Kultur : Deutsche Demokratische Replik

Mit dem Berliner Schloss soll ein Traumbild preußischer Traditionen errichtet werden / Von Dieter Hildebrandt

Barockes Polyester. Die Fassaden-Attrappe des Berliner Stadtschlosses im Sommer 1993.
Barockes Polyester. Die Fassaden-Attrappe des Berliner Stadtschlosses im Sommer 1993.Foto: akg-images

Wir bauen uns ein Schloss. Die Berliner Republik sucht ihre Mitte und plant sie in historischer Aufführungspraxis. Die urbane Utopie heißt Tradition; der Zeitgeist erwartet seine Zukunft in der Vergangenheit; das 21. Jahrhundert verschafft sich ein architektonisches Refugium in barocker Manier. Die Trauerarbeit am Verlorenen und Verwirkten soll sich als maßstabgerechte, weitgehend detailgetreue Rekonstruktion des alten Berliner Stadtschlosses von Andreas Schlüter und Johann Fr. Eosander vollziehen.

Das wiedervereinigte Deutschland bekommt seine programmatische Großbaustelle, und die Residenz der Hohenzollern an der Spree soll in neualter Gestalt als Humboldt-Forum ein Katastrophenjahrhundert vergessen machen. Avantgardistische Ansprüche kommender Nutzung werden sich hinter historisierendem Blendwerk verschanzen. Und der Mitinitiator des Schlossprojekts und Gründer eines Fördervereins, Wilhelm von Boddien, fordert uns unermüdlich auf, der Muse Klio mit Schlossbausteinen unter die Arme zu greifen, etwa mit einem „Widderkopf mit Girlande“ für 9000 Euro oder einem „Kolossalsäulenkapitell“ für 159 000. Sein Ruf an uns alle heißt: „Machen Sie Geschichte!“

Die Propagierung der Schloss-Idee hatte fast zeitgleich mit der Feier der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 eingesetzt. Es war der konservative Publizist Joachim Fest, der sich an die Spitze der Rekonstruktionsbewegung setzte. Am 30. November 1990 legte er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den Wiederaufbau nahe: „Die Stadtplanung für das innere Berlin sollte die Überlegung nicht ausschließen, das Schloss wieder aufzubauen. Das Stadtbild verlangt an dieser Stelle einen Raumkörper, der die beziehungslosen Bauteile um den Lustgarten wieder verklammert.“ Und wie ein Echo ließ sich wenig später der hochgebildete Antimodernist Wolf Jobst Siedler in einem seither epochemachenden Essay mit dem Titel „Das Schloss lag nicht in Berlin – das Schloss war Berlin“ vernehmen. Obwohl Hüter historischer Authentizität, war er in diesem Fall kompromissbereit: „Das Original lässt sich niemals wiedergewinnen, und wenn man tausend Einzelteile findet, die man in den Neubau einfügt. Aber es gibt keine andere Möglichkeit, die Stadt als Stadt zu retten.“

Schon zwei Jahre danach, 1993, ließ Wilhelm von Boddien auf Polyesterbahnen einen Teil der Nordwestfassade des Schlosses nachmalen und hängte die plakativen Planen an einem Stahlgerüst ortsgetreu auf, so dass man, aus der Perspektive Unter den Linden, die Illusion einer traumhaften Auferstehung aus Ruinen haben mochte. In Wahrheit aber sollte die für ein gutes Vierteljahr gedachte Attrappe das sein, was die französische Bezeichnung eigentlich besagt: eine Falle, in der momentane Faszination dauerhaft gefesselt und umstrickt wurde.

Denn kaum war der Vorhang gelüftet, begann eine Art Nationaldrama, ein Debattenturnier um das Für und Wider von Neubau oder Nachbau, von Moderne oder Tradition; um die Jahrhundertchance für eine exemplarische Architektur des 21. Jahrhunderts oder die urbane Pflicht, einen genialen Baumeister des Barock, Andreas Schlüter, heimzuholen an seine alte Wirkungsstätte. Die sogenannte Schlossdebatte war so lebhaft und allgemein, so kontrovers und elementar, dass der kluge Satyr Robert Gernhardt sagen konnte, sie sei doch schon Rekonstruktion genug. Auf der einen Seite wurde der Wiederaufbauplan als „ein republikanisches Versprechen“ gepriesen („FAZ“), auf der anderen als ein „Denkmal der Geschichtslosigkeit“ abgetan („Die Zeit“); die barocke Replik wurde als „Bankrotterklärung der Moderne“ bezeichnet.

