Deutsche Oper : Abbau West

800.000 Euro Miese, der Abbau West schreitet fort: Wie sich das Defizit der Deutschen Oper erklären lässt.

Christine Lemke-Matwey

Kaum hat die Berliner Opernstiftung einen neuen Generaldirektor, geht es schon wieder ums böse Geld. Gut ist das nicht. Weder psychologisch noch zeitlich noch wirtschaftlich. Der Abbau West, einmal eingeschlagen, er schreitet fort. Das haben die dafür verantwortlichen (Kultur-)Politiker wohl unterschätzt. In der Kasse der Deutschen Oper klafft ein Loch: 800 000 Euro Defizit im Kalenderjahr 2008. Sofort schießen einem einschlägige Gründe durch den Kopf, kaufmännisch hat sich das Haus ja durchaus aus dem Fenster gelehnt: War die China-Reise anlässlich der Olympischen Spiele zu teuer? Haben „Porgy und Bess“ im Sommer sowie das Gastspiel des Mrawinsky-Theaters weniger erbracht als gedacht? Oder fehlen der Bismarckstraße nach wie vor schlicht die Renner?

Gewiss. Und dass Sonderaktivitäten wie die genannten am Ende eine schwarze Null erbringen, ist sicher zu wenig. Die Wahrheit des Defizits liegt diesmal aber in einem vom Senat abgesegneten, deutlich sparsameren Energiekonzept für das Haus (für rund 1,2 Millionen Euro), in einer im Herbst mit Ver.di vereinbarten Einmalzahlung an die Mitarbeiter (300 000 Euro) sowie, ärgster Punkt, in einer saftigen Nachzahlung von Versicherungskosten (900 000 Euro). Obwohl die Opernstiftung als Dachorganisation ihren Sitz im Ostteil Berlins hat, verlangt die betreffende Rentenkasse von der Deutschen Oper nun nachträglich den Westtarif – eine Forderung, mit der man sich haushalterisch bis 2015 wird auseinandersetzen müssen. Viele Institutionen sind davon betroffen, das Land Berlin klagt bereits auf Härtefall, Ausgang ungewiss. Mindestens bis Mai gilt der Status quo. Zieht man von jenen insgesamt 2,4 Millionen Euro nun die hausintern gebildeten Rücklagen in Höhe von 1,6 Millionen Euro ab, bleiben besagte 800 000 Euro Schulden stehen.

Wie diese zu kompensieren sind, ist unklar. Zunächst, sagt der Geschäftsführende Direktor Axel Baisch, werde man im nicht-künstlerischen Bereich sparen: bauliche Maßnahmen verschieben, Investitionen zurückstellen, den Werbeetat überprüfen, frei werdende Positionen nicht sofort wieder besetzen. Möglich auch, dass in den Kollektiven, in Chor und Orchester, Stellen gestrichen werden (woran der designierte Generalmusikdirektor Donald Runnicles nichts wird ändern können). Das ist insofern bitter, als man die Zahl der Orchester-Seminaristen, also des Nachwuchses, gerade von sechs auf 16 erhöht hat und auch bei den Musikergehältern seit 2008 wieder die so genannte Endstufe zahlen kann, die höchstmögliche Gage. Für ein Bestehen im künstlerischen Konkurrenzkampf ist beides unerlässlich.

Über Koproduktionen, so Baisch, werde verstärkt nachgedacht (wie im Falle der Münchner „Ariadne“ Anfang Februar). Denkbar scheint auch, dass sich die Anzahl der Premieren von derzeit projektierten sieben erneut auf fünf oder vier reduziert. Lieber Klasse als Masse? Mit rigidem Bleistiftezählen allein jedenfalls oder ein paar Sängerstars weniger ist hier kein Staat zu machen.

Erst Anfang 2008 wurde der Opernstiftungsetat um 20 Millionen Euro aufgestockt. Schlappe vier Millionen entfielen dabei auf die Deutsche Oper. Gelenkig rechnet Baisch vor, dass dem Haus davon wiederum nur 1,5 Millionen geblieben sind: Zieht man nämlich die in der Opernstrukturreform verankerten 2,5 Millionen Zuschussabsenkung von jenen vier Millionen ab. Ausgegeben wurde das Geld in der Technik und für die besagte Anpassung der Musikergehälter. Zu früh, zu schnell? Überhaupt: zu viel Risiko in unsicherer Zeit und die neuerliche Gefahr zu spät erkannt? Axel Baisch wird sich Fragen gefallen lassen müssen.

Ein künstlerisch gesundes Haus ficht das nicht an. Das kann sich erstens auf sein Publikum verlassen und zweitens auf sich selbst. Was die Deutsche Oper zuletzt an Kernrepertoire neu produziert hat, dürfte dieses Vertrauensverhältnis schwer erschüttert haben („Aida“, „Holländer“). Die von Intendantin Kirsten Harms so sehr geliebten Ausgrabungen ändern daran wenig. Einzige Ausnahmen des Erfolgs: Braunfels’ „Heilige Johanna“ dank eines kranken Christoph Schlingensief – und Harms’ eigener „Tannhäuser“.

Prompt häuft sich in der laufenden Spielzeit das Pech. Katharina Wagner gibt die Regie für Respighis „Marie Victoire“ zurück und Jürgen Gosch muss „Carmen“ absagen. Im ersten Fall springt Johannes Schaaf ein, im zweiten darf der Oberspielleiter eine Produktion von 1979 (!) aufbürsten – zwei wenig prickelnde Lösungen. Dem Umzug der Staatsoper ins Schillertheater 2010 sieht die Deutsche Oper mit Sorge entgegen.

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