Kultur : Deutsche Kunst in London: Berliner Bekehrung

Mister MacGregor[die Queen eröffnet in der R]

Die Exkursion deutscher Romantiker und Impressionisten nach London verdankt sich dem Engagement von Neil MacGregor, seit 1987 Direktor der National Gallery. Der neunfache Ehrendoktor war Beirats-Mitglied bei den Planungen für den Umbau der Berliner Museumsinsel, des Louvre und der Museen Venedigs. Er ist auch Mitglied im Kuratorium des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. MacGregor, 1946 in Glasgow geboren, ging in Hamburg zur Schule; er studierte und lehrte in Oxford, Paris, Edinburgh und London.

Mister MacGregor, die Queen eröffnet in der Regel Museen, aber keine Ausstellungen. Warum macht sie diesmal eine Ausnahme?

Ihre Geste ist ein Zeichen für die Bedeutung, die London den Beziehungen zu Berlin beimisst. Sie passt aber auch sehr gut zu den alten Verbindungen zwischen den Museen der Städte. Als man 1824 in London beschloss, eine Nationalgalerie zu errichten, begann Schinkel mit dem Bau des Alten Museums. Das Londoner Konzept folgte nicht dem Pariser, sondern dem Berliner Vorbild.

Die deutsche Musik des 19. Jahrhunderts wird überall in Großbritannien gespielt, aber die deutsche Kunst der gleichen Epoche ist fast unbekannt. Woran liegt das?

Eindeutig an den beiden Weltkriegen. Sie haben die deutsche Kunst stigmatisiert. Die deutsche Musik war damals schon zu tief verwurzelt - in praktisch jeder britischen Stadt gibt es einen Bach-Chor, das konnte man nicht mehr rückgängig machen. Aber dass sich die Präraffaeliten ausdrücklich auf die Nazarener beriefen und dass der deutsche Prinzgemahl die Kultur des viktorianischen Zeitalters wesentlich beeinflusste: das wurde vergessen.

Nur Caspar David Friedrich wurde von den britischen Kunstfreunden wiederentdeckt.

Ja, das ist das Verdienst einer Ausstellung, die die Tate Gallery in den siebziger Jahren zeigte. Die Verbindung von Naturromantik und Patriotismus schlug eine vertraute Tonart an. Es ist eine Tonart, die wir in England aus den Schriften von Friedrichs Zeitgenossen Samuel Taylor Coleridge kennen.

Das Deutschlandbild der Londoner Presse ist immer noch sehr stark von den beiden Weltkriegen bestimmt - viel stärker als irgendwo sonst in Europa. Glauben Sie, dass diese Ausstellung etwas daran ändern kann?

Ich hoffe jedenfalls, dass sie dazu beiträgt, das Deutschlandbild zu differenzieren. Es ist schon sehr sonderbar: Während die Deutschen ständig an ihrer Identität zweifeln, haben selbst gebildete Briten ein Einheitsklischee im Kopf, das zu großen Teilen noch aus der Zeit des Krieges von 1870 / 71 stammt. Dieses Klischee sprechen wir in der Ausstellung direkt an. Menzels "Abreise von König Wilhelm I. an die Front" zum Beispiel - es wurde nach dem Sieg 1871 gemalt -, ist alles andere als triumphalistisch: Die Königin weint, und die preußischen Fahnen sind alle vom Wind zerzaust. Die einzige Fahne, die fast vollständig zu sehen ist, zeigt das rote Kreuz. Aber heute soll der Betrachter nun nicht nur die politischen Nuancen bemerken, sondern in Adolph Menzel auch einen Giganten der Kunstgeschichte entdecken, den Degas bewunderte und kopierte.

Sie zeigen auch einige Bilder von Manet, Monet und Cézanne aus der Berliner Sammlung. Sprengen die Franzosen nicht den deutschen Rahmen?

Nein, denn wir wollen nicht nur die deutsche Malerei im 19. Jahrhundert vorstellen, sondern auch den 150. Geburtstag der Berliner Nationalgalerie feiern und ihren Direktor Hugo von Tschudi, der entlassen wurde, weil er früher als andere Museumsdirektoren die Impressionisten und Postimpressionisten förderte. Die "Mühle bei Pontoise" ist der erste Cézanne, der von einem Museum erworben wurde. Das wäre in London nicht möglich gewesen: Noch 1906 lehnte der Aufsichtsrat der National Gallery den Kauf eines Gemäldes von Monet als "unmoralisch" ab.

Gleichzeitig mit der Ausstellung wird auch ein Austauschprogramm aus der Taufe gehoben, das eine weitere Möglichkeit schaffen soll, Deutschland besser kennenzulernen. Glauben Sie, dass die auswärtige Politik noch mehr tun kann, um das Deutschlandbild in der britischen Presse zu verbessern?

Verwechseln Sie bitte nicht die britische Presse mit der öffentlichen Meinung! Davon abgesehen, glaube ich schon, dass die auswärtige Kulturpolitik in Großbritannien mehr tun könnte. Da waren die Deutschen bisher viel zu passiv. Voraussetzung ist allerdings, dass sie ihre eigene Geschichte wiederentdecken und pflegen.

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