Kultur : Deutsche Hunde haben keine Seele

JÖRG UTHMANN

Die Wurzeln des französischen Rechtsradikalismus reichen weit zurück, bis zur Revolution von 1789.Es sind die Weine der alten Chauvinisten, die Le Pen seinen Wählern in neuen Schläuchen serviertVON JÖRG VON UTHMANN PARIS.Den Straßburgern stehen bewegte Ostertage bevor.Vom 29.März bis zum 1.April halten dort Jean-Marie Le Pen und sein rechtsextremer Front National ihren Parteitag ab.3000 Delegierte werden erwartet.Für Le Pen ist dies gewissermaßen ein Heimspiel: bei den letzten Präsidentschaftswahlen erhielt er im Elsaß ein Viertel der Stimmen.Ganz unter sich bleiben werden die Rechten freilich nicht: mindestens 25 000 Opponenten wollen in Sonderzügen anreisen, um ihr Mißfallen zu bekunden. Le Pen ist in Siegerlaune.Soeben hat seine Partei in Vitrolles ein viertes Rathaus erobert.Das Gebot der Stunde lautet also: Schulterschluß und Harmonie.Das große übergreifende Thema des Parteitags ist der Kampf gegen die "Überfremdung" Frankreichs durch maghrebinische Einwanderer, Brüsseler "Föderasten" und die internationalen Konzerne, die den Franzosen nach der "Identität" trachten.Die Fassade der Harmonie kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich dahinter höchst unterschiedliche Tendenzen verbergen.Katholische Fundamentalisten, enttäuschte Kommunisten, Antisemiten und deklassierte Kleinbürger aller Art werden in Straßburg beieinandersitzen.Le Pen selbst stammt aus der Bewegung des Papierhändlers Pierre Poujade, der sich in den fünfziger Jahren zum Sprecher der durch die Großindustrie verängstigten Bauern und Handwerker machte.Vielleicht noch entscheidender für sein Weltbild waren die verlorenen Kriege in Indochina und Algerien. Wer die Wurzeln des französischen Rechtsradikalismus aufspüren will, muß tief in die Geschichte zurückgehen.Sie reichen bis zur Revolution von 1789.Die Revolution spaltete das Land in zwei Parteien, die in gewisser Weise bis heute fortbestehen.Die einen sahen die Revolution als epochalen Fortschritt für die Menschheit an, die anderen als Katastrophe für Frankreich.Einer der Kronzeugen, auf den sich die extreme Rechte bis heute beruft, ist der Dandy und Causeur Graf Rivarol, der vor der Revolution nach Berlin floh und dort 1801 starb.Ernst Jünger hat seine Bonmots ins Deutsche übersetzt, und die führende rechtsradikale Zeitschrift erkor ihn zum Namenspatron.Von der Egalité, die die Revolution auf ihr Panier geschrieben hatte, hielt Rivarol nichts: "Wer die Unterschiede leugnet, sät nur Konfusion." Es war ein anderer Graf, Joseph-Arthur de Gobineau, der die Standesunterschiede des Ancien Régime auf die Völker übertrug.In seinem "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" (1853) konstruierte er eine Hierarchie der Völker, an deren oberem Ende die Arier standen und am unteren die Schwarzen.Die Arier siedelte er in England, Island, Dänemark, Belgien und Holland an.In Frankreich gehörten nur das Elsaß, Lothringen und die Normandie zu den begünstigten Zonen, in Deutschland das linksrheinische Gebiet und das Königreich Hannover.Dennoch wurde Gobineaus These gerade von den rechtsrheinischen Deutschen mit Enthusiasmus aufgenommen, wobei sie sich kühn der Eliterasse zugesellten. Der verlorene Krieg von 1870/71 und der Sturz der Monarchie gab dem französischen Chauvinismus enormen Auftrieb.(Das Wort selbst stammt aus einem Lustspiel, "La cocarde tricolore", in dem ein prahlerischer Rekrut namens Chauvin auftritt.) Eine große Zahl von Vereinen hetzte gegen die Demokratie und rief nach einem starken Mann und nach Revanche gegen Deutschland.Der bekannteste dieser Vereine war die 1882 gegründete "Ligue des Patriotes".Ihr Gründer, der Dichter Paul Déroulède, war bei Sedan in deutsche Gefangenschaft geraten, aber aus dem Gefängnis in Breslau geflohen.Der starke Mann, von dem er die Rettung Frankreichs aus den Klauen des Parlamentarismus erhoffte, der General Boulanger, erwies sich jedoch als Schwächling: statt zu putschen, floh er im kritischen Augenblick nach Belgien und erschoß sich 1891 am Grabe seiner Geliebten.Gegen Déroulède wurde 1899 ein Hochverratsprozeß angestrengt; die erste Instanz sprach ihn frei, die zweite verbannte ihn für zehn Jahre ins Ausland.Drei Jahre nach Boulangers Selbstmord stand Frankreich am Rand eines Bürgerkrieges.Der Streit um Schuld oder Unschuld des jüdischen Hauptmanns Dreyfus zerriß Familien, zerstörte Freundschaften und brachte in die Politik einen hysterischen Ton, wie man ihn seit den Tagen der Kommune nicht mehr gehört hatte.Den Antisemiten bescherte er massenhaften Zulauf.Wer nur Daniel Goldhagen gelesen hat, wird es nicht für möglich halten, und doch ist es wahr: der Antisemitismus im Frankreich der Dritten Republik war weitaus aggressiver als im wilhelminischen Deutschland.Werke wie "Les Juifs, nos maîtres" des Abbé Chabauty (1882) oder Edouard Drumonts zweibändige "France juive" (1886) waren vielgelesene Bestseller.Bei den Antidreyfusards galten Deutsche und Juden sogar als besonders intime Verbündete.War es nicht der kaiserliche Hofbankier Bleichröder, dessen Gutachten für die Höhe der von Frankreich zu leistenden Kriegsentschädigung ausschlaggebend gewesen waren? Der Schriftsteller André Suarès behauptete, die Juden hätten ihren Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, an die Deutschen abgetreten; gemeinsam wollten beide die Weltherrschaft erringen. Die führenden Köpfe der Antidreyfusards waren die Schriftsteller Maurice Barrès und Charles Maurras.Einig in ihrem Antisemitismus und Antigermanismus, hatten sie von der Zukunft Frankreichs unterschiedliche Visionen: während Maurras Monarchist und Atheist war, verteidigte Barrès die Republik und die Kirche.In seinen Romanen vertrat Barrès eine Art Blut-und-Boden-Kult; in einem davon - "Colette Baudoche" (1909) - behauptete er, im Gegensatz zu den französischen Hunden hätten die deutschen keine Seele.Maurras gründete 1898 die "Action française", einen Kampfbund, der die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und die Wiederaufrichtung eines autoritären Königstums forderte.Ihr Stoßtrupp waren die "Camelots du Roi": mit lautstarken Demonstrationen protestierten sie gegen die Begnadigung von Dreyfus und die Überführung der Asche des Dreyfus-Verteidigers Zola ins Pantheon.In den zwanziger Jahren wurden die "Camelots" immer radikaler, und in den Dreißigern ging ein Ableger, die "Cagoule" (Kapuze), offen zu terroristischen Akten über, Maurras selbst wurde 1936, nachdem er mehreren Abgeordneten gedroht hatte, sie ermorden zu lassen, zu einer Gefängnisstafe verurteilt.Ein Jahr nach seiner Entlassung wurde er in die Académie française gewählt. Mussolinis erfolgreicher Marsch auf Rom spornte die Phantasie seiner französischen Gesinnungsgenossen mächtig an.1927 gründete der Oberstleutnant Graf François de La Rocque die "Croix de Feu", eine paramilitärische Organisation, die die Franzosen durch martialische Umzüge je nach Geschmack erhob oder erschreckte.Aber wie seinerzeit Boulanger enttäuschte auch La Rocque die Erwartungen derer, die auf einen Staatsstreich gehofft hatten.An den Zusammenstößen zwischen Rechten und Linken im Februar 1934, bei denen 37 Menschen ums Leben kamen, waren die Feuerkreuzler nicht beteiligt. Das Beispiel Mussolinis hatte gezeigt, daß es zwischen rechter und linker Ideologie überraschende Verwandtschaften gab.Auch der Wortführer der extremen Rechten, der in den dreißiger Jahren den stärksten Zulauf hatte, kam von links: Jacques Doriot, der Gründer des Parti Populaire Français (PPF), war ursprünglich Kommunist gewesen; 40 Prozent seiner Anhänger waren Arbeiter.Nach der Niederlage von 1940 fand er ohne Schwierigkeiten den Weg in die Kollaboration: in deutscher Uniform kämpfte er an der Ostfront.1945 kam er bei einem Luftangriff in der Nähe von Sigmaringen ums Leben.Selbst der eingefleischte Deutschenfeind Maurras arrangierte sich mit der Besatzungsmacht und attackierte in seiner Zeitung unverdrossen die alten Sündenböcke - Juden, Freimaurer und Marxisten.Aber es gab auch Ausnahmen: Georges Valois, der Befehlshaber der fachistischen "Blauhemden", schloß sich der Résistance an und starb 1945 in Bergen-Belsen. Auch zwischen Le Pens Partei und den Kommunisten gibt es so manche Querverbindung.Der Aufstieg des Front National fiel zeitlich genau zusammen mit dem Niedergang des PCF.Viel spricht dafür, daß ein erheblicher Teil der kommunistischen Protestwähler beim Front National eine neue Heimat fand.Le Pens Ausfälle gegen den "Mickeymaus-Kolonisator" und seine "Coca-Cola-Subkultur" unterscheiden sich in nichts vom gewohnheitsmäßigen Antiamerikanismus der französischen Linksintellektuellen.Mit den Grünen verbindet ihn die Liebe zur heiligen französischen Erde: "Die Ökologie", verkündete Bruno Mégret, der Chefideologe der Partei (und Ehemann der Bürgermeisterin von Vitrolles), "ist mehr denn je ein Anliegen der Rechten." Aber aufs Ganze gesehen sind es die Weine der alten Rassisten und Chauvinisten, die Le Pen seinen Wählern in neuen Schläuchen serviert.Der Antisemitismus äußert sich, wie es der Zeitgeist (und das Gesetz) gebietet, in gedämpfteren Tönen, und an die Stelle der Deutschen sind die Nordafrikaner getreten, die heute die Franzosen mit dem "kulturellen und rassischen Grenozid" bedrohen.Damit schlägt der Front National eine Saite an, die bei vielen Franzosen mitschwingt: nach einer Umfrage, die vor wenigen Tagen dem Premierminister vorgelegt wurde, sind 61 Prozent der Auffassung, es gebe "zuviele Araber" im Land.Bedeutet das, daß Le Pens potentielles Wählerreservoir eine absolute Mehrheit erreichen könnte wie unlängst in Vitrolles? Mitnichten.Nach einer zweiten Umfrage betrachten 71 Prozent der Franzosen den Front National als Gefahr für die Demokratie.

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