Kultur : Deutsch-russisches Gesamtkunstwerk

Höhepunkt im Herbst: Die Festspiele annoncieren die Ausstellung „Berlin – Moskau/Moskau – Berlin 1950 – 2000“

Bernhard Schulz

Noch hat das deutsch-russische Kulturjahr 2003/2004 nicht offiziell begonnen. Seinen Höhepunkt wird es erst im Herbst erleben, wenn vom 28. September an im Berliner Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Berlin–Moskau/Moskau–Berlin1950– 2000“ gezeigt wird.

Den Appetit anzuregen, war der Sinn der gestrigen Pressekonferenz der Berliner Festspiele GmbH am Orte des Geschehens. Das Café im Gropius-Bau konnte die Interessenten aus beiden Ländern kaum fassen. Und auch sonst durfte man sich an die Festspiele-Pressekonferenzen seliger West-Berliner Zeiten erinnert fühlen, mit vollmundigen Ankündigungen, nebulösen Details und bemerkenswerten Zahlen.

Bigger is better, das alte (heimliche) Festspiel-Motto lebt augenscheinlich auch unter Intendant Joachim Sartorius fort. Fünf Millionen Euro soll die Ausstellung kosten, 200 Künstler mit 500 Werken präsentieren und natürlich von einem Rahmenprogramm aus Musik, Film, Theater und Dichterlesungen begleitet werden. Dafür werden Sponsoren gesucht, denn das Geld reicht lediglich für die Ausstellung. Drei Millionen Euro kommen von der Bundeskulturstiftung, die übrigen zwei – und zwar aus dem Topf der Berliner Klassenlotterie. Wer da nicht an früher denkt!

Ansonsten bleibt man lieber ungefähr. Jürgen Harten, Ex- Direktor der Kunsthalle Düsseldorf und gemeinsam mit dem stellvertretenden russischen Kulturminister Pawel Choroschilow Leiter des Kuratorenteams, hatte Mühe, die Ausstellung von ihrer mittlerweile legendären Vorgängerin von 1995 abzugrenzen, die die erste Jahrhunderthälfte der Berlin-Moskauer Beziehungen untersucht hatte. Die kommende Schau soll keine chronologische, kunsthistorische Forschungsarbeit sein, sondern eher eine „Ausstellung von aufregenden Konstellationen“, wie der Berliner Museums-Generaldirektor Peter-Klaus Schuster assistierte.

Dabei greift die Auswahl der Künstler und Werke über die titelgebenden Städte hinaus, ja bezieht auch ausländische Künstler ein. So bildet beispielsweise Barnett Newmans Gemälde „Wer hat Angst vor rot, gelb und blau“ aus dem Bestand der mitveranstaltenden Nationalgalerie gemeinsam mit einem stalinzeitlichen „Heldengedenkbild“ den Auftakt, um „das Erhabene“ in der Nachkriegszeit vorzuführen. Weitere Paarungen werden unter anderem Joseph Beuys und Ilya Kabakov („der das Sowjetsystem als Gesamtkunstwerk behandelt“) zusammenführen oder aber – für die Gegenwart – Marina Abramovic und einen Vertreter der popkulturellen „SozArt“ mit Auftragswerken für den Gropius-Bau. Es wäre „verfrüht, jetzt schon eine Künstlerliste herauszugeben“, und es gebe „keine Anrechtscheine für die Teilnahme“, ahmt Harten den Duktus entsprechender „documenta“-Vorankündigungen nach. Und der gewiefte Pawel Choroschilow ergänzt, man wolle „das Publikum mit dem überraschen, was es nicht erwartet“.

Die Ausstellung soll 2004 in die Moskauer Tretjakow-Galerie übernommen werden. Die Kosten für diese zweite Station bezifferte Choroschilow auf bis zu dreieinhalb Millionen Euro, wich aber der Frage nach der Finanzierung aus. Sartorius blieb gleichermaßen im Ungefähren: Er hoffe, dass ein Vertrag zwischen der russischen und der deutschen Seite am 7. Februar in Berlin unterschrieben werden könne – verschwieg aber den Inhalt der Vereinbarung. Die Vorgängerausstellung war 1996 im Rahmen reichhaltigen Berlin-Programms in Moskau gezeigt worden – als die Berliner Kulturgelder noch reichlich flossen.

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