Deutsch-türkische Beziehungen : Feuer und Eis

Der Ludwigshafener Brand ist nicht die alleinige Ursache für die gegenwärtige Stigmatisierung und Abgrenzung. Über die Sprachlosigkeit zwischen Deutschen und Türken.

Zafer Senocak
dt
Deutscher Sprachunterricht für eine junge Türkin. -Foto: Ullstein

Es hat sich etwas angestaut. Wer glaubt, der Hausbrand in Ludwigshafen sei die alleinige Ursache für die gegenwärtigen deutsch-türkischen Spannungen, der irrt. Der Streit um die Moscheebauten, der Fall Marco, die endlosen Debatten um Integration, Zwangsehen und Ehrenmorde: In den letzen Jahren hat man in Deutschland eine stigmatisierte Minderheit geschaffen – die Türken. Und eine deutsche Mehrheit, die sich über eine Distanzierung gegenüber dieser Minderheit definiert.

Zweifellos darf es keine Kompromisse in zivilisatorischen Fragen geben. Gerade die Türken verdrängen ihre Probleme in Deutschland allzu oft. Die Situation ihrer Kinder in den Schulen beispielsweise. Manche sind auch in der dritten Generation in Deutschland nicht angekommen, bekennen sich aber auch nicht zu der Zwischenwelt, in der sie leben. Doch ist die Tonlage bei den deutsch-türkischen Debatten häufig defätistisch. Zwischen vielen Deutschen und Türken herrscht tiefes Misstrauen. Am Ende streiten Religionen, Kulturen und Ethnien miteinander und nicht Individuen und Standpunkte.

Hätte der Fall Marco in den deutschen Medien wirklich so hochgespielt werden müssen? Hätten die türkischen Zeitungen nach dem Ludwigshafener Brandkatastrophe nicht besonnener reagieren können? Medien sind keine pädagogischen Anstalten. Sonst müsste man die gesamte Boulevardpresse verbieten. Die Medien spiegeln lediglich etwas wieder, was sich in den Herzen und Köpfen der Menschen abgelagert hat.

Jedes Feuer in einem von Türken bewohnten Haus in Deutschland ruft bei den hiesigen Türken Erinnerungen an ausländerfeindliche Brandanschläge wach. Mölln und Solingen sind zum festen Bestandteil des Deutschlandbildes der Türken geworden. So wie Ehrenmorde ein fester Bestandteil des Türkenbildes in Deutschland sind. Die deutsche Gesellschaft aber möchte an Mölln und Solingen nicht erinnert werden.

Rassistische Übergriffe gehören zum Alltag. Das Herunterspielen, aber auch das Hochspielen solcher Vorfälle ist inzwischen Standard in der politischen Auseinandersetzung. Dabei geht es längst nicht mehr um die Vorfälle selbst, sondern um festgefahrene Verhaltensmuster, um die eigene politische Positionierung; um das Gefühl, was es bedeutet, ein Deutscher zu sein; um die historische Last des Deutschseins.

Innehalten und Nachdenken über sich selbst tun not. Der türkische und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident haben dies in ihren Ansprachen vor dem abgebrannten Haus in Ludwigshafen getan. Das war nicht nur eine humane Geste, sondern auch eine patriotische. Denn es geht um den inneren Frieden Deutschlands und der Türkei.

Doch Ministerpräsident Erdogan begnügte sich auf seiner Deutschlandreise nicht damit, erhitzte Gemüter zu beruhigen. Für manchen insbesondere bayerischen Politiker, beispielweise für den CSU-Vorsitzenden Erwin Huber, ging er sogar zu weit. Er machte bei seinen Gesprächen mit der Kanzlerin Angela Merkel deutlich, dass die Türkei sich in Zukunft aktiver in die deutsche Ausländer- und Integrationspolitik einbringen, ja einmischen wird.

In Ankara sitzt zum ersten Mal ein Staatsminister für die Angelegenheiten der Auslandstürken in der Regierung. Erdogans Forderung nach mehr türkischen Lehrern, nach türkischen Schulen, gar nach einer deutsch-türkischen Universität ist reserviert aufgenommen worden. Dabei gibt es solche Schulen auf privater Basis längst. Und an der Universität Duisburg-Essen kann sogar Türkisch fürs Lehramt studiert werden. Seit Jahrzehnten gibt es übrigens auch griechische Gymnasien in Deutschland. Also noch mehr Grund für Aufregung?

Erdogans These, dass der Spracherwerb in der Zweitsprache erst dann funktioniert, wenn die Muttersprache gut erlernt wird, ist wissenschaftlich fundiert. Diese Frage hat allerdings weniger mit weiterführenden Schulen zu tun, als mit frühkindlicher Spracherziehung. Manchmal erscheint die türkische Sprache wie eine Barriere, die die Integration verhindert. Doch das ist eine unbegründete Sorge, solange es einen Konsens gibt, dass das Erlernen der deutschen Sprache für alle obligatorisch ist, die hier auf Dauer hier leben wollen. Und das nicht nur um des gesellschaftlichen Friedens willen.

Mehrsprachigkeit gehört inzwischen weltweit zum Standard des beruflichen Aufstiegs. Sie bedeutet weder Heimat noch Identitätsverlust. Sprachen sind auch nicht eifersüchtig – anders als Menschen oder Völker.

Bisher ist die deutsche Integrationspolitik vor allem eine Projektionsfläche deutscher Identitätssuche. Deshalb auch ist sie so fragil, so widersprüchlich. Moderne deutsche Identität kann sich kaum auf historische Vorbilder berufen wie in klassischen Einwanderungsländern. Deutschland ist nach wie vor ein Entwicklungsland bezüglich der Integrationspolitik.

Wenn die Türkei jetzt Entwicklungshilfe bei der Integration der Türken anbietet, darf man sich nicht wundern. Denn was die deutsche Politik gerne verdrängt, ist die Tatsache, dass zwei Millionen Menschen in Deutschland nach wie vor türkische Staatsbürger sind. Lange Zeit begegnete man ihnen von der Türkei aus mit der kalten Schulter oder der offenen Hand.

Die ungebildeten Anatolier in Deutschland waren nur als Devisenbringer interessant. Jetzt aber beginnt die Türkei, sich um ihre Bürger im Ausland zu kümmern. Eine deutsch-türkische Kooperation ist im zusammenwachsenden Europa eine Selbstverständlichkeit.

Türkische Eliten werden hierzulande dringend gebraucht, um bei der Integration breiter Schichten voranzukommen. Eliten aber sind selbstbewusst und anspruchsvoll. Sie brauchen eine eigene Ansprache, die in Deutschland weitgehend fehlt. Außerdem assimilieren sich Eliten gerne. Doch dürfen sich Zuwanderer in Deutschland überhaupt assimilieren? Wann wird so jemand nicht mehr als Fremder wahrgenommen und gehört einfach dazu? Gehört die Türkei zu Europa?

Assimilation ist heute vor allem eine Frage der Weltanschauung und des Lebensstils, der Neugier und der Offenheit, die auch mit einer multiplen Zugehörigkeit einher gehen kann. In offenen Gesellschaften, die immer einen hohen Grad an Fragmentierung aufweisen ist sie kein Schreckgespenst, sondern die Voraussetzung für eine moderne Zivilisation.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben