Deutsche Oper : Gesammeltes Schwelgen

Traudlinde Drobbe war Dauergast in der Deutschen Oper Berlin. Und ihr vielleicht größter Fan. Jahrelang hortete, sortierte, beschriftete, archivierte sie Tickets, Autogramme, Programmhefte und 2800 Fotos von sich und den Sängern. Wie eine Leidenschaft zum Schatz wurde

Frederik Hanssen   

Es ist Freitag, der 2. September 1983. Gerade ist Gaetano Donizettis "Lucia di Lammermoor" dem Wahnsinn verfallen. Es war der einzige Ausweg für die Koloratursopranistin, nachdem sie den Gatten, den zu heiraten ihr Bruder sie gezwungen hatte, im Brautbett erstochen hatte. Der Mann, dem Lucias Herz gehört, Edgardo vom verfeindeten Clan der Ravenswood, sang daraufhin die berühmte Arie "Tombe degli avi miei" und stürzte sich in sein Schwert. Applaus, Ovationen.

Die Uhr beim Bühnenpförtner der Deutschen Oper Berlin zeigt 22 Uhr 45. Darunter steht George Fortune, der als böser Bruder gerade den ganzen Schlamassel auf der Bühne angerichtet hat, und strahlt in Richtung Kamera. Traudlinde Drobbe lächelt dankbar, linst durch den Sucher und drückt ab.

Sechs Mal hat Frau Drobbe den amerikanischen Bariton in der Rolle des Lord Enrico Ashton erlebt, zwei Mal hat sie sich ein Autogramm ins Programmheft geben lassen, zwei Mal hat der Sänger ein Foto signiert, einmal hat sie sogar auf beidem Unterschriften ergattern können.

Mitte der 80er Jahre: Es sind die goldenen Zeiten der Mauerstadt. Die Subventionen aus Bonn sprudeln, Berlins Bühnen, allen voran die Deutsche Oper, sollen Schaufenster des Westens sein. Generalintendant Götz Friedrich steht in der Blüte seiner Schaffenskraft, Premieren an der Charlottenburger Bismarckstraße sind gesellschaftliche Großereignisse, bei denen sich auch schon mal die Gattin des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker zur Anführerin eines Buh-Chores macht, wenn Skandalregisseur Hans Neuenfels es bei seinen Verdi- Vergegenwärtigungen zu wüst treibt.

Bis zu 15 verschiedene Stücke pro Monat stehen auf dem Spielplan, auch im Repertoirealltag kann man hier die Stars des Opernbusiness erleben. Und mittendrin Traudlinde Drobbe.

In der Deutschen Oper liegt ihr Lebensmittelpunkt

Sie ist das sprichwörtliche Gesicht in der Menge, eine kleine, unscheinbare Frau mit riesiger Brille, die irgendwo im 1800-Plätze-Saal mitjubelt. Wenn sich Traudlinde Drobbe abends in ihrer kleinen Spandauer Wohnung für die Oper fein macht, wählt sie gerne Blusen mit Streublümchenmuster oder dekorativen Schleifen. Dann zieht sie den praktischen Popeline-Mantel über und fährt mit der U-Bahn nach Charlottenburg. Dort, in der Deutschen Oper, hat sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Hier trifft sie ihre Freundinnen, mit denen sie nach der Vorstellung auf Autogrammjagd geht.

Über jeden ihrer Besuche führt Traudlinde Buch. Auch im Privatleben legt sie also die Akribie nicht ab, die sie tagsüber als Sachbearbeiterin im Grundbuchamt Charlottenburg gewohnt ist: Sie verwahrt jedes Programmheft, hütet jede Eintrittskarte. Ist ein neuer Film mit Schnappschüssen vom Bühneneingang entwickelt, werden die Bilder datiert und, gesichert durch vier transparente Fotoecken, eingeklebt. Bald füllen ihre Erinnerungsstücke mehrere Leitz-Ordner, große und kleine. Die Din-A4-Größe steht für den Lexikon-Teil mit getippten Lebensläufen, fotokopierten Zeitungsausschnitten und den Aufführungsdaten. Das Din-A5-Format ist für die Fotos. Die schönsten Sängerbilder schließlich bekommen Ehrenplätze in ihrer Wohnung, rahmenlose Glasbildhalter auf Raufasertapete.

So kommt ein Schatz zusammen bei Traudlinde Drobbe, der aber erst jetzt geschätzt wird.

Am 16. Januar 1989 stirbt Traudlinde Drobbe, unerwartet, mit gerade einmal 48 Jahren. Die Angehörigen schlagen das Erbe aus - weder die mit einer Hypothek belastete Eigentumswohnung interessiert sie, noch das Archiv. Also holen die Freundinnen aus der Opern-Clique die Devotionalien ab, verstauen sie in drei Umzugskartons und geben sie dort ab, wo Traudlinde immer am glücklichsten war: in der Deutschen Oper.

Eintauchen in das Leben eines fremden Menschen

Fast 20 Jahre ist das jetzt her. Wer den Nachlass damals entgegengenommen hat, daran kann sich im Charlottenburger Opernhaus keiner mehr erinnern. Irgendwie landen die Kisten in dem kleinen Archivraum neben der Notenbibliothek des Hauses. "Es gab ja niemanden, der sich um solche Sachen kümmern konnte", erinnert sich Bibliothekar Michael Breu. "Ich selber habe da kurz reingeschaut, eine beachtliche Schallplattensammlung gefunden und in unser Schallarchiv eingeordnet." Danach sinkt der Mantel des Vergessens über Traudlinde Drobbes gesammeltes Schwärmen. Götz Friedrich stirbt, die Deutsche Oper gerät unter schnell wechselnden Intendanten in schweres Fahrwasser. Schließlich kommt Kirsten Harms 2006 als Intendantin nach Charlottenburg. Und mit ihr ein junger Dramaturg: Neugierig streift Carsten Jenß durch die labyrinthischen Gänge des Backstage-Bereichs, auf der Suche nach dem Geist des Hauses. Er stößt auf Erstaunliches und Ernüchterndes - und auf die Umzugskartons.

Begeistert berichtet er Kollegen von dem Fund, darunter auch der Leipziger Kunsthochschulprofessor Günter-Karl Bose, der das optische Erscheinungsbild aller Publikationen der Deutschen Oper betreut. Und der weiß nun wieder jemanden, der sich der Sache annehmen könnte: Eva Winckler, eine seiner Studentinnen im Studiengang "Grafik, Design und Buchkunst". Als Abschlussarbeit der Fachklasse für Typografie, schlägt Bose ihr vor, solle sie einen Katalog des Drobbe'schen Archivs erstellen.

Und so sitzt Eva Winckler in ihrer kleinen Hinterhofwohnung in Prenzlauer Berg und taucht ein in das Leben dieses fremden Menschen. Sie begegnet einer Frau, die auf ihrer Schreibmaschine Briefe tippt, um mit umständlicher Höflichkeit beim "sehr geehrten Herrn Kammersänger" oder der geschätzten Sopranistin ein Autogramm zu erbitten. Den Schreiben legt Traudlinde Drobbe frankierte Rückumschläge bei, die sie in sauberer Mädchenschrift mit ihrer Adresse versehen hat. Wenn dann die unterschriebenen Fotos zurückkommen, heftet sie immer auch die Kuverts mit ab. Auf deren Rückseiten notiert sie mit Bleistift, wann sie ihr Gesuch abgeschickt hat und wann die Antwort eintraf.

Arbeitsame Beamtin und Opern-Groupie

Besonders rührend fand Winckler eine Serie von drei Fotos, die auf der Rückseite mit den Worten "Giorgios Strauß" versehen sind. Giorgio Lamberti, ein längst in Vergessenheit geratener Tenor, der in den 80ern oft an der Deutschen Oper war, ist ihr absoluter Lieblingssänger. Für ihn bricht sie sogar ihre ausgeklügelte Archiv-Systematik auf: Zwei eigene Ordner sind dem Italiener vorbehalten. Als Traudlinde Drobbe einmal von Giorgio Lamberti ein Blumenbouquet erhält - war es extra für sie beim Floristen bestellt worden, oder reichte er ihr ein Gebinde weiter, das er beim Schlussapplaus erhalten hatte? - stellt sie den Strauß vor einer Wand auf, die mit Fotos des Tenors übersäht ist und dokumentiert mit ihrer Kamera, wie die Zahl der frischen Blüten Tag für Tag abnimmt.

Traudlinde Drobbe, das wird Eva Winckler bald klar, hat zwei Leben gelebt: Eines als Rädchen im Behördengetriebe, als arbeitsame Beamtin und unauffällige U-Bahn-Fahrerin. Und ein Second Life als Opern-Groupie. Die Privatsphäre der 1941 Geborenen liegt weitgehend im Dunkeln. Karteikarten des Grundbuchamts Charlottenburg, die sie als Notizzettel verwendet, lassen auf eine Tätigkeit im Bezirksamt schließen. Die Spandauer Wohnung im ersten Stock eines frühen Nachkriegsbaus bezieht sie zunächst gemeinsam mit ihrem Vater, den sie bis zu dessen Tod 1983 pflegt. Ihr Interesse fürs Musiktheater, das sich bis dahin im bildungsbürgerlichen Rahmen gehalten hat, erblüht danach zur großen Leidenschaft. Vielleicht wird diese Traumwelt, in der Künstler im Rampenlicht überlebensgroß sind, prächtige Kostüme tragen und Gefühle rückhaltlos ausleben, auch eine Art Zufluchtsort, an dem Dinge möglich sind, die sich Traudlinde Drobbe selbst nicht gestattet hätte.

Und dann gibt es dort ja auch Ursula, Elke und die anderen, mit denen sie sich nach dem Schlussapplaus am Bühneneingang trifft, mit denen sie dem Moment entgegenfiebert, wenn die Darsteller herauskommen, abgeschminkt zwar, aber immer noch von der pelzverbrämten, strassglitzernden Grandezza ihres Berufsstandes umweht. Hier, im hässlichen Neonlicht des Funktionstrakts, wo das normale Publikum keinen Zutritt hat, wo große Schilder mit roter Schrift in kategorischem Imperativ verkünden: "Hausausweise sind unaufgefordert vorzuzeigen!", hier, zwischen scheinbar achtlos aufgeschichteten Dekorationsteilen, kommt sie ihren Stars ganz nah.

Jede große deutsche Bühne braucht Dauergäste

Oft hat sie Blumen dabei, die sie überreicht, manchmal auch kleine Geschenke. Und immer den Fotoapparat. Am Ende wird sie 2800 Schnappschüsse hinterlassen. Auf einem sieht man den blutjungen Peter Seiffert mit seiner Lucia Popp im Arm. Auf einem anderen winkt Hermann Prey durchs Autofenster. Und dann ist da noch die Aufnahme, die Samuel Ramey zeigt, der sich in seinem Ledermantel spreizt wie ein Pfau, das Verführerlächeln auf den Lippen. Julia Varady fährt im cremeweißen Mercedes vor, Neill Shicoff trägt eine tropfenförmige Pilotenbrille, René Kollo einen Trachtenjanker. Und wenn es ganz toll läuft, dann nehmen die Stars ihre Fans noch mit in eines der umliegenden Restaurants, ins "Don Giovanni", ins "Rosati" oder auch ins "Papageno".

