Kultur : "Deutsche Sprache - schwere Sprache": Alte Schachteln, neue Zeit

Hartmut Krug

Drei alte Frauen als Zwangsgemeinschaft, im Stillstand einer festgefügten DDR revoltierend für ein eigenes Leben: So traten Elly, Lotte und Trude in "Totentrompeten" 1995 erstmals auf die Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. Das bereits 1987 entstandene Stück benutzte Motive von Schleefs 1980 erschienenem großen Roman "Gertrud". "Drei Alte tanzen Tango" hieß 1997 der zweite Teil von Schleefs "Totentrompeten"-Trilogie, und wieder ging es um scheiternde Hoffnungen und Hochzeiten. Drei alte Schachteln, schandschnauzig, hartleibig und herzlich: Nun führt Einar Schleef sein Stückpersonal in "Deutsche Sprache - schwere Sprache" zwar in die neue, wie Wende- und Nachwendezeit, doch er führt sie nicht wirklich heraus aus der DDR. Der Volkspolizist, von dem sich Trude mit der falschen Hoffnung auf den Pass für die Westreise hat vergewaltigen lassen, leidet mittlerweile unter schweren, stotterigen Sprachstörungen. Diese Szenen, wohl nach biografischem Erleben des Autors gestaltet, sind von heiterer Schmunzelträchtigkeit, und Lore Tappe wirft sich mit verschmitzter Hinterhältigkeit in diese Rolle. Was auf der Strecke bleibt im neuen Stück, sind die verletzte und verletzende Aggressivität.Wobei auch Schleefs Sprache in "Deutsche Sprache - schwere Sprache" weitgehend ihres trockenen Humors und ihrer nüchtern auftrumpfenden Sinnlichkeit beraubt erscheint.

Das neue Stück besitzt etwas Konfektioniertes und Ausgedachtes, und - zumal in der braven Inszenierung von wiederum Ernst M. Binder - etwas ungemein Gemütliches. Die Szene ist ein Zimmer mit Sofa, die kleine Drehbühne dreht sich von Sofa zu Sofa. Die Biederkeit der drei Damen wirkt nicht mehr erschreckend, sondern nurmehr erheiternd. Immerhin: Die drei Schauspielerinnen sind zum dritten Mal das Ereignis eines Schleefschen Theaterabends. Wobei Ute Kämpfer der Lotte, die sich durch Bekanntschaftsanzeigen mit dem ganzen Körper und unverdrossener Lust kämpft, eine schön schräge, augenblitzende altjüngferliche Leidenschaft gibt. Während Gretel Müller-Liebers als Elly wieder scharfzüngig und schmallippig ihre Kommentare beisteuert. Über allen aber gluckt mit souveräner Ausdrucksmacht Lore Tappe als die planende Trude - die als Stasi-Geschädigte zur Rettung der Stasi aufruft. Wo alle gegen das Alte sind, kann Trude, die immer nur für sich war und dachte, auch wiederum nur für sich gegen den Rest der neuen Welt sein.

Volkspolizist Meyer jedenfalls wird Oberamtmann, er spricht die neue Sprache, die wie die alte klingt, und sein Stottern ist weg. Der Aufbruch der drei alten Schachteln mit der "Internationale" lässt ihn ins Stottern zurückfallen.

Dieser Aufbruch wird die drei Damen in einem vierten Teil der "Totentrompeten" übrigens überraschenderweise in die USA führen.

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