Deutsche Fotografie seit 1979 : Raum aus Zeichen

Helga Paris, Peter Piller und Michael Schmidt: Die Ausstellung „Reloaded (II)“ in der Galerie Kicken

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Am 6.6.1985 fotografierte Thomas Leuner im Kreuzberger SO36 während des Konzerts "Gruftgesänge in schwerer metallener Aufmachung
Am 6.6.1985 fotografierte Thomas Leuner im Kreuzberger SO36 während des Konzerts "Gruftgesänge in schwerer metallener AufmachungThomas Leuner

Von Taktik lässt sich Wilhelm Schürmann nicht beeindrucken. Dafür ist der ehemalige Galerist und aktive Fotograf erstens zu alt. Und zweitens viel zu versiert, als dass man ihm mit ein paar Effekten kommen kann.

In der Fotografie bevorzugt Schürmann, Jahrgang 1946 und einer der wichtigsten deutschen Sammler dieses Mediums, das „gelebte Leben“. Insofern passt Thomas Leuners 80er-Jahre-Momentaufnahme aus dem SO36 perfekt in seine private Kollektion. „Fotografiegeschichtlich, qualitativ und mit Blick auf die Berlin-Realität“, sagt Schürmann. Und vergisst nicht zu erwähnen, dass der Künstler Martin Kippenberger den legendären Berliner Club eine Zeit lang besaß und mit seinem eigenen Geld fütterte, um ihn zu erhalten. Das SO36 ist ebenso ein Stück Kulturgeschichte.

Wen hat man übersehen, wer ist heute wichtig?

Schürmann besitzt das Bild und stellt es aktuell in der Galerie Kicken aus – obwohl er die Ausstellung „Reloaded (II)“ selbst kuratiert hat und deshalb den Eindruck von Objektivität verbreiten muss. Wer nun allerdings in seiner Doppelfunktion als Kurator und Leihgeber einen Konflikt der Interessen vermutet, hat die grundsätzliche Widersprüchlichkeit des gesamten Projekts noch nicht ermessen: „Reloaded“ ist der großartig anspruchsvolle und dabei wunderbar vergebliche Versuch, aus einem halben Dutzend Perspektiven auf die Geschichte der deutschen Fotografie zu schauen, um sie anschließend linear zu erzählen.

Es wirken mit: Wilhelm Schürmann und Klaus Honnef als Museumsdirektor und Pionier, der das Medium überhaupt erst in die deutschen Institutionen brachte. Seine Schau „Reloaded (I)“ war Anfang des Jahres in der Galerie Kicken zu sehen und folgte streng der Choreografie einer Ausstellung von 1979.

„In Deutschland – Aspekte gegenwärtiger Dokumentarfotografie“ hieß das spröde Projekt von Honnef und seinem jungen Ko-Kurator Wilhelm Schürmann im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Zu sehen war die strenge, sachliche Fotografie mehrerer Düsseldorfer Studenten, die noch niemand kannte: Candida Höfer, Thomas Struth, Axel Hütte. Dazu Berliner Impressionen von Michael Schmidt und nüchterne Kioske von Tata Ronkholz, die heute wie Zeugnisse einer vergangenen Bundesrepublik anmuten.

Der Kanon deutscher Fotogeschichte

Für das verantwortliche Duo waren es die Positionen der Zukunft – und der erste Teil von „Reloaded“ ein sprechender Beweis für ihren verlässlichen Instinkt. Nach Honnef, der diesen Part als Kunsthistoriker rekonstruierte, ist Schürmann nun für die Fortsetzung zuständig. Als „Konkurrent und Fan“ in einer Person, der „mit dem ebenso lustvollen wie lüsternen Blick des Sammlers und Galeristen“ auf die Fotografien blickt. Was wiederum nach einem unauflösbaren Widerspruch klingt, tatsächlich aber von Vorteil ist, wenn man hinter die Sujets schauen möchte. „Ich sehe Schwachstellen vielleicht ein bisschen eher“, meint Schürmann. „Ich merke, wo jemand mit Finessen arbeitet, weil ich selbst mit den Techniken vertraut bin. Aber ich sehe auch Meisterschaft.“ Und hier, in dieses Segment, gehört für ihn unbedingt Arne Schmitt. Dessen sachliche Schwarz- Weiß-Bilder sezieren den urbanen Raum, machen die Situation um das städtische Verwaltungshochhaus von Bonn, mit dem er in „Reloaded (II)“ vertreten ist, noch ein wenig trister. Gleichzeitig erklären sie jedoch, wie der Ort strukturell und ökonomisch funktioniert.

Schmitt, Jahrgang 1984, war allein wegen seines Alters kein Kandidat für die wegweisende Ausstellung von 1979. Er fügt sich allerdings perfekt in den Kanon deutscher Fotogeschichte, den Schürmann hier nach allen Seiten fortschreibt. Sein Expertenblick reicht nun auch in den Osten Deutschlands; dorthin hat das Duo damals ebenso wenig schauen können wie in die Zukunft.

Aufnahmen von Helga Paris, Arno Fischer und Sibylle Bergemann ergänzen nun die Szenen aus der BRD. Es ist eine parallele Realität, schon ob der Genese der Städte, ihrer Architektur und der Mode. Die Differenzen münden in Fischers berühmter Aufnahme vom Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor. Das scheint noch einmal den jungen Mauerfall zu beschwören, wirkt dokumentarisch, aber zugleich mit tiefem Sentiment. Auch dies ist ein Charakteristikum von „Reloaded (II)“: Jeder der hier gezeigten Fotografen vertritt eine starke, individuelle Position, die ihn von den anderen unterscheidet. Dokumentarisch ist die ureigene Herangehensweise. Dann trennen sich die Wege und interpretiert jeder seine Sujets auf eigene Weise.

Selbst Peter Piller, den Schürmann hinzunimmt, obwohl der Künstler mit gefundenem Material agiert. In diesem Fall hat Piller als obsessiver Archivar ein Konvolut von Luftaufnahmen erworben und daraus eine Serie von Rasen mähenden Figuren extrahiert, die über grüne Flächen mäandern. Piller, meint Schürmann, werte die Aufnahmen dank seiner künstlerischen Sicht um, und tatsächlich manifestiert sich hier menschlicher Leerlauf, wie man ihm sonst aus den inszenierten „Sonntagsneurosen“ eines Jürgen Klauke kennt.

„Reloaded (II)“ ließe sich fortsetzen. Vielleicht nicht endlos, aber mit weit mehr Positionen, die es ebenfalls zu würdigen gäbe. Schürmann stoppt an dieser Stelle, aus Platzgründen und aus Vernunft. Man muss ihm vertrauen, zumal der zweite Teil der Ausstellung keinen Bezug mehr zum historischen Vorbild hat. Es spricht der Experte, der Sachlichkeit anstrebt, zugleich aber entwaffnend ehrlich zugibt, dass sich jeder in einem Netz aus Bezügen verstrickt. Schon die Frage, weshalb Gabriele und Helmut Nothhelfer erst jetzt zu sehen sind – obwohl sie schon 1979 alle Voraussetzungen erfüllten –, zeigt den subjektiven Geist jeder Ausstellung, die Zusammenhänge herstellen und erklären will. Damals, erinnert sich Schürmann, befürchteten die beiden, man könne sie in irgendeiner Weise vereinnahmen und sagten ab. Heute sind sie dabei. Man sieht ja, was aus der Geschichte geworden ist.

Galerie Kicken, Linienstr. 161 A; bis 2. 9., Di–Fr 14–18 Uhr

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