Kultur : Deutsche Dämmerstunden

Filme, die vor dem inneren Auge ablaufen: Die Toten von Stammheim – und die Kinolegende Fritz Lang in Kalifornien / Von Alexander Kluge

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Alexander Kluge, 1932 in Halberstadt geboren, ist Schriftsteller, Filmemacher und Produzent. Er drehte über zwanzig Filme, darunter „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ und „Die Patriotin“, und er gehörte zu den Regisseuren vcn „Deutschland im Herbst“ (1978). Kluge ist verantwortlich für mehrere unabhängige Kulturmagazine, die in den Fensterprogrammen der dctp bei RTL und Sat1 laufen. Als Schriftsteller trat er erstmals 1962 hervor, als er in der Gruppe 47 aus seinem Erzählungsband „Lebensläufe“ las. 2003 erhielt Kluge den Georg-Büchner-Preis. Zu seinem 75. Geburtstag am kommenden Mittwoch erscheinen im Suhrkamp Verlag seine „Geschichten vom Kino“ (351 Seiten, 22,80 €.), denen wir die folgenden Texte entnehmen.

Am Vorabend war es unklar, ob die Toten von Stammheim auf dem Dornhalden-Friedhof begraben werden dürften.Wir besuchten die Eltern von Gudrun Ensslin. Wir führten eine Video-Ausrüstung mit uns, wie sie heute nicht mehr existiert. Die Kassetten sind nicht mehr abspielbar. Die Mutter Ensslin berichtete, Volker Schlöndorff fragte. Sie habe, erzählte Frau Ensslin, dieses Kind, Gudrun, entgegen der Weisung ihres Mannes, schon wenige Monate nach der Geburt, d. h. noch vor der Taufe, dem Muttergestirn, der Sonne, ausgesetzt. Das Kind habe „ungetauft in der Sonne gebadet“. Nach protestantischer Auffassung, die sie, Frau Ensslin, nicht teile, bestehe die Gefahr, dass ein Kind, wenn man es vor der Taufe nackt der Sonne aussetze, vom Satan ergriffen werde. Es sei doch aber inWahrheit gesund, Sonne an den Körper heranzulassen.

Jetzt, nachträglich, habe sie allerdings Zweifel, ob sie nicht Unglück über ihr Kind gebracht habe. Andererseits sei aber auch zweifelhaft, ob dieser Tod, aufgrund der Entschlossenheit aller Aktionen dieses Kindes, ein „Unglück“ genannt werden könne, denn ein Mensch müsse seinem Willen folgen, seiner Bestimmung. Auch das gehe ihr nicht aus dem Kopf an diesem Vorabend, von dem sie und ihr Mann noch nicht wüssten, wie sie ihn aushalten könnten. Sie war von Trauer erfüllt. Sie hatte genug von dieser Trauer und war aufsässig; sie suchte einen Ausweg fürs Gefühl zu finden. Sie suchte nach einer Übereinstimmung mit dem Kind, das morgen begraben sein würde. Es ist nicht so, sagte sie, dass 40 weitere Jahre, die Ankunft im Greisinnenalter, Gudrun zu einem energiereicheren Menschen gemacht hätten, Jahre, die sie gleichgültig und unparteiisch hätte verbringen müssen, um zu überleben.

Wieso wäre das ein größeres Glück gewesen? Umgekehrt hütete sie sich auch (um nicht in eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann zu geraten, der ins Zimmer getreten war und stumm dabeisaß, während die Worte seiner Frau aufgezeichnet wurden), von einem „glücklichen Tod“ zu sprechen. Sie haderte mit sich, ob sie, die Eltern (oft getrennt handelnd oder verschieden sprechend), eine Schuld an diesem grausamen Ausgang trügen, denn grausam war er. Wäre es gewiss, dass sie überhaupt keinen Einfluss darauf gehabt hätten (obwohl sie als Eltern in der frühen Zeit des Kindes viel Einfluss besessen hatten), hätten sie mit dem Geschick Frieden schließen können. Offenbar kannte diese Mutter ihre Tochter besser, als sie vorgab, ja, ihre Seele spannte sich weit aus an diesem Vorabend, und in diesem Augenblick empfand sie vieles, was die Tochter motiviert haben mochte, wie etwas Eigenes.

