Deutsche Oper: "Tannhäuser" : Und der Haifisch...

Donald Runnicles gibt mit Wagners „Tannhäuser“ seinen offiziellen Einstand als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper - souverän, aber keine Offenbarung.

Frederik Hanssen
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Mit Taktstock statt Schottenrock. Donald Runnicles. -Foto: dpa

Donald Runnicles ist ein Mann, der gerne kraftvoll zubeißt. Im aktuellen Publikumsmagazin der Deutschen Oper antwortet der neue Generalmusikdirektor auf die Frage, was er an einem Menschen am meisten schätze: „Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Auch gute Zähne.“ Zwei weitere Male noch kommt der Maestro in dem Fragebogen auf sein dentales Schönheitsideal zu sprechen. Demnach müsste er mit seiner Intendantin eigentlich ganz gut auskommen. Kirsten Harms ist zwar dafür bekannt, das sie in Konfliktsituationen nicht so gerne die Zähne zeigt, ebenso stadtbekannt ist aber auch ihr strahlendes Lächeln. Wenn Runnicles für seinen Einstand als neuer Musikchef des Hauses Harms’ „Tannhäuser“-Inszenierung ausgewählt hat, so darf das durchaus als Zeichen gedeutet werden, dass er zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit ist – zumindest so lange, bis Harms Vertrag 2011 ausläuft.

Offiziell handelt es sich um eine ganz normale Repertoire-Vorstellung – und zunächst klingt sie auch so. Dabei ist die Besetzung exzellent. Einen besseren Tannhäuser als Peter Seiffert dürfte man derzeit schwerlich finden. Und auch Markus Brück ist eine Idealbesetzung für den Wolfram. Petra Maria Schnitzer leiht der frommen Elisabeth ihren mädchenhaften Sopran und bewältigt die ihr von der Regie aufgebürdete Doppelrolle als Venus achtbar. Der Chor der Deutschen Oper schließlich befindet sich weiterhin auf Höhenflug, beglückt mit prachtvollem Espressivo in der ersten Pilgerszene und himmlischen Pianissimi in der zweiten.

Allein, was dazu aus dem Orchestergraben schallt, will zunächst nicht recht überzeugen. In der Ouvertüre scheinen die Musiker noch nicht bereit, für den neuen Maestro ihr Bestes zu geben. Sehr rustikal klingt da alles, die Streicherkaskaden würde man sich leichter, leuchtender wünschen, das tiefe Blech sticht unangenehm heraus. Bei seinem Erscheinen hat der Saal Runnicles prasselnd und freundlich beklatscht, am Ende des Vorspiels regt sich nun kaum eine Hand.

Hat sich der 54-jährige Schotte nicht genug Zeit zur Vorbereitung genommen? Am 17. September leitete er in Wien die Premiere mit Benjamin Brittens „Death in Venice“, seine beiden Berliner „Tannhäuser“-Abende vorgestern respektive an diesem Sonnabend sind eng zwischen die Folgeaufführungen in der österreichischen Hauptstadt gequetscht.

Sicher, Donald Runnicles koordiniert das komplexe Geschehen souverän, Probleme zwischen Bühne und Orchester, wie bei seinem Vorgänger, sind nicht zu befürchten. Doch eine klangliche Offenbarung hört sich anders an. Da wird zu viel routiniert begleitet, da entsteht im Graben nur sporadisch eine atmosphärische Dichte, die wirklich dazu angetan wäre, die Sänger in ihren Gefühlsausbrüchen zu unterstützen.

Doch Richard Wagners „Tannhäuser“ ist eine lange Oper, und im dritten Akt finden der Dirigent und sein Orchester dann doch noch zueinander. Bei Elisabeths Gebet und dem anschließenden Lied Wolframs an den Abendstern gelingt endlich jener fein ausbalancierte, leise schimmernde Klang, den Runnicles bei Orchestern besonders schätzt. Das genügt dem Publikum, um den Neuen am Ende in die Ovationen für die Solisten einzuschließen.

Nach der zweiten „Tannhäuser“-Aufführung ist Donald Runnicles dann übrigens erst mal wieder weg, fünf Monate lang, bis er für den „Rosenkavalier“, „Manon Lescaut“ und ein Konzert im März an seine neue Wirkungsstätte zurückkehrt. Ab dem 17. April folgen zwei „Ring“-Zyklen. Hinter den Kulissen allerdings ist der Maestro mit dem guten Gebiss bereits kräftig dabei, die Zukunft zu regeln. Dabei will er kein Reißzahn im Regierungsviertel werden, im Gegenteil: Runnicles ist ein erklärter Gegner des experimentellen Regietheaters.

Das habe nämlich, findet er, mit seiner aufdringlichen Optik die Balance der Aufmerksamkeit für die vielfältige Kunstform Oper durcheinandergebracht. Zu Ungunsten der Musik, versteht sich. Dass in Kritiken die Beschreibung der Szene grundsätzlich den größten Raum einnimmt, ist ihm ein Dorn im Auge. Darum will er intensiv bei der Auswahl der Regisseure mitsprechen. Fragt man ihn nach Personen, die er unbedingt an die Deutsche Oper holen will, nennt er neben der Choreografin Sasha Waltz die Namen jener gemäßigt modernen Regisseure, die für eine Globalisierung der Opernästhetik stehen, wie Robert Carsen, Graham Vick und Christoph Loy.

Des Weiteren hat Runnicles bereits angekündigt, er werde sich neben seinen Hausgöttern Wagner und Strauss künftig schwerpunktmäßig um die in Berlin sträflich vernachlässigten Opern von Benjamin Britten, Leos Janacek sowie Hector Berlioz kümmern. Klare Ansagen – die für den Senat die Suche nach einem Harms-Nachfolger allerdings nicht einfacher machen.

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