Kultur : Deutsche Oper: Kann das Kino die Oper retten, Herr Zimmermann?

Beim ersten Blick auf die neuen Monatsspielpl&auml

Udo Zimmermann ist Komponist ("Die Weiße Rose"), Dirigent und leitete von 1990 bis 2001 die Leipziger Oper.

Beim ersten Blick auf die neuen Monatsspielpläne wurde mir richtig schwindelig: diese bunten, verschwommenen Ringe auf dem Cover wirken geradezu psychedelisch!

Wir haben versucht, das Logo der Ära Götz Friedrich weiterzuentwickeln, jenen Nagel-Ring von Günther Uecker. Wenn Sie einen geistigen Ort revitalisieren wollen, sollten Sie nicht mit den positiven Traditionen brechen. Dazu gehören viele Inszenierungen Friedrichs, voran der "Ring", der eine Legende ist und den wir weiterhin zeigen werden. Die geistige Haltung, die man sich selber als Ziel vorgibt, muss mit dem Bestehenden behutsam zusammengebracht werden. Das macht sich dann auch in unserem neuen Erscheinungsbild fest, das von dem Designer Günter Karl Bose geschaffen wurde.

Der strenge, harte Uecker-Ring wird ersetzt durch...

etwas, das für mehr Sinnlichkeit steht, etwas, das aus sich heraus strahlt. Und doch bleibt die Form des geschlossenen Kreises die konzentrierteste, die sich denken lässt.

Wie werden die Programmhefte aussehen? Machen Sie dicke Bücher wie die Staatsoper?

Im Normalfall nicht, aber wir werden die außergewöhnlichen Produktionen durch umfangreichere Publikationen hervorheben. Bei Nonos "Intolleranza" wird es mit 130 Seiten fast ein Buch sein, weil es uns wichtig ist, viele zeitgenössische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Das gleiche gilt für Messiaens "Saint François". Mit den optischen Umgestaltungen wollen wir die Leute neugierig machen auf die Inhalte. Was uns am Herzen liegt, ist die Kunst, die hier gemacht wird. Nicht das Design.

Sie eröffnen die Saison zwar programmatisch mit Nono, aber am 24. September, dem 40. Jahrestag der Eröffnung der Deutschen Oper, wird es eine Fest-Vorstellung mit Mozarts "Don Giovanni" gegeben, so wie damals.

Die Reminiszenz ist mir wichtig. Mit dem "Don Giovanni" wurde damals eine glanzvolle Ära eröffnet: Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Grümmer, Pilar Lorengar und natürlich Ferenc Fricsay waren damals dabei. Wir stehen in einer großen Tradition, der wir auch verpflichtet sind.

Wie definieren Sie Ihre Spielplanlinie?

Eine "Klammer" mit klassischen Zeitgenossen wie Nono zu Beginn und Messiaen zum Ende der Saison 2001/2002 wollen wir auch in den kommenden Spielzeiten realisieren. Daneben ruht das Haus auf drei Säulen. Da gilt einmal das Motto "deutsche Oper für die Deutsche Oper": Strauss und Wagner natürlich, der neue "Fidelio" von Christoph Nel. Aber ich finde, auch Lortzings "Wildschütz" sollte seinen Platz bei uns haben. Was das französische Repertoire betrifft, machen wir zunächst "Hoffmanns Erzählungen". Dann planen wir einen Zyklus mit Berlioz-Opern. Im italienischen Fach wird Achim Freyer das Verdi-Requiem szenisch deuten. Hans Neuenfels wird seine Auseinandersetzung mit Mozart in einer Inszenierung des "Idomeneo" fortsetzen. Bei der Buffo-Oper will ich keinesfalls dem wunderbaren Berghaus-"Barbier" an der Staatsoper Konkurrenz machen - aber Rossini interessiert mich schon. Mit Cherubinis "Médée" zeigen wir, wie die Gesangsoper auf ästhetisch anspruchsvoller Stufe weitergeführt werden könnte.

Stimmkulinarisches ist also nicht tabu?

Keineswegs. Wir haben hervorragende Sänger verpflichten können. Angela Gheorghiu, Luba Orgonasova, Felicity Lott, Susan Graham, Edita Gruberova, Thomas Hampson, Bo Skovhus, Roberto Alagna, Robert Dean Smith, Rolando Villazon, Stefano Antonucci - um erst einmal nur bei dieser Spielzeit zu bleiben.

Sie haben immer wieder Namen berühmter Filmregisseure genannt, die Sie nach Berlin holen wollen.

Doch der Punkt, der mich am meisten interessiert, ist die Befragung des Genres Oper an sich. Wo geht denn die Reise hin? Auf ewig dieselben 80 Werke, das kann es doch nicht sein. Da ist ein denkbarer Weg, nach Künstlern aus anderen Gattungen, beispielsweise dem Film, Ausschau zu halten, die die Gattungskonventionen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. So lange sich Formen und Dramaturgien nicht ändern, bleibt es unbefriedigend. Natürlich lohnt es sich auch, das Repertoire nach Stücken zu durchforsten, die man wiederbeleben sollte. "Das Wunder der Heliane" von Korngold etwa, das Christian Thielemann 2003/2004 realisieren wird. Die Räume, die Daniel Libeskind entworfen hat, zeigen, in welche Richtung man gehen kann und lassen ahnen, was in seiner Inszenierung des "Saint François" von Messiaen möglich sein wird. Mit der Schaubühne denken wir über ein Orestie-Projekt mit Musik von Xenakis nach - solche Gratwanderungen zwischen Theater und Oper, das sind die wirklichen Abenteuer.

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