Deutsche Oper: Drei Mal "Così fan tutte" : Paare und Perioden

 Was kommt nach dem Regietheater? In der Tischlerei der Deutschen Oper bauen drei junge Regisseure drei Versuchsanordnungen auf - mit Mozarts "Così fan tutte“.

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Draußen ist drinnen. Szabolzs Hamori (Don Alfonso) und Valentyna Halushko (Dorabella) in der Inszenierung von Clara Hinterberger.
Draußen ist drinnen. Szabolzs Hamori (Don Alfonso) und Valentyna Halushko (Dorabella) in der Inszenierung von Clara Hinterberger.Foto: Alexander Wenzel

„Aida“ in Guantánamo, „Entführung“ im Puff, mediale Metaebenen – alles Schnee von gestern. Wer erwartet heute in einer Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ noch das Drama um die Treueprobe zweier Paare eins-zu-eins dargestellt zu sehen? Aber was kommt nach dem einst so innovativen Regietheater? Experimentelle Antworten darauf geben drei junge Regieteams der Kunstuniversität Graz im Rahmen eines Forschungsprojekts.

In der Tischlerei der Deutschen Oper weiß keiner genau, was ihn erwartet – selbst die Macher nicht. Das liegt in der Natur des Experiments. Hören wir etwa Ferrandos Arien anders, wenn der iranische Tenor Mahdi Zareiniakan uns in seine Biografie blicken lässt, wenn die Realitäten aller – Darsteller, Zuschauer, Unbeteiligter – gleichwertig thematisiert werden? Diese Versuchsanordnung stellt sich die Regisseurin Clara Hinterberger: Sie lässt sämtliche Realitäten gleichzeitig im Bühnenraum spielen. Während Fiordiligi (Margarita Misihaev) mit Präsenz und Spannung ihre erste Arie singt, erzählt Dorabella-Darstellerin Valentyna Halushko in ihrer Muttersprache von sich selbst, im Hintergrund Textprojektionen über die Entfremdung von der eigenen Sprache. Eine weitere Wand holt per Live-Video den Alltag von draußen auf die Bühne – eine Welt, die beim Opernbesuch meist in süßem Vergessen ertrinkt. Daran gemahnt auch eine historische „Così“-Inszenierung, die in einer alten Glotze ständig mitflimmert. Die Handlung hat bei solchen Ansätzen ausgedient. Man vermisst sie auch nicht. Man ist viel zu beschäftigt, den Konzepten auf die Schliche zu kommen und die Simultanaktionen zu verarbeiten. Zitathaft und kurz nur begegnen sich bei Hinterberger die Figuren auf einer rosa Mini-Bühne, wo sie Opernklischees mimen, ehe sie weiterwandeln, einsam. Der Klangraum der Rezitative tönt elektroakustisch und ohne Puls, Zeit scheint stillzustehen.

Gemeinsamer Nenner der drei Inszenierungen: Einsamkeit

Auch Margo Zalite und Michael von zur Mühlen erklären die Rezitative zum musikalisch-agitatorischen Freiraum, der im Kontrast zu Mozart mulmige Atmosphäre erzeugt. Von zur Mühlen macht aus „Così“ eine achtkanalige Video-Nabelschau: Die Protagonisten filmen sich in Nahaufnahme, tasten ab, wie sich Eigen- und Fremdwahrnehmung gegenseitig beeinflussen, durchlaufen jede Paarkonstellation, um letztlich in ihrer inneren Misere allein dazustehen. Die kulminierende Tirade, ein Aufschrei gegen die Usurpation des kreativen Raums durch Institutionen und ihre Wächter, wirkt da eher anklagend als zukunftsweisend.

In Zalites Inszenierung ist der Mensch nicht psychologisch, sondern chemisch gesteuert. Ein riesiges Periodensystem hängt im Raum, die „Elemente“ – die Akteure – binden und spalten sich willenlos. Mit dem Verschwinden des fühlenden Subjekts erklingt Mozarts Partitur so plastisch wie ein Tableau vivant.

Musikalisch muss man sich mit sporadischen Glanzleistungen zufriedengeben. Trotz des gut einstudierten und flexiblen Symphonieorchesters der UdK, dirigiert von Moritz Gnann, gelingt eine zuverlässige Koordination mit den darstellerisch hoch geforderten Sängern nur streckenweise. Gemeinsamer Nenner der drei Inszenierungen: Einsamkeit. Das trifft im Kern das Heute, wo selbst intimste Beziehungen oft von Entwurzelung und Isolation bestimmt sind. Dieses so aufwendig wie unbewusst formulierte Sentiment ist es, das an allen drei Abenden durch das Medium Mozart hindurch mitschwingt. Das Bild der Oper als bildungsbürgerlich-unzeitgemäßes Ereignis bringen die Ansätze mächtig ins Wanken. Nur: Um verstanden zu werden – und das möchte jeder Künstler – setzen sie eine profunde Grundkenntnis des Opernrepertoires voraus. Dass diese bei jüngeren Generationen ihre Schwundstufe erreicht hat, lässt befürchten, dass sich so auch die innovativste Katze in den Schwanz beißt.

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