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Deutscher Filmpreis 2014 : So viel Heimat war nie

"Das finstere Tal" ist mit neun Nominierungen der Favorit für den Deutschen Filmpreis 2014. Das Rennen dürften trotzdem "Die andere Heimat" und "Fack ju Göhte" unter sich entscheiden.

Damals in Deutschland. In Edgar Reitz' Auswanderer-Epos "Die andere Heimat" erklärt Jakob (Jan Dieter Schneider, r) seinem Freund Franz Olm (Christoph Luser) und dessen Familie die Überfahrt nach Brasilien.
Damals in Deutschland. In Edgar Reitz' Auswanderer-Epos "Die andere Heimat" erklärt Jakob (Jan Dieter Schneider, r) seinem Freund...Foto: Christian Lüdecke/Concorde/dpa

Es dürfte ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden, wenn am 9. Mai im Berliner Tempodrom die Lolas in 19 Kategorien verliehen werden. Der Deutsche Filmpreis in Gold 2014, geht er an „Die andere Heimat“ oder an „Fack ju Göhte“? Beide sind in der Königsklasse „Bester Film“ nominiert, an entgegengesetzten Enden des Spektrums. Bora Dagtekins rasante Schulkomödie revolutioniert zwar die deutsche Kino-Unterhaltung nicht ganz, hat aber Drive bis zum Ende und begegnet heiligen deutschen Kühen mit einer Frechheit wie lange kein Film – der Kassenschlager des Jahres. Edgar Reitz’ Auswanderer-Epos „Die andere Heimat“ lebt dagegen von seinem Feinsinn, weckt alle Sinne, vereint Poesie und Sozialrealismus, Historie und Mythos und lässt das Publikum eintauchen in den Bilderfluss einer vergessenen Zeit, die doch so viel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Nominierungen für den Deutschen Filmpreis
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1 von 26Foto: © Florian Liedel / DEUTSCHE FILMAKADEMIE e.V.
08.05.2014 14:29Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Präsidentin der Filmakademie, Iris Berben, haben die Nominierungen für den...

Das kann man nicht vergleichen? Eben das spricht für beide Filme, und man drückt Reitz die Daumen, dass er bei insgesamt sechs Nennungen am Ende den Hauptpreis gewinnt. Denn das Prequel zu seiner ohnehin grandiosen Hunsrück-Chronik wird weit über die Saison hinaus Bestand haben. Mit je 250.000 Euro sind die Nominierungen für die Haupt-Lolas dotiert. Darüber kann sich jetzt auch Andreas Prochaska freuen, dessen Alpenwestern „Das finstere Tal“ mit satten neun Nennungen die Spitzenposition hält. Intelligente Genrefilme ergattern auch bei den Oscars gern die Höchstzahl der Nominierungen, gerade in den Nebenkategorien wie Szenenbild, Maske, Kostüm, gewinnen dann aber selten den Hauptpreis. Außerdem dabei: Frauke Finsterwalders Deutschland-Farce „Finsterworld“ (5 Nominierungen), Jakob Lass’ Debütfilm „Love Steaks“ und das in Norwegen spielende Stasidrama „Zwei Leben“ mit Juliane Köhler, die auch als Hauptdarstellerin ins Rennen geht. Viel Heimat, viel deutsche Retro- und Introspektion, ein reicher Jahrgang in eigener Sache.

Szene aus "Das finstere Tal"
Intelligentes Genre: "Das finstere Tal" ist in 9 Kategorien nominiert. Der Alpenwestern feierte schon auf der Berlinale Erfolge.Foto: dpa

Aber wieder einmal reibt man sich seufzend die Augen. Nichts gegen hohe Fördersummen als Mutmacher für Debüts, nichts gegen Prämien für kluges Genre und coole Publikumshits. Aber dafür gibt’s reichlich Branchen- und Ländergelder. Die mit knapp drei Millionen Euro Steuermitteln ausgestatten Lolas sind hingegen die höchstdotierte Kulturförderung des Bundes. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sitzt bei der Bekanntgabe der Shortlist in der Berliner Kinemathek denn auch zwischen den Schauspielerinnen Iris Berben und Christiane Paul, freut sich über das Filmjahr 2013 (höchster Marktanteil der letzten 20 Jahre) und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass der Bund den Film trotzt Kulturhoheit der Länder weiter fördern darf. Als Präsidentin und Vorstandsmitglied vertreten Berben und Paul die Deutsche Filmakademie, deren Mitglieder über die Preise entscheiden.

"Kreuzweg" und "Die Frau des Polizisten": Zwei der mutigsten, kulturell herausragendsten Filme des Jahres fehlen

Kulturförderung? „Zwei Leben“ verhebt sich an seinem Sujet, hat auch visuell nichts Besonderes zu bieten. „Finsterworld“ will die Kälte der Deutschen und ihrer Vergangenheit vorführen, bleibt aber ein Papiertiger, der anders als die Romanvorlage von Christian Kracht an Geschwätzigkeit krankt. 1400 Mitglieder hat die Deutsche Filmakademie, 55 Prozent haben sich an der Vorwahl beteiligt. Das umstrittene Prozedere, nach dem die Branche in diesem Jahr zum zehnten Mal selber über die Vergabe ihrer Kultursubventionen entscheidet, stellt die Akademie unter verschärfte Beobachtung.

Wo bleiben die mutigsten, kulturell herausragendsten Filme der Saison, Dietrich Brüggemanns bei der Berlinale mit dem Drehbuchpreis ausgezeichneten „Kreuzweg“ (der es nicht mal auf die Longlist schaffte) oder Philip Grönings Familiendrama „Die Frau des Polizisten“? Wieso ist bei den Hauptdarstellern keiner der großartigen Akteure aus „Die andere Heimat“ dabei, dafür aber Didi Hallervorden in „Sein letztes Rennen“? Stoff zum Streiten gibt es genug, bis zur Lola-Gala im Mai.

Vor der Verleihung wird vom 24. -27. April in der Astor Film Lounge in Berlin erneut das Lola-Festival über die Bühne. Mit Vorführungen der elf für die Hauptpreise nominierten Filme und vier "Lola Visionen": Gesprächsrunden über Regie, Schauspiel, Filmkritik sowie Schnitt & Ton. Genauere Infos zeitnah unter www.deutsche-filmakademie.de.

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