Die Frage „Schloss oder Nicht- Schloss?“ war nicht allein entscheidend. Die Debatte ging vor allem um ein weites Feld, das keine Metapher war, sondern mitten in der Hauptstadt lag. Um eine Brache, über die der scharfe Wind eines mehrfach verhunzten deutschen Schicksals, einer katastrophalen Selbstzerstörung der Nation, wehte. Der Mythos der Mitte, das hatten die Appelle von Fest und Siedler erkennen lassen, war der (un)heimliche Impetus der zur Bewegung sich formierenden traditionstreuen Emotionen. Dabei war der Platz zwischen den beiden Spreearmen zunächst ja nicht leer, sondern mit dem Glaskasten des „Palastes der Republik“ besetzt und dem Namen nach ziemlich genau das, was sich das vereinte Land an dieser Stelle bestenfalls wünschen konnte: einen Bau als Monument der Demokratie, begehbares Einheitsdenkmal, Gravitationszentrum fürs republikanische Bewusstsein.

Doch je länger sich der rasch beschlossene, mit Asbest-Verseuchung gern motivierte Abriss des DDR-Kulturerbes hinzog, umso drängender machte sich das Traumbild des alten Berliner Stadtschlosses in Publizistik und Politik und Stadtplanung geltend, ähnlich, wie es die Fassadenplanen Boddiens angeregt hatten. Nach einem Jahrzehnt hatte die Debatte Gremien gezeugt und zu Beschlüssen geführt. Noch vor dem Aus für den Palast wurde im Jahr 2001 vom Bund und der Stadt Berlin eine Internationale Kommission „Historische Stadtmitte Berlins“ einberufen, die im Dezember mit einer Stimme Mehrheit eine Rekonstruktion in der „Stereometrie“ des alten Schlosses empfahl, in dessen Ausmaßen von 200 mal 120 Metern, in der Höhe von 31 und möglicherweise mit der Kuppel von 74 Metern.

Die Entscheidung wurde aber ein halbes Jahr später, am 4. Juli 2002, durch einen Bundestagsbeschluss mit der Mehrheit von 380 gegen 133 Stimmen gutgeheißen und in den Folgejahren mehrfach bestätigt. 2006 wurde dann ein internationaler Architektenwettbewerb in Gang gesetzt, der zwei Jahre später mit der höchst umstrittenen Krönung des unbekannten italienischen Architekten Franco Stella abgeschlossen wurde: Sein Entwurf war (und ist) ein Meisterwerk der Mimikry.

Dem Bombast war ein Gegenentwurf eingeschrieben, von der Expertenkommission griffig als Humboldt-Forum benannt, aber wolkig als „Ort des Dialogs, der bürgerlichen Teilhabe und der gleichrangigen Zeitgenossenschaft der Weltkulturen“ angepriesen. Konkret laufen die Planungen (derzeit) auf eine Mischnutzung durch die Humboldt-Universität, auf eine neue, angeblich revolutionäre Präsentation der Dahlemer ethnologischen Sammlungen und auf die Unterbringung der Berliner Stadt- und Landesbibliothek hinaus, mit zunehmenden Reibereien unter den Aspiranten und der erwartbaren Reibung an der funktionsuntauglichen Architekturt.

Während also weiter über Schlossprojekt und Humboldt-Forum gestritten wird, eröffnet sich mit der Verschiebung des Baubeginns auf Jahre (2013/14), in denen ursprünglich schon die Fertigstellung hätte gefeiert werden sollen, eine neue Bedenkzeit, Gelegenheit für Skrupel, Nachfragen, Geschichtsarchäologie. Das Schloss war für viele Generationen eine ungeliebte Festung, ein erdrückendes Ambiente aus Verlorenheit und Zwang. Das Schloss, auf einen Nenner gebracht: tausend Zimmer und keine Seele.

