Kultur : Deutsche Oper: Abschalten können Sie woanders

Frederik Hanssen

"Du, Willi, da war eben ein Anruf aus dem Chorprobensaal", ruft der Pförtner in sein Telefon, "die Sänger können nicht arbeiten, weil einer direkt im Nebenzimmer bohrt. Da musst du was unternehmen." An der Deutschen Oper herrscht Aufbruchstimmung. Der beißende Geruch frischer Farbe zieht durchs Treppenhaus. In einer Woche beginnt die Saison mit der Premiere von Luigi Nonos "Intolleranza". Es ist die erste Spielzeit des neuen Intendanten Udo Zimmermann und die erste Berliner Inszenierung des derzeit wichtigsten deutschen Musiktheaterregisseurs Peter Konwitschny. 20 Jahre lang hat Götz Friedrich das Opernhaus geleitet; jetzt liegt der Schreibtisch des im Dezember 2000 viel zu früh verstorbenen Generalintendanten zerlegt auf dem Flur: Ein Riesenungetüm im Art-Deco-Stil, sicher drei Meter breit. Ein Parkettleger rutscht im Chefzimmer über den Boden.

"Eigentlich hatte mir der Kultursenator Extrageld für die Renovierung zugesagt", sagt Udo Zimmermann und weist mit einer entschuldigenden Geste auf die fleckige Auslegware in seinem Ausweichquartier. Jetzt muss der aus Leipzig nach Berlin gewechselte Komponist, Dirigent und Opernorganisator mit dem diskreten Charme des Improvisierten vorlieb nehmen. Ein bisschen realsozialistisches Flair im bürgerlichen Charlottenburg: auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.

Den Kern der Opern suchen

Die Zukunft heißt Peter Konwitschny und residiert in einer winzigen, spartanisch möblierten Dachkammer im fünften Stock. Als ihn Udo Zimmermann fragte, ob er zum Beginn der neuen Intendanz an der Deutschen Oper Luigi Nonos "azione scenica" inszenieren wolle, habe er nicht lange gezögert - obwohl sein Terminkalender eigentlich voll war. Zwei Tage nach der Berliner Premiere muss er schon wieder am Regiepult sitzen, in Hamburg, wo er Verdis "Don Carlos" am 4. November herausbringt. "Ich habe sogar auf eine Woche Probenzeit verzichtet, um Berlin dazwischenschieben zu können", erklärt der 56-jährige Regisseur und schüttelt seinen grauen Zopf. "Eigentlich ist das Wahnsinn." Doch die Tatsache, dass Udo Zimmermann seine Berliner Ära programmatisch mit einer Inszenierung von Peter Konwitschny beginnen wollte, war letztlich Ehre und Anreiz genug: "Da weiß ich, was er von mir haben will, dass ich mich nicht verbiegen muss."

Konwitschny ist kein Abonnentenschreck, auch wenn er das konservative Publikum in München oder Dresden, Graz oder Hamburg mit seinen Werkdeutungen oft verstört. Konwitschny ist einer, der Opern ganz genau befragt, einer, der unter den Staubschichten der Tradition den Kern der Stücke sucht - und darum fast immer zu Ergebnissen kommt, die von der Erwartungshaltung der Publikumsmehrheit abweichen.

Moderne Opern sind darum für ihn "ungefährlicher" - weil die Leute nicht mit der Überzeugung in die Oper kommen, genau zu wissen, wie das Stück auszusehen hat. Einen Skandal wie damals 1960 in Venedig, als Gegner des bekennenden Marxisten Nono bei der Uraufführung der "Intolleranza" eine Stinkbombe warfen, wird es wohl am 15. September in Berlin nicht geben. In vierzig Jahren ist Nonos Oper zu einem Klassiker der Moderne geworden, zu einem der Hauptwerke des Nachkriegsrepertoires.

