Deutsche Gegenwartsliteratur : Massakrier mich, ich bin eine These

Die "Neue Rundschau" singt das Lob der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, und die "Akzente" beginnen nach fast 40 Jahren unter der Ägide von Michael Krüger eine neue Ära mit Jo Lendle. Eine Zeitschriftenschau

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Durchs wilde Absurdistan. Der Dichter Ror Wolf ist auch ein genialer Collagenkünstler. Hier das Titelbild der ihm gewidmeten und von ihm unterstützten Seite www.wirklichkeitsfabrik.de, die Aufschluss über sein Gesamtwerk gibt.
Durchs wilde Absurdistan. Der Dichter Ror Wolf ist auch ein genialer Collagenkünstler. Hier das Titelbild der ihm gewidmeten und...Foto: Ror Wolf/www.wirklichkeitsfabrik.de

Da steht es, in der ganzen Pracht einer Gewissheit, die so schön klingt, dass sie fast nicht wahr sein kann: „Die deutsche Gegenwartsliteratur erlebt derzeit eine einzigartige Blüte.“ Und auf dem Titelblatt der „Neuen Rundschau“ (1/2015, 15 €) prangt es noch einmal mit jenem Satzzeichen, an das man sich dabei wohl klammern muss: „Gegenwartsliteratur!“ Dabei haben die drei Herausgeber, die Kritikerin Ina Hartwig, der Literaturwissenschaftler Christian Metz und der Verlagslektor Oliver Vogel, sicher recht: „Selten waren so viele konkurrierende Poetiken zu beobachten, und wohl noch nie waren so viele Altersgruppen ins literarische Feld involviert.“ Keine Generation, die es nicht beackern würde. In Deutschland wird geschrieben von der Wiege bis zur Bahre, eine halbe Unendlichkeit lang, angesichts derer sich das, was man unter gegenwärtig verstehen sollte, schon zeitlich so ausdehnt, dass sie im Namen ästhetischer Gegenwart auch gleich die Literatur der Toten einschließen könnte.

Das Zeitalter glänzt dann auch nicht ganz so golden, wie es zunächst angestrichen wird. Denn seine zwölf schriftstellerischen Repräsentanten, zu deren Originaltexten sich fünf literaturwissenschaftlich-essayistische Beiträge gesellen, lassen sich zwar mit guten Gründen herausheben. Ob sich zwischen der Jüngsten, der 1985 geborenen Schweizerin Dorothee Elmiger, und dem Ältesten, dem bald 83-jährigen Ror Wolf, der sich von Michael Lentz feiern lässt, aber tatsächlich ein uferloser Reichtum erstreckt?

Vielleicht rettet die reine Platzbeschränkung, über die das Gemeinschaftseditorial stöhnt, die Herausgeber sogar vor einem Panorama, dem sich viele Namen hinzufügen ließen, die aber noch schmerzhafter zeigen würden, dass dieses Literaturwunder sich im allzu Verborgenen abspielt – im Eigensaft einer Szene, die mit überschaubaren Auflagen lebt und geringen Aussichten, die Bedeutungsgrenzen des eigenen Landes zu überschreiten. Ann Cotten, Monika Rinck oder auch Thomas Stangl sind bewundernswerte Sprachfantasten. Doch es liegt nicht nur an der Ignoranz und Lesefaulheit des einheimischen Publikums, dass ihre Durchschlagskraft begrenzt ist – wie es erst recht eine interessante Aufgabe wäre, einem Chinesen oder Amerikaner Elke Erb näherzubringen.

Hinzu kommt beim Ausschütten des Füllhorns die fast kleinlaute Einschränkung, „von der Vitalität gegenwärtiger literarischer Positionen überzeugt“, doch sich „in deren Einschätzung keineswegs immer einig“ gewesen zu sein. Da haben wir’s: Was dem einen sein marxistischer Dietmar Dath, ist dem anderen seine feministische Marlene Streeruwitz, und für das Sprechen in fremder Zunge steht Olga Martynova.

Die auf www.hundertvierzehn.de dokumentierte Korrespondenz der Herausgeber ist nicht zu Unrecht mit „Thesenmassaker“ überschrieben. Es macht eben jeder seinen Stiefel. Moritz Baßler, Professor in Münster, zieht sein Post-Pop-Ding durch, und seine Leipziger Kollegin Silke Horstkotte entdeckt in der zeitgenössischen Lyrik die Religion, als würden Christian Lehnert und Heinrich Detering, zwei einschlägig bekannte, vom Heiligen Geist entsandte Tauben, schon einen theologischen Sommer machen.

Wäre ein argumentativer Konsens nicht wünschenswert? Oder zählt die Freiheit von der Autorität eines Kanons mehr? Zumindest die Vorstellung, als Anwalt literarischer Werte ein Programm für Minderheiten zu entwerfen, hat nicht nur einen Schrecken. Sonst würde schreibend niemand mehr „Unmögliches“ wagen, wie es die „Akzente“ (1/2015, 9,60 €) in der ersten, von Clemens Setz und Jo Lendle herausgegebenen Nummer nach fast 40 Jahren unter der Ägide von Michael Krüger präsentieren.

Das typografisch dezent modernisierte und künftig vierteljährlich erscheinende Heft macht mit Autoren wie dem Esperanto-Dichter William Auld oder dem mysteriösen Japaner Shozo Numa und dessen SM/SF-Roman „Yapou, menschliches Vieh“ bekannt. Und Martin Kordic denkt sich den Beginn eines von Roman Ehrlich als Klappentext entworfenen archaischen Pygmäenromans aus.

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