Deutsche Oper Berlin : Proteststurm

Dorothea Schroeder hat mit Studenten der Universität der Künste den experimentellen Klangcollagen-Abend "Das große Buh“ entwickelt: Dabei bewegen sich die Zuschauer auf einem Sound-Walk durch die Deutsche Oper.

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Am Ende des Abends wurde an der Deutschen Oper beherzt gebuht, aber dieses Mal ironisch. Denn im Mittelpunkt des abenteuerlichen „Sound-Walks“ stand das „große Buh“ – beziehungsweise das, wofür es steht und wovon die Geschichte der Deutschen Oper geprägt ist: Protest. Protest gegen den Besuch des Schahs am 2. Juni 1967, der in der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg endete. Protest gegen modernes Opernrepertoire, gegen den IWF-Kongress, gegen angebliche religiöse Verunglimpfung auf der Bühne, gegen antitraditionalistische Inszenierungen von Wagner-Opern. Bildungsbürgerfestung oder Seismograf einer Kultur in Umbruch und Wandel? Der Bürger entscheidet. So viel Demokratie muss sein.

„Ihr Gerät empfängt auf Kanal 5. Bitte warten!“, wiederholt zu Fahrstuhlmusik die Audioguide-Stimme, bevor sie durch die Orte des Geschehens geleitet: Das Publikum, das sich in kleinen Trauben fortbewegt, schlüpft von Rolle zu Rolle, ist mal Reisegruppe, mal selbst Protestgruppe. „Verlassen Sie den Platz friedlich“, fordert die Polizei per Megafon an der Ecke Krumme Straße/Zillestraße, „sonst sehen wir uns gezwungen, Wasserwerfer einzusetzen“. Doch die nächste Aufforderung zum Protest folgt auf dem Fuß: Eine Tonne Tomaten steht auf dem Weg zur Tiefgarage. Hier wurden dem Dirigenten Hermann Scherchen 1959 die Autoreifen aufgeschlitzt, weil er Drohbriefe ignorierte, die ihn an der deutschen Erstaufführung von Schönbergs zwölftöniger Oper „Moses und Aron“ hindern sollten.

Als Konzept überzeugt „Das große Buh“, das Regisseurin Dorothea Schroeder mit Studenten der Universität der Künste entwickelt hat. Als Klangkunst weniger. Grobschlächtig und flach wirken oft die Kollagen aus relevanten Opernausschnitten, historischen Interviews, Augenzeugenberichten und Pressemitteilungen, die den Abstieg in die Gedärme des Opernhauses begleiten, wo leidenschaftliche Reden für und wider das Buh geschwungen werden.

Ob Buhen konstruktiv oder destruktiv ist, bleibt dahingestellt. Dafür verlässt man das Haus bestärkt in der Gewissheit, dass die Oper zu Protest und Protest die Oper bewegt. Sonst hätte es diesen Abend nie gegeben.

Auch ins Parkhaus der Deutschen Oper führt der Soundwalk
Auch ins Parkhaus der Deutschen Oper führt der SoundwalkFoto: Thomas Aurin

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