Deutsche Filme : Mein Nachbar, der Held

Perspektive Deutsches Kino: Fußball, Freundschaft, Feuerwehr: 13 Filme aus Berlin und Köln.

Christina Tilmann
Helden der Nachbarschaft
Szene aus "Die Helden der Nachbarschaft". -Foto: Promo

Es ist eine Zitterpartie, bis fast zum Schluss, und dann ein großartiger Erfolg. Ein Märchen, geboren aus Naivität. Die kleine Kreuzberger Frauenfußballmannschaft, die ein Freundschaftsspiel im Iran organisiert, und den Frauen dort, in dem Stadion in Teheran, für wenige Stunden Freiheit schenkt und Selbstbewusstsein, ja den Mut zum Protest, trotz aller schwarzbeumhangten Sittenwächterinnen: Sie wussten natürlich nicht, worauf sie sich einließen. Bekommen es durchaus auch mit der Angst zu tun, in Teheran, als die Verhältnisse immer undurchsichtiger werden und nicht klar ist, wer verhindert hier eigentlich was. „Fußball Under Cover“ ist kein besonders raffinierter Film, sehr direkt, sehr handgemacht – doch dass überhaupt gedreht werden durfte, dort im Stadion, und bei den Beratungen, grenzt an ein Wunder. Am Ende müssen Mannschaftsmanager und Regisseur draußen bleiben, vor den Toren des Stadions, und drinnen feiern die Frauen fröhlich Verschwisterung.

Es sind solche Filme, mit denen die Perspektive Deutsches Kino sich in den sieben Jahren ihrer Existenz zu einem Erfolgshit der Berlinale entwickelt hat. Regelmäßig sind die Publikumsvorstellungen ausverkauft, oft auch finden die Filme später den Weg ins Kino, oft monatelang. Filme wie „Prinzessinnenbad“ im vergangenen Jahr, oder „Der Glanz von Berlin“, der Eröffnungsfilm des ersten Jahrgangs. Dokumentarfilme, sozusagen vor der Haustür gedreht, die Protagonisten oft solche, nach denen man sich auf der Straße nicht einmal umdrehen würde. Und doch märchenhafte Erfolgsfilme, weil sie davon erzählen, dass das Leben bunt sein kann, und lustig und hoffnungsvoll, auch wenn erst einmal gar nichts dafür spricht.

Ein Zufall, dass solche Filme oft aus Berlin kommen? Dass sie hier entstehen, wo die Verhältnisse gar nicht so sind? Und gerade hier so viel Zärtlichkeit, so viel Humor entwickeln? Das gilt auch für den Spielfilmbereich, auch wenn Jovan Arsenics „Die Helden aus der Nachbarschaft“, das diesjährige Exemplar der Prenzlauer-Berg-Komödie, etwas sehr im Fahrwasser von „Sommer vorm Balkon“ schifft, mit einer unglücklich verliebten Pfannkuchenbäckerin, einem von seiner Frau verlassenen Feuerwehrmann, einer abgehalfterten TV-Moderatorin, deren PsychologenEhemann sie betrügt, und zwischen allen eine ratlos-rebellische Jugend. Na klar, dass am Ende die Liebe siegt, und eines der schönsten Bilder, mit einer Riesenpfannkuchenform in einem Berliner Hinterhof, liefert der Film auch.

Die wesentlich spektakulärere Berlinsicht aber bietet der diesjährige Eröffnungsfilm, „Berlin – 1. Mai“, live gedreht in einer heißen Nacht der Mai-Unruhen rund um die Oranienstraße, drei Kamera- und Regieteams (Sven Taddicken, Ludwig & Glaser, Jakob Ziemnicki) folgen je einem Erzählstrang, zwei Provinzlern aus Minden, die einmal im Leben wirklich Bambule erleben wollen, einem von seiner Ehefrau frisch gehörnten Polizeimann im Bereitschaftseinsatz und einem kleinen türkischen Jungen, der im Verlauf dieser Nacht schmerzlich lernt, dass Gewalt keine Lösung und die Parolen der älteren Brüder nicht unbedingt Vorbild sind für sein Leben. Formal raffiniert, elegant verschränkt, wechselt der Film mit schöner Leichtigkeit zwischen den Strängen. Dass am Ende alles im Urban-Krankenhaus vielleicht etwas sehr gewollt zueinanderfindet – geschenkt. Für vieles in Berlin, von Jugendgewalt bis Migrationsthematik, weiß der Film eine Antwort, und keine schlechte.

Doch nicht immer enden die Geschichten gut: „Drifter“, ein Dokumentarfilm von Sebastian Heidinger, einem dffb-Studenten von Andres Veiel, begleitet die heutigen Kinder vom Bahnhof Zoo, Aileen, Angel und Daniel, von Notunterkunft zu Notunterkunft, zur Bahnhofsmission oder der Bereitschaftsärztin, beobachtet ihre Freundschaft und wie sie zerbricht, den Versuch, aus dem Kreislauf aus Drogen und Prostitution zu entkommen, und auch wenn Aileen es am Ende geschafft zu haben meint, setzt der Film ein zweifelndes Fragezeichen: Gerade die Freundschaft zieht sie immer wieder in den Teufelskreis zurück. Schwärzer noch sieht die Welt nur noch in dem Kurzspielfilm „Robin“ von Hanno Olderdissen von der Kölner Filmhochschule aus: ein Achtjähriger, der nach einem Heimaufenthalt heimkehrt zu Mutter und Baby-Schwester und in einen Strudel von häuslicher Gewalt gerät, wo gerade die Stille, der Stillstand, das Nichtstun die Katastrophe in Gang setzen.

Berlin und Köln – das sind die beiden Player der diesjährigen Perspektive, die vielleicht nicht ihren stärksten Jahrgang hat. Sechs zu fünf für Berlin steht es unter den 13 Filmen, Potsdam und Stuttgart liefern je einen Film. Doch während aus Berlin die harten Themen kommen, präsentiert sich aus Köln eine antriebslose Wohlstandswelt. Sei es, wie in Iris Janssens „Die Dinge zwischen uns“, eine Bürgermeistersgattin aus Kevelaer, die entdeckt, dass ihr Mann fremdgeht und daraufhin selbst ein Bordell besucht, oder in Lola Randls „Die Besucherin“ eine Wissenschaftlerin, die aus dem Familienleben ausbricht und in der Wohnung eines Fremden ein Parallelleben beginnt – beide von Frauen gedrehte Filme probieren den Ausbruch, in Bildern, die optisch auf Nummer sicher gehen, auch wenn sie von der Verunsicherung erzählen. Nimmt man noch die Kurzfilme „Lea“ von Steffi Niederzoll und „Lostage“ von Bettina Eberhard hinzu, zweimal junge Frauen, die aus einer Zufallsbegegnung aus ihrem Lebenskreis gerissen werden, ergibt sich das Bild einer zweigeteilten Film(hochschul)landschaft. Der Westen der Republik scheint planetenweit entfernt von den Themen, die die Berliner Regisseure umtreiben. Da ist selbst Teheran, wo die Kreuzberger Fußballerinnen Gleichgesinnte finden, noch näher.

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