Kultur : Deutsche Oper: Dich, teure Halle, grüß ich wieder!

Frederik Hanssen

Dich, teure Halle grüß ich wieder

froh grüß ich dich, geliebter Raum.

Prachtvoll rauscht das Vorspiel auf, jublierend streben die Streicher in die Höhe. Die Tochter des Reichsgrafen Hermann bebt vor Freude: Nach langer Zeit betritt Elisabeth wieder den Saal, der für sie mit den schönsten musikalischen Erlebnissen ihres jungen Lebens verbunden ist. Hier soll sie den Sänger wiederhören, den sie liebt: Tannhäuser. Was für ein Vorspiel und was für eine Arie - geschrieben von Richard Wagner für die größten, schönsten Opernhäuser der Welt. Für Häuser wie die Deutsche Oper Berlin. 1900 Paar Augen blicken auf Elisabeth - nicht auf Stuck oder Putten, falschen Marmor und gemalte Girlanden, Kronleuchter und Portieren.

In dir erwachen seine Lieder

Und wecken mich aus düstrem Traum.

Die Deutsche Oper ist der Prototyp der Volksoper, und wird darum - so wie ihre Schwester im Geiste, die Opera Bastille in Paris - geschmäht: Hässlich sei die Hülle, kahl der Saal, raunen sich Wagnerianer zu, Mozart-Freunde vermissen Rokoko-Ornamente im Stil des "Figaro"-Schlosses oder des gediegenen Heims eines Don Giovanni, Puccini-Fans sehnen sich nach samtigen, glutroten Stoffen, passend zur Musik ihrer Liebeslingswerke. "Ornament ist Verberchen!", hatte der Wiener Architekt Adolf Loos Anfang des 20. Jahrhunderts proklamiert. Die Verbrecher wollen uns keine Ornamente geben!, maulen alle, die vor allem der Pausen wegen ins Theater gehen.

Wer eine schöne Oper sehen wolle, müsse doch nur nach Osten fahren, zum Zauberschloss Unter den Linden, hat Kulturkaufhaus-Betreiber Peter Dussmann den Wessis geraten. Dort, in Mitte, stünde der wahre Musentempel, ein Opernhaus, wie es im Buche steht. Von der der Staatsoper kann auch nur einer schwärmen, der nie im dritten Rang an der Seite sitzen muss. Für Millionäre wie Dussmann ist die Königsloge der Staatsoper ein Zuckerl - Normalverdiener wissen die Sichtverhältnisse in der Bismarckstraße zu schätzen.

Der Reiz des Hufeisenform traditioneller Theater lag für die adlige Stammkundschaft auch darin, dass man jederzeit im Blick hatte, wer heute abend wieder mal da war - und in wessen Begleitung. Seit das Licht während der Vorstellung ausgeschaltet wird, schätzen echte Opernfans den ungehinderten Blick auf die Bühne: Und der ist von einem modernen, steil abfallenden Parkett, von parallel zur Bühne angeordneten Rängen aus nun einmal unübertroffen.

Die Deutsche Oper ist ein zutiefst demokratisches Haus. Doch was die Fans traditioneller Theater wollen, ist der Hauch des Feudalen. Um sich im Glanze goldbronzener Spinnennetze zu sonnen, halten sie in den Katakomben der Staatsoper die Luft an, quetschen sich durch enge Gänge, nehmen klaglos das Stop and Go auf den Treppen hin. Die Foyers der Deutschen Oper dagegen locken zum Flanieren, laden zum Bade in der Menge, ohne dass Hitze und Drängelei vorprogrammiert sind. Und die japanischen Reispapier-Ballons - der denkbar größten Gegensatz zum Kristalllüster - erzählen davon, dass hier das Licht der klassenlosen Operngesellschaft leuchtet.

Besonderes Hassobjekt ist die Fassade der Deutschen Oper: Abschreckend sei das, was da als Monolit auf der gesamten Gebäudebreite über der Bismackstraßen aufragt. Und genau das soll sie auch sein: Gegen den Krach von der Durchgangsstraße, gegen Autolärm und Abgase hat Architekt Fritz Bornemann eine Wehrmauer geschaffen.

Dieses Musiktheater ist ein Haus für Menschen, die auf der Suche sind nach Musik: Man muss schon hinein gehen wollen - dann aber wird man freundlichst empfangen. Der dunkle Eingangsbereich mit der niedrigen Deckenhöhe neutralisiert die Alltagsgedanken der Besucher. Das warme indirekte Licht im Garderobenbereich pegelt den Puls herunter - der Raum atmet Ruhe: Entspannter kann man seinen Mantel nicht abgeben. Über die breiten Treppen, die zu schweben scheinen und zum Schreiten statt zum Hinaufhechten verleiten, erreicht der längst in die andere Welt eingetauchte Gast das Hauptfoyer. Eine echte Wandelhalle, hoch wie ein Kirchenschiff, von unsichtbaren Kräften gehalten. Der Blick schweift ungehindert umher, nur begrenzt von der warmen, dunklen Holzvertäfelung an der Innenseite der "Wehrmauer".

An der Schmalseiten dagegen schaffen hohe Glaswände die Verbindung zur Außenwelt. Denn dieser Musentempel ist kein fensterloser Elfenbeinturm. Dass es ein Draußen gibt, wird nicht verschwiegen. Die Außenmauer schützt, doch Seitenblicke auf die Realität sind erwünscht. Und gibt es etwas Schöneres, als, umweht von der Klangwolke der Pausengespräche, durch die längst haushoch gewachsenen Bäume vor den Glasfronten die weißen und roten Lichtpunkte zu beobachten, die geräuschlos auf der Bismarckstraße ihre nächtliche Bahn ziehen?

