Kultur : Deutscher als deutsch

CHRISTINA TILMANN

"Das Ende des 20.Jahrhunderts" steht bevor: Für September 1999 planen Berliner Museen eine gleichnamige Jahrhundertausstellung.In deren Vorfeld eröffnete der Kunsthistoriker und langjährige Leiter der Hamburger Kunsthalle, Werner Hofmann, im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Vortragsreihe mit dem Thema: "Das Deutsche in der deutschen Kunst".Die These, die er seinen Ausführungen zugrundelegt, deckt sich dabei mit der Grundlinie der Ausstellung."Luther und die Folgen" wird ein Themenkomplex sein, und in Luthers Zwei-Reiche-Lehre sieht auch Hofmann das Charakteristikum deutschen Kunst begründet: In der Spannung zwischen verträumter, quasi-religiöser Innerlichkeit, wie sie Caspar David Friedrich, die Maler des Biedermeier und die Nazarener feierten, und der dröhnend-pompösen Machtkunst des Bismarckreiches.

Hofmanns Vortrag über das Deutsche in der deutschen Kunst war vor allem eines: Ein Vortrag gegen das Deutsche in der Kunst.Wie bedenklich die Suche nach "typisch deutschen" Elementen ist, zeigt er in einem provokanten Exkurs: Ausgehend von den Versuchen führender NS-Kunsthistoriker, den "Zackenstil" des 13.Jahrhunderts als Ausdruck eines nordischen Hangs zu Unruhe, Maßlosigkeit und Irrationalität zu deuten, führte Hofmann die These eines französischen Essayisten, wonach die SS-Rune auf den deutschen Expressionismus zurückgehe, ad absurdum, indem er die "deutschen Zacken" auf Daniel Libeskinds Bauten wie das Jüdische Museum und das Osnabrücker Nussbaum-Museum bezog.Der jüdisch-deutsche Architekt habe eine "Bedeutungsinversion" vorgenommen und das Zeichen neutralisiert, lautete seine Interpretation.

Die politische Seite der deutschen Kunst setzte Hofmann bei Max Ernsts "Hausengel" von 1937 an, den er Picassos "Guernica" an die Seite stellt.Die grenzübergreifende Bewegung des Surrealismus habe erstmalig die deutsch-französische Rivalität aufgehoben, die bis dahin der Definition des eigenen nationalen Selbstverständnisses gedient habe.Schon im 19.Jahrhundert hatten Bilder wie Franz Overbecks "Italia und Germania" den deutsch-welschen Gegensatz betont.Die italiensehnsüchtige Kunst der Nazarener ist nach Hofmanns Interpretation aber nicht nur, wie schon von Goethe getadelt, eine nostalgische Rückbesinnung auf das deutsche Mittelalter als Idealform, sondern ebenso das Zeichen einer intensiven Auseinandersetzung mit der Renaissance.Und gleichzeitig Zeichen eines gespaltenen Wesens, dessen Teile mal Germania / Italia, dann Innerlichkeit / Machtgier und schließlich BRD / DDR hießen.Wenn überhaupt etwas, dann ist diese Zwiegespaltenheit deutsch, schloß Hofmann mit einem Tucholsky-Zitat: "Deutschland ist ein gespaltenes Land.Ein Teil davon sind wir."

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