Kultur : Deutsche Oper: Es gilt das gesprochene Wort

Frederik Hanssen

Gute Freunde zu haben, ist immer hilfreich. In manchen Situationen sind sie unverzichtbar: Zum Beispiel dann, wenn man im Begriff steht, aus verletztem Stolz eine Dummheit zu begehen. Leider ist Christian Thielemann niemand in den Arm gefallen, als er den Job als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper aufkündigte, nachdem seine Forderung nach einer Gleichstellung von Intendant und Musikchef nicht erfüllt worden war. Wäre der bekennende Thielemann-Fan Christoph Stölzl damals schon Kultursenator gewesen, er hätte diesen unbedachten Schritt vielleicht zu verhindern gewusst. Sein Vorgänger Radunski aber ließ es geschehen, und der designierte Intendant der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, präsentierte Ende März einen neuen Chefdirigenten: Fabio Luisi, den jungen Allrounder.

Allerdings muss sich Zimmermann seine Wahl von der Personalkommission des Senats bestätigen lassen. Dort aber liegt der Vertrag seit Monaten auf Eis. Luisi ist inzwischen so wütend, dass er dem Senat ein Ultimatum gesetzt hat. Wenn sein Vertrag bis heute nicht eintreffe, werde er auf 2,25 Millionen Mark Schadenersatz klagen. Doch außer Stölzls Versicherung, er wolle einen Rechtsstreit verhindern und strebe eine "Kompromisslösung" an, hat Luisi bis jetzt nichts in der Hand. Im Gegenteil: In einem offenen Brief des Orchesters der Deutschen Oper wünschen sich die Musiker, weiter mit Thielemann arbeiten zu dürfen.

Juristisch hat nur ein Orchester der Welt das Recht, seinen Leiter selber zu wählen: das Berliner Philharmonische Orchester. Alle anderen müssen unter dem Chef spielen, den ihnen die Politik aussucht. Dass Musiker manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden müssen, zeigen die jüngsten Beispiele aus den beiden Städten, die derzeit als interessanteste deutsche Musiktheatermetropolen gelten: Sowohl Ingo Metzmacher in Hamburg als auch Lothar Zagrosek in Stuttgart schlug zu Beginn ihrer Amtszeit alles andere als die Sympathie ihrer Orchester entgegen. Und was Thielemann betrifft: Mögen es seine Fans auch bedauern, wenn er zum Herbst 2001 Berlin verlässt, einen Trost gibt es für sie und den impulsiven Maestro: Fabio Luisi sind drei Jahre an der Deutschen Oper zugesichert. "Der fliegende Holländer" hatte nur alle sieben Jahre eine neue Chance.

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