Es sind diese Fotoserien von den lustigen Kneipenabenden, die Eva Wincklers Verhältnis zu Traudlinde Drobbe verändern. Was ist das nur für eine traurige Existenz, dachte die Studentin bei der ersten Durchsicht des Archivs. Sind denn Groupies etwas anderes als Motten, die ihre Idole umschwirren? Menschen, denen man zurufen will: Lebt euer eigenes Leben, hängt euch nicht an die Existenz anderer! Je intensiver sich Eva Winckler jedoch mit dieser außergewöhnlichen Dokumentation einer Leidenschaft beschäftigt, desto öfter stellt sie sich auch die Frage: Hat Traudlinde Drobbe nicht durch ihren Fan-Fanatismus Dinge erlebt, die sie sich sonst nie getraut hätte? Hat sie nicht gleich gesinnte Freunde gefunden, mit denen gemeinsam sie den Mut fand, die weltberühmten Bühnenpersönlichkeiten anzusprechen, mit denen sie manchmal sogar Sängern hinterhergereist ist, und sei es nur zu einer "Aida" nach Hannover?

Traudlinde Drobbe repräsentiert eine Besuchergruppe, die jede große deutsche Bühne braucht: die Dauergäste. Im italienischen Stagione-Betrieb wird jeweils ein Stück nach dem anderen gezeigt, in Repertoire-Häusern wie der Deutschen Oper dagegen bleiben manche Inszenierungen über Jahrzehnte auf dem Spielplan, werden bis zu 300 Mal gezeigt. Das funktioniert nur, weil es Menschen gibt, die immer und immer wieder in dieselben alten Produktionen gehen, um bestimmte Sänger zu erleben.

Barry McDaniel erinnert sich noch an sie

Modernes Musiktheater, wie es Götz Friedrich am Herzen lag, interessiert diese Aficionados nicht. Für sie übernimmt der Intendant von seinem Vorgänger die Inszenierungen von Donizettis "Lucia di Lammermoor" und Ponchiellis "Gioconda", die mit gemalten Prospekten aus der Uraufführungszeit ausgestattet sind - und noch heute gespielt werden. Durch Zuschauer wie Traudlinde Drobbe wurden olle Kamellen wie die "Tosca" von 1969 zum Dauerbrenner. Sie lieben Winfried Bauernfeinds putzige Spielopern-Arrangements von "Zar und Zimmermann" und den "Lustigen Weibern von Windsor" oder auch Friedrichs ganz klassisch gehaltene "La Bohème". All diese Werke finden sich im Archiv der Opernsammlerin aus Spandau wieder - und wecken Erinnerungen bei jenen, die jene Zeit miterlebt haben. Darum wird in der Deutschen Oper jetzt diskutiert, ob aus Eva Wincklers Katalog nicht eine Ausstellung entstehen sollte.

Es wäre auch eine Wiederbegegnung mit verdienten Ensemblemitgliedern: mit Manfred Röhrl, Gudrun Sieber, George Fortune, Bengt Rundgren. Und natürlich mit Pilar Lorengar, von der sich nicht weniger als 16 Autogramme im Archiv finden, auf jenen heute so anachronistisch wirkenden Schwarzweiß-Szenenfotos, die man früher am Buchstand im Foyer der Deutschen Oper kaufen konnte.

Der Bariton Barry McDaniel, dem Traudlinde Drobbe besonders treu zugetan war, erinnert sich sogar noch an sie, an ihre Marotte beispielsweise, ihr Eintrittsbillett nicht einreißen zu lassen, um es später unversehrt ins Programmheft einkleben zu können - nachdem sie den Ticketpreis mit Kuli notiert hatte. Vom sogenannten Vorderhaus-Personal - den Kassiererinnen, Billettkontrolleuren, Garderobieren, Platzanweisern - kann sich dagegen keiner mehr an Traudlinde Drobbe erinnern. Die großen Sänger prägen sich ein ins kollektive Gedächtnis, ihre Fans aber bleiben namenlos, auch die Gesichter der eifrigsten Operngänger verblassen schnell. Denn es kommen ja immer wieder neue nach. Heute Nacht werden sie sich wieder an der Pförtnerloge versammeln, nach der Vorstellung, die Kamera im Anschlag, den Edding griffbereit.

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