Gealtert ist allerdings auch die Geschichte: In dem Libretto geht es um einen Flüchtling, der, vom Heimweh getrieben, in sein Land zurückfahren will. Auf der Reise gerät er in einer Stadt ahnungslos in eine politische Demonstration, wird verhaftet, in ein Konzentrationslager verschleppt. Dort erlebt er, wie ein Algerier gefoltert wird. Mit ihm gemeinsam gelingt ihm die Flucht, doch nun beginnt eine Odyssee durch die Labyrinthe von Bürokratie und Sensationspresse. Sie erleben die Auswüchse von Fanatismus, bis der Flüchtling schließlich am Ufer eines Flusses von der ansteigenden Flut hinweggerissen wird.

Alle Zeitbezüge werden bei der Inszenierung an der Deutschen Oper fehlen, der Algerienkrieg wird nicht durch Anspielungen auf den Balkan-Konflikt ersetzt. "Ob Luigi Nono damit einverstanden wäre, weiß ich nicht", gesteht Konwitschny. Doch die Überdeutlichkeit der Symbolsprache, die Parolen des Agit-Prop, die in den 60er Jahren zeitgemäß waren, haben ihre Kraft eingebüßt, wirken heute eher unfreiwillig komisch als provozierend. Also beschränkt sich Konwitschny ganz auf die drei Hauptpersonen, zeigt gesellschaftliche Konflikte anhand individueller Schicksale.

Der Bühnenbildner Hans-Joachim Schlieker stell ein Bett in den Mittelpunkt - und doch bleibt die Außenwelt immer präsent: Ein riesiges Stahlträger-Gerüst - "so wie man es auf den Baustellen des neuen Berlin überall sehen kann" - spannt sich über die gesamte Bühne, macht deutlich, dass die Figuren nicht im privaten Raum agieren.

Peter Konwitschny will mit seiner Inszenierung vor allem für Luigi Nono werben: "Die Bilder sollen den Leuten helfen, diese Musik lieben zu lernen." Denn so sehr die Klänge der auf 55 intensive Minuten konzentrierten Komposition die Zuhörer auch anspringen, attackieren, so sehr spricht der Italiener Nono in seiner "Intolleranza" letztlich doch die Sprache des melodramma, der großen Oper. "Nono hat sich immer wieder auf Giuseppe Verdi bezogen", erklärt Konwitschny. So wie Verdi einerseits brutale, vulgäre Männerchöre komponiert und sich andererseits mit den Schwachen, Unterdrückten solidarisiert, ihnen die anrührendsten Arien schreibt, so kennt auch Nonos Klangsprache die Extreme: Die Aggressivität des Chors und die im ganz traditionellen Opernsinn "schönen Stellen" der Solisten. Eine Musik, die sich zur Emotion bekennt. Ein gutes Stück für den Anfang.

Sag "Ja, Ja" zu Nono

Unten auf der Bismarckstraße werden derweil Lastwagen abgeladen, Elektriker schrauben an der Scheinwerfern der Außenbeleuchtung herum. "No" steht in riesigen schwarzen Lettern auf knallgelben Plakaten direkt neben dem Haupteingang der Oper, dort, wo früher vergrößerte Inszenierungsfotos in der Sonne vor sich hin gilbten. Wenn der eingefangene Blick des Passanten sich den Werbetafeln nähert, wird der Sinn der vermeintlichen Verneinung deutlich: "No" und "No" ergibt zusammen den Namen des "Intolleranza"-Komponisten. Minus und Minus ergibt Plus, sagt das Plakat, und: Die Deutsche Oper ist bereit zu einem Neustart aus dem Geiste des zeitgemäßen, menschlichen Musiktheaters, wie es Götz Friedrich in seinen besten Zeiten geboten hat. In der Bismarckstraße kann das 21. Opernjahrhundert beginnen. Nur die alte Fünfziger-Jahre-Uhr, oben im Flur der Chefetage, geht noch zehn Minuten nach.

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