Und so steht dem Pathos der Heimins-Schloss-Bewegung der Berliner Republik die Schloss-Flucht der meisten früheren Bewohner geradezu sarkastisch entgegen. Das Gemäuer, das sich unsere Zeitgenossenschaft so höflingshaft zurückwünscht, war vielen von denen, die darin hatten hausen oder herrschen sollen, ein Ärgernis, dem sie in andere Quartiere, in neuerbaute oder -erworbene Schlösser zu entkommen suchten.

Ob Friedrich Wilhelm I., ob Friedrich der Große, ob Friedrich Wilhelm III. oder gar König und Kaiser Wilhelm I. – sie alle suchten früh, manche zeitlebens, das Weite, ob in Charlottenburg oder Potsdam, in Köpenick oder Königswusterhausen oder auch nur nebenan, auf der Straße Unter den Linden. Fast alle diese Fluchten der preußischen Kurfürsten und Könige und Kaiser waren nicht nur Distanzierungen von der labyrinthischen Monumentalität der Schlossgemächer, nicht allein Befreiungen von der Endlosigkeit dieser Gänge und Korridore und hochschraubenden Treppen, nicht idyllische Sehnsuchtswege aus diesem festgemauerten Steinbruch brandenburgisch-brutaler Tradition, nicht auch nur Abschiede von der Stadtluft Berlins, die einen umso heftiger umwehte und umstank, je näher die Architektur ihr auf den Volksleib gerückt war: Sie waren vor allem ideologiekritische Akte, dynastische Kehrtwendungen, sublimierte Vatermorde, wenn sie nicht überhaupt nur Rettungsversuche waren, Lebensbehauptungen, Verzweiflungstaten.

Die berühmteste, berüchtigtste, unseligste Flucht aus der erdrückenden Wucht dieses Schlosses hat Europa skandalisiert und erschüttert; sie hat, als vereitelte, dem Flüchtling später zur Größe verholfen, aber den Menschen in ihm zerstört. Das war, wie Heinrich Mann es genannt hat, „die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“.

Die preußischen Herrscher haben im Schloss also kaum je gewohnt und selten regiert. Sie haben es als markantes Machtmonument geschätzt und hauptsächlich als Mehrzweckhalle für Feste, Empfänge, Karnevalsfeiern, Thronreden und Empore für Ansprachen ans Volk genutzt. Es war über Jahrhunderte im Wesentlichen ein Leergebäude. Erst der letzte Kaiser, Wilhelm II., hatte sich dort wieder herrscherlich und herrlich einzurichten versucht; die Dimensionen entsprachen seinen Allmachtsphantasien. Dazu nahm er sich übrigens auch das Recht heraus, das bis heute immer wieder Walter Ulbricht als Unrecht angekreidet wird: das der Zerstörung. Ehe er im November 1918 abdankte, drohte er mit Konsequenzen: „Und wenn ich mir mein eigenes Schloss zerschieße!“

Kafkas Landvermesser scheint auf die deutsche Situation im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends zu verweisen: „Was mag das für eine große Verbindung mit dem Schloss sein, wirst du dir denken. Und du hast recht; eine große Verbindung ist es nicht. Ich kenne jetzt zwar viele Diener, die Diener aller der Herren fast, die in den letzten Tagen ins Dorf kamen, und wenn ich einmal ins Schloss kommen sollte, so werde ich dort nicht fremd sein. Freilich, es sind nur Diener im Dorf, im Schloss sind sie ganz anders und erkennen dort wahrscheinlich niemanden mehr, und jemanden, mit dem sie im Dorf verkehrt haben, ganz besonders nicht.“ Der „Landvermesser“ K. kam nie hinein. Sollte es einem vermessenen Land gelingen?

Dieter Hildebrandt, 1932 in Berlin geboren, lebt als Romancier („Die Leute vom Kurfürstendamm“) und Sachbuchautor im Spessart. Der Text ist ein Vorabdruck aus seinem Buch „Das Berliner Schloss. Deutschlands leere Mitte“ (296 S., geb., 19,90 €), das am 26. September erscheint.

© Carl Hanser Verlag München 2011

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