Deutsche Leseschwäche : Kein Buch mehr unter der Decke

„Nur ein Volk, das liest, ist auch ein Volk, das denkt.“ Helmut Schümann macht sich ein japanisches Sprichwort zu eigen.

Helmut Schümann

Da ja an allem immer ein Rattenschwanz hängt, werden sich die Taschenlampenindustrie und die Batteriehersteller auf schwere Zeiten einrichten müssen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist das Lesen unter der Bettdecke, dieses kuschelige, heimliche Abtauchen in fremde Welten, dieses – weil die Eltern schon den Schlaf verordnet haben – verbotene Erforschen unbekannter Kontinente, tiefster Meere, höchster Gipfel, weitester Prärien, diese schwach von der Taschenlampe beleuchtete Verwandlung in Huckleberry Finn, Winnetou, Krabat oder bitteschön, wem’s gefällt, auch Hanni und Nanni out.

Die Stiftung Lesen hat gerade ihre aktuelle Studie vorgestellt, und darin kommen Zahlen vor, bei denen man Heulen möchte vor Mitleid. 50 Prozent aller 14 – 19-jährigen Jungen und 36 Prozent aller Mädchen haben noch nie, nie ein Buch geschenkt bekommen. Kein Bilderbuch, keine Pippi Langstrumpf, keinen Lederstrumpf. Die Armen, die Tom Sawyer nie kennenlernen durften und sich nie haben fürchten müssen vor Indianer-Joe. Kaum anzunehmen, dass sie mit 20 Pippi ins Taka Tuka Land begleiten werden.

Wahrscheinlich ist wieder der Computer Schuld, dieses vermaledeite Ding, vor dem wir alle stundenlang hocken, tagaus, tagein, datteln, glotzen, hacken, schreiben, auch jetzt bei diesen Zeilen. Ist er aber nicht.

Es sind nämlich nur elf Prozent, die den Computer den Büchern vorziehen. Elf Prozent aller Deutschen plus der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, und nicht nur der Jugend. Hoffnung?

Einerseits ja, eben weil wir die Letzteren haben. Migrationshintergrundler ist ein schreckliches Wort, und es schwingen gleich dumpfe U-Bahnschläger mit, feige Messerstecher, Busfahrer-Verprügler. Wahrscheinlich sind es nicht die, die irgendetwas lesen, keine Zeitung, kein Buch, keinen Computer. Und dennoch sind es die Migranten, die die Studie über das Leseverhalten hier zu Lande retten, weil nämlich 36 Prozent von ihnen ein- oder mehrmals in der Woche zum Buch greifen. Bei den Deutschen liest jeder Vierte niemals ein Buch.

Schlimm, schlimm, traurig. Und acht Prozent sind gar Totalverweigerer, kein Buch, kein Fernsehen, kein Radio, kein Computer, alles nur anstrengender Schweinkram, mieses Teufelswerk und echt nur belastend. Gottlob, es sind nur acht Prozent. „Nur ein Volk, das liest, ist auch ein Volk, das denkt“, heißt es in Japan. Wir denken also noch. Es nimmt aber ab.

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