Bornemanns Bau ist ein Ort der Begegnungen - zwischen Menschen, aber auch zwischen Realität und Kunstwelt. Vor allem aber ist er ein Ort der Konzentration: Auf den Saal kommt es an, sagt das Foyer. Vorne spielt die Musik, sagt der Saal. Denn was geht mich der Anzug meines Nachbarn an, was der Erbschmuck der Dame in Reihe 15, wenn auf der Bühne die ewigen Menschheitskonflikte verhandelt werden?

Die Deutsche Oper war ideale für Götz Friedrichs Musiktheater. Er wollte Geschichten von Menschen erzählen, so, dass man sich gerne darauf konzentrierte. In sein menschenfreundliches Haus lud er gern sich Gäste ein, bis zuletzt.

Da er aus dir geschieden

wie öd erschienst du mir!

Aus dir entfloh der Frieden

Die Freude zog aus dir!

Götz Friedrich bleibt auch nach seinem frühen Tod an der Deutschen Oper präsent, denn er hat mit seinen Dutzenden von Inszenierungen manches Erinnerungsstück zurückgelassen. Das Beste davon bewahren und pflegen zu wollen, hat sein Nachfolger Udo Zimmermann wiederholt beteuert.

Aber die Ära Friedrich hat auch andere Spuren hinterlassen. Seine künstlerische Heimat in der Bismarckstraße gleicht einer Wohnung, in der 20 Jahre dieselbe Familie gelebt hat. Der alten Berliner Regel, dass der Bewohner seinem Nachmieter die vier Wände in demselben Zustand zu übergeben habe, in dem er sie vorgefunden hat, konnte Götz Friedrich nicht mehr folgen. Vor allem die Foyers in der Bismarckstraße sind in einem Maße "verwohnt", dass es längst auch den Gästen von außerhalb beim ersten Besuch auffällt. Alle, die wissen, wie elegant Friedrichs Gattin, die Sopranistin Karan Armstrong, jenseits der Rampe auftritt, ahnt, dass bei Friedrichs unterm heimischen Sofa garantiert nicht soviel Zeug herumliegt.

Wie jetzt mein Busen hoch sich hebet

So scheinst du jetzt mir stolz und hehr.

Der dich und mich so neu belebet

nicht länger weilt er ferne mir.

Der Architekt Fritz Bornemann selber war es, der die Initiative ergriff, um das Haus zum 40-jährigen Eröffnungsjubiläum am 24. September wieder herzurichten - so gut es mit den knappen Finanzmitteln geht. Wer die Fotos von 1961 sieht, weiß, dass die Foyers Luft zum Atmen brauchen. Objekte der Bildenden Kunst sollten nach Bornmanns Willen die Besucher in den Pausen umgeben - und nicht der Geruch von Bier und Bockwurst. Weg also mit dem Plunder in der Pausenhalle, mit der Zapfanlage, den billigen Stehtischen, dem Buchstand. Weg auch mit den Werbeplakaten der privaten Konzertkasse am Eingang und vor allem weg mit dem hölzernen Monstrum in der Empfangshalle, das offiziell zum Auslegen der Spielpläne dient, aber aussieht, als hätte eine Horde Heimwerker es von einem Arbeitswochenende in der Lüneburger Heide mitgebracht.

Bornemanns Augen leuchten, wenn er erzählt, dass die Städtische Oper Charlottenburg, an der sein Vater als Ausstattungsleiter arbeitete, einst Mittelpunkt des europäischen Operngeschehens war. So könnte es wieder werden, wenn Udo Zimmermanns ambitionierte Pläne einer zeitgemäßen Spielplans Realität werden, hofft der Architekt. Seinen Teil will er gerne dazu beitragen - indem er das Gebäude wieder in den Stadtraum "zurückholt".

Durch diverse Scheinwerfer, die auf einem drei Meter hohen U-Gestell am Bismarckstraßenrand installieren werden, soll die Fassade künftig angeleuchtet werden, zusammen mit der großen Stahlskulptur von Hans Uhlmann, die für den Architekten symbiotisch zum Gebäudeensemble dazugehört und die er einst gegen massive Widerstände durchsetzen musste. Damit jeder sofort sieht, was hier gespielt wird, will Bornemann außerdem oberhalb der Überdachung des U-Bahn-Ausgangs sieben Plexiglasquader platzieren, jeder 1,50 Meter mal 1,50 Meter, auf denen durchscheinende Folien festgeklemmt werden können, die in großen Buchstaben die aktuellen Stücktitel verkünden. Ein Sponsor ist gefunden, und den Segen vor Senatsspitze hat er sich schon besorgt. Jetzt hofft Bornemann nur, den langen Zickzackweg durch die bürokratischen Ebenen so schnell absolvieren zu können, dass zur Saisoneröffnung Anfang September die Deutsche Oper in neuem Glanz erstrahlt. Damit die Opernfans wieder die Worte der Wagnerschen "Tannhäuser"-Elisabeth murmeln können, wenn sie durch die schmale Öffnung in der Wehrmauer das Reich der Musikdramen betreten:

Sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt!

Du teure Halle, sei mir gegrüßt!

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