Deutscher Buchpreis : An den Rändern nichts Weißes

Augustin, Herrndprf, Krechel, Setz, Thome und Ziegler: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Wer in den letzten zwei Wochen Kulturseiten gelesen und Kultursendungen gehört oder geschaut hat, dürfte an zwei Schriftstellern und ihren neuen Büchern nicht vorbeigekommen sein: an Rainald Goetz und seinem Wut- und Wirtschaftsroman „Johann Holtrop“. Und an Martin Walser und seinem Liebesbriefroman „Das dreizehnte Kapitel“. Wer nun auch noch die sechs Titel umfassende Shortlist für den Deutschen Buchpreis studiert, wird sich womöglich wundern: Warum finden sich die beiden Bücher eigentlich nicht auf dieser Liste? Warum sind sie nicht für den Preis nominiert, der am 8. Oktober im Frankfurter Römer verliehen wird und dessen Anspruch es ist, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren?

Doch so verhält sich das nun einmal: Entscheidungsfindungen von Buchpreisjurys sind in der Regel nicht zu ergründen. Zudem sind die am meisten debattierten Bücher einer Saison nicht immer die besten, wobei gerade Rainald Goetz und Martin Walser Sonderfälle in der deutschsprachigen Literatur darstellen. Der eine ist als ultimativer, in seinen Büchern den „kompletten Diskursirrsinn“ widerspiegelnder Feuilletonleser selbst ein Feuilletonphänomen; immerhin stand Goetz mit „Johann Holtrop“ auf der Longlist. Und der andere ist halt, nun ja, Martin Walser. Außerdem hat den besten deutschsprachigen Roman des Bücherjahrs 2011/2012, wenn nicht überhaupt in den vergangenen Jahren, der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf mit „Sand“ geschrieben. Und „Sand“ steht jetzt tatsächlich auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2012.

Die Liste ist ansonsten genauso seltsam wie folgerichtig, wie eigentlich immer. Am meisten überrascht die Nominierung von Ernst Augustins „Robinsons blaues Haus“. Der 85-jährige Ernst Augustin ist alles andere als ein Publikumsautor. Auch im Literaturbetrieb war er bislang eher in dessen Randbezirken zu Hause.

Das Profil des Buchpreises repräsentiert am ehesten der 1972 im hessischen Biedenkopf geborene Stephan Thome mit seinem zweiten Roman „Fliehkräfte“. So schön realistisch wie Thome die Geschichte eines in einer Lebenskrise steckenden Philosophieprofessors erzählt, reüssiert er im Fall eines Sieges leicht auf der Bestsellerliste. Clemens Setz mit „Indigo“ und Ursula Krechel mit „Landgericht“ sind da von einem anderen literarischen Kaliber, genau wie Ulf Erdmann Ziegler mit „Nichts Weißes“.

Ziegler erzählt die westdeutsche Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau in den achtziger Jahren. Nicht unbedingt lebensprall, dafür aber klug, sprachlich durchdacht und genau. Neben Thomes und Herrndorfs Romanen ist „Nichts Weißes“ vielleicht der Geheimfavorit für den Preis. Gerrit Bartels

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