Wir hatten inzwischen sechs der quadratisch geformten Kassetten bespielt, handliche Chemieteufel, mit denen man Stunden von Interview speichern konnte. Es gehörte zu Schlöndorffs Stil, mit extremer Geduld und ohne Höflichkeiten eine dokumentarische „Untersuchung“ zu ihrem äußersten Ende zu führen. Die Dämmerung war hereingebrochen. Es verhält sich nicht so, sagte er, dass morgen ein „Tag der Hinrichtung“ bevorsteht. Vielmehr ist alles schon geschehen; die Beerdigung tut nichts Schreckliches hinzu; eher wird es tröstlich sein, dass die drei nebeneinander, zwei davon in einem Grab, zu liegen kommen. Dokumentarische Momente sind nicht wiederholbar. Am nächsten Tag (oder auch am Tag zuvor) hätte die Mutter Ensslin nicht so berichtet. Was heißt berichten? Sie äußerte sich, weil sie einen Beweggrund dafür spürte, weil sie so zurechtzukommen glaubte mit einem Kind, das sich von ihr getrennt hatte. Sie sei sich nicht sicher, sagte sie, ob sie nicht als Christin gegen „die scheinheilige Obrigkeit“, als deren Opfer die Toten gelten konnten, selbst zu denWaffen greifen müsse. Ihr geistlicher Lebensgefährte, Gudruns Vater, schien die Frage nicht zu billigen. Sie verwarf sie. Mit welchen Mitteln auch sich wehren? Mit einer Mauserpistole gegen die Bundeswehr ausrücken? Es war in ihr ebensoviel „realer Sinn“ wie „Auflehnung“.

Wir alle im Raum waren in innerer Turbulenz. Unklar im Kopf, weil so viele Emotionen durcheinandergingen; auch solche, die mit den Toten, die am folgenden Tag zu beerdigen waren, gar nichts zu tun hatten. Das wenigste in dieser Dämmerstunde war politisch. Es ist furchtbar, wenn die Kinder vor den Eltern sterben. Objektiv, und insofern „vernünftig“, waren nur das Aufnahmegerät und das Material, das am Aufnahmekopf der Aufzeichnung vorüberspulte. Wir haben dieses Gespräch nie veröffentlicht. Nicht nur weil die Situation intim, sondern weil sie voller Verwirrung war. Wir sind darin geschult – Schlöndorff mehr als ich –, uns bei Dokumentationen entschieden zu verhalten, keine Scheu zu haben, das Gerät in Gang zu bringen. Wir hatten diese Mutter vor Augen. Wir waren uns nicht sicher, was rechtens wäre: das Gerät abzustellen oder die Aufzeichnung nicht zu publizieren.

Im hellen Licht Kaliforniens saß er im Rollstuhl auf der Terrasse blicklos da. Seit einiger Zeit war er blind. Es hieß, er habe bei seinen letzten Dreharbeiten bereits Schwierigkeiten mit den Augen gehabt. Es sei deutlich gewesen, dass er erblindete. Andere sagten, er habe dies als Grund für seinen Rückzug vorgeschoben, damit verdeckt blieb, dass sich nach seiner Rückkehr aus der Bundesrepublik in die USA wenig neue Angebote ergaben; die Verhandlungen zerschlugen sich. Da war es besser (mit der Würde, wie er sie verstand, vereinbarer), wenn er aus physischen Gründen von sich aus auf weitere Filmarbeit verzichtete. Vertraute von ihm sagten: Bei einem Meisterregisseur wie Fritz Lang ist es für die Regieführung nicht wesentlich, dass er etwas sieht, er hat in seinem Leben genug gesehen. Er sieht jede Szene mit dem „inneren Auge“ und muss sie nur den Darstellern, dem Kamerateam, den Beleuchtern und den Aufnahmeleitern erklären. Die setzen dann die Szene um. Es ist ein Irrtum, zu glauben, sie kontrollieren zu müssen. Richtig ist, dass er ihnen sagt, was zu tun ist. Er muss das Bild, das er vor seinem inneren Auge hat (und mehr gibt es zu Anfang der Dreharbeiten ja nicht), farbig und mit hoher Bestimmtheit schildern. Oft saß er da in der aufdringlichen Sonne des Landes, durch das physische Handicap gewissermaßen gnädig geschützt. Er ließ vor seinem inneren Auge die Filme ablaufen, die er – zu seinem Bedauern – nicht hatte drehen können. Er hatte viel Zeit verloren durch die Emigration aus Deutschland nach Frankreich und später in die USA, danach durch die versuchte Rückkehr nach Deutschland. Und jetzt: Warten auf den Tod. Ohne Auftrag. Das waren entscheidende Zeiträume, die er gern mit Filmen, die schon geplant waren, ausgefüllt hätte. Er konnte sie Szene für Szene beschreiben. Für einen Augenblick, noch in Europa, hatte sich Godard solche Beschreibungen angehört. Einen Nachmittag lang war Godard entschlossen gewesen, einen dieser Entwürfe zu verfilmen. Das verspielte sich dann, weil Godard mit eigenen Entwürfen beschäftigt war.

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