunde.

Die Publizistin Helga Hirsch gibt dem innerdeutschen Diskurs über Vertreibung den Vorrang. Es gelte, die „verinnerlichten Deformationen“, Folge der doppel-deutschen Verdrängung, zu bearbeiten. Das Bedürfnis nach Erinnerung an Schmerz und Leid, die Suche nach biografischen Wurzeln, sie müssten endlich Raum bekommen. Ihr Favorit ist ein Zentrum mit ausgeprägtt musealem Charakter in Berlin. Erika Steinbach optierte für eine nationale Gedenkstätte in Berlin, eine „Einrichtung, um zu uns selbst zu finden“, die gleichwohl der europäischen Dimension der Vertreibung zugewandt sei. Auch das Schicksal der anderen 35 europäischen Völker mit einer Vertreibungsgeschichte soll dort dargestellt werden. Ziel sei die „Solidarität der Opfergruppen“ im Namen der Menschenrechte. Beide Ansätze stießen auf den Widerspruch von Markus Meckel. Der nötige innerdeutsche Diskurs, die Vertreibung als Teil der deutschen Geschichte, das könne sehr gut im Haus der Geschichte geleistet werden. Ein Zentrum gegen Vertreibungen aber könne nur ein europäisches Projekt sein, sonst werde es trotz guter Absichten zum historischen Schuld-Hammer. Das BdV-Konzept tauge dazu nicht.

Die polnische Publizistin Nawojka Cieslinska-Lobkowicz warf der BdV-Vorsitzenden vor, mit der angestrebten Nähe zum Holocaust-Mahnmal den „versteckten Versuch einer Relativierung“ zu betreiben. Dazu passe, dass die Vertreibung aus ihrem historischen Kontext gelöst und auf das universelle Niveau von Verbrechen gegen die Menschlichkeit verlagert werde. In Wahrheit gehe es beim Zentrum gar nicht um ein „brennendes deutsches Problem“, sondern um Geld und Einfluss für eine „innenpolitisch starke Lobby“. „Welches Zentrum mit wem? Das bleibt die Frage", sah sich Meckel durch diese Kontroverse am Ende nur bestärkt.

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