Deutsche Bank Kunsthalle : Die Kunst, ein Dreieck zu lieben

Kandinsky, Baselitz, Richter: Die Kunsthalle Unter den Linden zeigt die Deutsche Bank exquisite Papierarbeiten aus der eigenen Sammlung.

Marcus Woeller
Katharina Grosse, „Ohne Titel“ (1994). Öl auf Papier
Katharina Grosse, „Ohne Titel“ (1994). Öl auf PapierFoto: VG Bild-Kunst, Bonn 2013/Bernhard Schaub

Die Deutsche Bank hat sich entschieden, ihren Berliner Schauraum für Kunst weiterzuführen, auch wenn sich der klingendere Name Guggenheim längst wieder verabschiedet hat. Das war eine positive Nachricht für die Stadt, der es bei aller Kunstfülle doch an Ausstellungsräumen mangelt. Nachdem zur Eröffnung Imran Qureshi als Künstler des Jahres 2013 präsentiert wurde und danach ein Viertel des Kunstherbstprojekts „Painting Forever“ Unter den Linden logierte, muss die Bank ihre – so der neue Name – Kunsthalle nun aus eigener Kraft thematisch füllen.

Zum Glück hat sie eine Kunstsammlung. Seit 1979 sammelt das Frankfurter Finanzunternehmen die Schwerpunkte Papierarbeiten und Fotografie. Diese Wertpapiere ideellerer Natur sind inzwischen auf einen Bestand von 60 000 Werken angewachsen und werden den Mitarbeitern an ihren Arbeitsplätzen und den Kunden in den Filialen zugänglich gemacht. Die Kunsthalle soll nun in regelmäßigem Turnus Platz für öffentliche Ausstellungen bieten.

Die argentinische Kuratorin Victoria Noorthoorn macht jetzt den Anfang und bringt 132 Werke aus dieser Corporate Collection in der Ausstellung „The Circle Walked Casually“ gewissermaßen auf Linie. Inspiriert von einer Kurzgeschichte des uruguayischen Schriftstellers Felisberto Hernández und der Innenarchitektur von Daniela Thomas und Felipe Tassara hat sie den eher brachialen Raumriegel der Kunsthalle in eine weiß strahlende, fast konturlose Wolke verwandelt, in der man sich Blatt an Blatt durch die Sammlung hangeln kann.

Die Arbeiten schweben praktisch. Nichts hängt an den Wänden, sondern alles von einer sich unter der Decke windenden Führungsschiene herunter, die, mal enge mal weitere Kurven beschreibend, einmal hin und zurück durch den langen Raum mäandert. Dabei strukturiert ihn die experimentelle Hängung in kompakte Kabinette und Beulen, die sich dreist hervorstülpen. Zwei Porträts aus der Reihe „Ordinary People“ des südafrikanischen Künstlers David Koloane drängen dadurch aggressiv nach vorne, während sich einige Tusch- und Kohlezeichnungen von Georg Baselitz diskret zurückziehen.

Und dazwischen drängt sich Wassily Kandinsky mit seinem "Aquarell mit rotem Fleck"

Louise Bourgeois macht sich so hoch wie breit mit ihrer vielteiligen Arbeit „10 AM Is When You Come to Me“ von 2006. Wie in einem Verband von Mauerwerksteinen fügen sich die aquarellierten Radierungen aus Armen und Fingern, die einander greifen, zu einem kolossalen Händeschütteln. Auch die Kreidezeichnung „Ruderer“ von Max Beckmann bekommt eine exponierte Position. Immerhin ist sie eines der hochkarätigsten Stücke der Ausstellung. Eher im Verborgenen glänzen dagegen drei frühe Formstudien der US-amerikanischen Künstlerin Eva Hesse, die in den 1960er Jahren die männlich dominierte Minimal Art mit Poesie und Materialwitz aufweichte.

Noorthoorn mischt die Künstler und Künstlerinnen, Techniken und Formate, Genres und Gattungen, um der Bandbreite der Sammlung gerecht zu werden. Sie schafft aber auch Orte der Kommunikation, in denen Arbeiten in Zwiesprache treten können. Nach den strengen, fast autistischen Werken von Hanne Darboven und der in Schönschrift alles unter sich lassenden Aufforderung „regardez ailleurs“ – schaut woanders hin – von Ben Vautier, wird es plötzlich bunt. Kleine Kolorationen der mittlerweile zu größerer Geste neigenden Katharina Grosse treffen unvermittelt auf ebenso kleine Wasserfarbstudien von Gerhard Richter. Dazwischen aber zwängt sich Wassily Kandinsky mit seinem „Aquarell mit rotem Fleck“ von 1911. Gerade so, als wolle er zeigen, wer die Marschrichtung in Sachen Avantgarde und Abstraktion bis heute vorgibt.

Solche Begegnungen haben das Dialogpotenzial, das Kuratoren ihren Exponaten so gern abverlangen. Ein Gitter scheinbar achtlos hingeschmierter Acrylfarbstreifen eröffnet eine kurze Sektion von Architekturfantasien. Vic Muniz persifliert den Barockutopisten Piranesi, Richard Buckminster Fuller versammelt geodätische Körper, die vermutlich keine Abhöranlagen zu verbergen haben und Erick Beltrán driftet mit einem digital auf PVC-Folie gezeichneten „Ideologischen Objekt“ schon über die Schwelle zum Grafikdesign. Gegenüber blicken zwei naive Mädchenköpfe der Worpsweder Expressionistin Paula Modersohn-Becker neugierig auf einen sich aus blauem Aquarellornament aufrappelnden Golem von Tony Cragg, der sonst monumentale Skulpturen am Computer entwirft. In solchen Momenten zeigt sich, wozu das altmodische Medium Papier damals wie heute am besten taugt: für das Experiment, Linien und Formen zum Leben zu erwecken.

„The Circle Walked Casually“ – das ist auch der erste Satz von Hernández’ Erzählung, in der sich ein Kreis in ein Dreieck verliebt. Beide beginnen eine imaginäre Reise entlang einer horizontalen Linie. In der Ausstellung meint man, ihnen zu begegnen.

bis 2. März, 10–20 Uhr, Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15

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