Kultur : Deutscher Katholikentag: Glauben - auch an sich selbst (Leitartikel)

Martin Gehlen

Die gelben Wandplakate mit der gepixelten Sanduhr sind eingerollt, die Stände in den Messehallen abgebaut, die rückenmarternden Papphocker auf dem Recyclinghof. Fünf Tage lang hat sich der 94. Deutsche Katholikentag in das Leben der protestantischen Hansestadt Hamburg eingefädelt, erst tastend und geräuschlos, dann immer selbstbewusster und präsenter. Zwar sind die eigenen Reihen lichter geworden, auch kämpfen manche nach den Spannungen mit der römischen Zentrale noch mit Erschöpfung. Doch das Leben geht weiter, das Leben jenseits der vatikanischen Instruktionen, das Leben im Unterholz des vielfältigen Kirchengartens. Hier wird praktiziert, was offiziell verboten ist. Hier rückt man zusammen, tauscht Erfahrungen aus, lässt einander ausreden. Die Epoche der katholischen Heerschauen ist untergegangen, nun läuft die Zeit der intelligenten Verschlankung.

Ernsthafter denn je halten die Katholiken mittlerweile Ausschau nach neuen Verbündeten unter "Menschen guten Willens". Grüne und Sozialdemokraten, Juden, Muslime, Protestanten sowie orthodoxe Christen beteiligen sich mittlerweile genauso selbstverständlich an dem Katholikentreffen wie zuvor schon Christdemokraten und katholische Gäste aus allen Teilen der Erde. Auch wissen die rarer gewordenen Kirchentreuen offenbar mit neuer Intensität zu schätzen, dass sie Mitglieder einer weltumspannenden Gemeinschaft sind.

Zwar hat das päpstliche Einheitsamt der deutschen Kirche beim Konflikt um die Schwangerenberatung eine Menge zugemutet. Gleichzeitig jedoch verdanken die Deutschen dem Pontifikat Johannes Pauls II. epochale Momente. Ohne den polnischen Pilgerpapst und seine Rückendeckung für die Gewerkschaft Solidarität säßen die Ostdeutschen vielleicht immer noch hinter dem eisernen Vorhang. Und die Reise nach Jerusalem, die historischen Versöhnungsgesten des katholischen Oberhauptes in Yad Vaschem und an der Klagemauer, waren vor allem wegen der Mordtaten der Deutschen notwendig geworden. Der polnische Papst, aufgewachsen bei Auschwitz, hat diesen Bußgang zwar im Namen der gesamten Christenheit angetreten, aber in besonderer Weise auch stellvertretend für die Deutschen.

Die Kehrseite dieser weltkirchlichen Fortschritte sind die längst zum Dauerklischee geronnenen katholischen Binnenprobleme. Priestermangel, Zölibat, Frauenordination und Stellung der Laien - seit Jahrzehnten reiben sich die Aktiven und Gutwilligen an diesen Fragen auf. Ohne Erfolg und ohne Perspektive auf Erfolg. Rom hält das dogmatische Korsett mittlerweile so eng geschnürt, dass es die Seelsorge zu strangulieren droht. Im Kern monarchisch verfasst, spiegeln sich Mündigkeit und Mitverantwortung des modernen Menschen in der Kirchenstruktur nicht wider. Wer aber zum Beispiel katholischen Laien, die gesellschaftliche Freiheiten anderenorts als selbstverständlich gewohnt sind, mehr Verantwortung abfordert, muss ihnen auch mehr Mitspracherechte einräumen. Anders lässt sich Christentum zumindest in westlichen Gesellschaften nicht mehr glaubwürdig bezeugen.

Auch das besondere Zeichen des Katholikentages für die Ökumene endete wegen römischer Intervention in einem schrillen Abendmahlstreit. Während sich die Bischöfe pflichtgemäß aufregten, ignorierte die Basis diese Nachhutgefechte des Konfessionalismus und ging ihre eigenen Wege. Denn sie weiß: Der deutsche Katholizismus hat im 21. Jahrhundert nur dann eine Zukunft, wenn er ökumenischer wird, demokratischer und internationaler.

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