Kultur : Deutsche Sitten

Glückssucher: der Dokfilm „Gernstls Reisen“

Julian Hanich

Drei Männer kaufen sich einen Kleinbus, fahren durch die Gegend und halten wildfremden Leuten Kamera und Mikro vor die Nase. Dabei stoßen sie auf etwas noch Fremderes: ihr eigenes Land. „Wir hatten ein Deutschland entdeckt, das gar nicht so langweilig war, wie wir immer dachten“, erzählt der eine, den man den Anführer nennen darf: Franz Xaver Gernstl. Gut gesagt. Nur: Es ist untertrieben. Denn was Gernstl, Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz bei ihren Reisen durch die fremde Heimat aufgabeln, sind Kauze, Propheten, Eigenbrötler, Aussteiger, Deppen, Stoiker und Narzissten.

Oder wie soll man einen Wünschelrutengänger nennen, der im fränkischen Hinterland nach Wasseradern sucht? Wie einen bärtigen Käsehersteller, der liebevoll mit seinen Bakterien redet? Wie einen ostdeutschen Laubenpieper, der sich im Garten einen phallischen Kletterfelsen baut und ihn regelmäßig oben ohne besteigt, um darauf (grottenschlecht) Akkordeon zu spielen? Alles Lebenskünstler. Individualisten. Menschen, die aus der Reihe tanzen, weil ihnen die gesellschaftliche Polonaise zu geradlinig verläuft.

Das Erstaunliche: Alle sind sie sympathisch. Das Roadmovie, das in seinen besten Momenten wie eine valentineske Bebilderung von Wolfgang Büschers literarischer Reportage „Deutschland, eine Reise“ wirkt, eröffnet kein Kuriositätenkabinett. Gernstl schaut den Leuten ehrlich ins Gesicht – und bewegt sich dabei selbst an der Grenze zum Sonderling, zumal in der Welt des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens. Seit 1983 unternimmt das Trio im Auftrag des Bayerischen Rundfunks seine Reisen; zweimal wurden sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. „Gernstls Reisen“ stellt eine Auswahl dar. Und was für eine! (Broadway, Filmtheater am Friedrichshain)

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