Kultur : Deutsche Guggenheim: Die Gaben des Großwesirs

Suzan Gülfirat

Auf die Frage, wer Sabanci sei, antwortet beinahe jeder Türke gleichermaßen: "Er ist der reichste Mann der Türkei." Wie reich er ist, zeigt Sabri Sabanci in seinem Hotel-Zimmer am Gendarmenmarkt, in dem er seine Hosentasche umstülpt und sagt: "Was zählt ist, was hier drin ist. Und hier ist nichts." Sabanci ist für einige Tage nach Berlin gekommen, weil er gestern die Ausstellung "Siegel des Sultans" im Guggenheim Unter den Linden eröffnet hat, die osmanische Kalligrafie aus seiner Privatsammlung zeigt.

Während des Gesprächs bringt sein Privatsekretär Broschüren, die zeigen, was er sonst noch besitzt. Darauf ist beispielsweise das imposante 34-stöckige Basisgebäude der SabanciHolding in Istanbul zu sehen, wo die Generaldirektion und das Verwaltungszentrum ihren Sitz haben. Die hauseigene Akbank daneben ist mit 39 Stockwerken etwas höher. Auf den Web-Seiten der türkischen Botschaft in Berlin wird das Unternehmen mit mehr als 20 000 Mitarbeitern und Milliarden-Umsätzen jedoch nur als zweitgrößtes türkisches Privatunternehmen geführt. Aber immerhin: Die Firma sei unter den größten westeuropäischen Unternehmen im Dienstleistungsbreich auf Platz 151 zu finden und liege noch vor dem deutschen Chemieproduzenten Henkel.

Die "Kalligrafie-Sammlung des Sabanci" im AtliKösk, dem Herrenhaus in Istanbul, das er der SabanciUniversität geschenkt hat, ist im Westen unbekannt, in der Türkei jedoch legendär. Denn Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens, ist die angesehenste Form der islamischen Kunst und wird in der Türkei als Ausdruck gesellschaftlicher Identität angesehen. Kalligrafen verschönern die Schrift und spiegeln die Schönheit der göttlichen Offenbarung, des Korans, wider. An nichts sei ihm mehr gelegen, als das im Westen vorhandene falsche Image von der Türkei zu korrigieren und zu zeigen, das auch sie eine alte, traditionsreiche Geschichte habe, schreibt Sabanci im Vorwort des Kataloges zu seinen Sammelstücken. Deshalb sehe er sich als eine Art Verwahrer dieser Kultur. "Alle, die in das Haus kommen, sind erstaunt über das, was sie dort sehen. Denn was sie sehen, steht in krassem Widerspruch zu dem Türkeibild, das sie in den Köpfen haben", heißt es darin. Im Katalog sind auch Gemälde aus der osmanischen Zeit aufgeführt, von denen fünf in der Ausstellung zu sehen sind. Er wolle mit der Ausstellung seiner Schätze eine kulturelle Brücke zwischen dem Orient und Europa schlagen, bekräftigt Sabanci.

Er ist stolz auf das, was seine Familie erreicht hat. Sein Vater Haci Ömer Sabanci, ein Arbeiter, habe in den zwanziger Jahren mit dem Handel von Textilien und dem Ankauf und Verkauf von Gebrauchsgegenständen den Grundstein für das jetzige Imperium gelegt. Als er mit dem Export seiner Waren begann, habe er schnell begriffen, das für den Westen Qualitätsware hergestellt und der Service verbessert werden müsse. "Wissen und Know-How, das ist eben das Wichtigste", doziert sein Sohn heute. Über sich selber sagt er, "Ich bin ein Macher", und wiederholt es noch einmal, "ein Macher." Sabanci wird nicht müde aufzuzählen, mit welchen ausländischen Unternehmen seine Firma kooperiert und in welchen Ländern sie investiert. Er handelt unter anderem mit Autoreifen, Textilien, Gabelstaplern und Saatgut. Mit Waffen handelt er nicht.

Extremer Reichtum in einem armen Land hat aus westlicher Sicht oft etwas Zweifelhaftes. Das Bild des Kapitalisten, der das mittellose Volk noch weiter ausbluten lässt, ist beliebt, um das Wohlstandsgefälle in solchen Ländern zu erklären. Wird Sabanci mit diesem Verdacht konfrontiert, entgegnet er: "Ich bin ein guter Mensch. Ehrlich." Schnell zeigt sein Sekretär eine andere Broschüre, auf der die Karte der Türkei zu sehen ist. "Ich habe überall Schulen, Gesundheitszentren und soziale und kulturelle Einrichtungen gebaut." Mehr als 100 Einrichtungen. Linken Kreisen ist all dies nicht genug. Militante Kommunisten gingen 1996 sogar so weit, seinen Bruder und zwei seiner Mitarbeiter zu ermorden. Die Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front bekannte sich seinerzeit zu dem Attentat, das sie als "Racheakt" für den Tod von Insassen bei einem Aufstand im Ümraniye-Gefängniss in Istanbul bezeichnete. Amnesty International (AI) erwähnte den Mordanschlag 1997 in seinem Jahresbericht, in dem erneut von unzähligen Folterungen in der Türkei berichtet wurde. Aber AI hielt fest: "Keines der Opfer hatte mit den Vorfällen im Ümraniye-Gefängnis auch nur im entferntesten zu tun gehabt." Noch heute beklagt sich die militante Organisation im Internet über diese Darstellung. Für sie war der Mord eine "Bestrafung der Familie Sabanci."

"Das ist ihre Überzeugung. Sie glauben, dass Reiche schlecht sind. Man soll lieber arm bleiben", meint Sabanci über seine Kritiker. Ist er nun ein Ausbeuter, dieser Sabanci? "Sogar in Amerika gibt es Arme. Wie ist die Firma Ford reich geworden?", rechtfertigt er sich. Europäer sollten aufhören, die Türken mit sich selbst zu vergleichen. "Schauen Sie unsere Nachbarn an, Syrien, Pakistan und Afghanisten. Dann sehen sie, was wir erreicht haben." Nur in der Türkei gebe es Demokratie. Ihm sei allerdings bewusst, dass sie erfolglos sei und die Türken noch viel lernen müssten. Aber er glaubt daran, dass die Türkei einmal wie Amerika sein wird.

Einmal habe er mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl gefrühstückt. Sein Vorschlag: "Lassen Sie uns zusammen eine Universität bauen, in der auf Deutsch unterrichtet wird." Aber Helmut Kohl habe abgelehnt. "Der glaubte mir nicht, dass ein Türke soviel Geld besitzen kann", vermutet er heute. Aus gekränktem Ehrgefühl habe er schließlich die SabanciUniversität in Istanbul aufgebaut. Dort wird nun in Englisch unterrichtet. Die Werke, die seit gestern in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen sind, stammen aus dem Museum dieser Universität.

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