Deutscher Pop der 80er Jahre : Yeah! Aaargh! Yeah!

Eine Wiederentdeckung: Eine Compilation hat deutschen Power-Pop und Mod-Pop der 80er Jahre ausgegraben. Die charmant naiven Songs von Bands wie Huah!, Die Profis, Family 5, Die Antwort oder Stunde X sind immer noch hörenswert.

Christian Schröder
Klauten bei den Stones. Stunde X.
Klauten bei den Stones. Stunde X.Foto: Tapete Records

Große Lyrik in kleinen Liedern. Zeilen, die so sehr Recht haben, dass man sie sofort auf ein Kissen sticken möchte. „Das Leben ist wie eine Tanzfläche, und wir warten auf die schnellen Stücke“, singen die Tanzenden Herzen zu eckigen Bläserfanfaren und komplizierten, semi-funkigen Bassläufen. Gitarren stottern, das Schlagzeug swingt, und Bernd Begemann schmachtet mit seiner Band Die Antwort: „Eine Samstagabendstadt ist besser als ein Montagmorgendorf“. Jetzt!, eine Gruppe aus Bad Salzuflen, prangern in einem Kirmesgitarren-Handclap-Massaker das Verhalten von Mitmenschen an, die von anderen unoriginell als Spießer beschimpft worden wären: „Vielleicht-Menschen ist egal, woher der Wind weht. Hauptsache, er tut ihnen nicht weh.“

Vergessene Rebellion

Die mitreißend naiven, charmant holpernden Songs sind Dokumente einer vergessenen Rebellion. Sie stammen von der Compilation „Falscher Ort, falsche Zeit“, auf der das Hamburger Label Tapete Records „Power Pop & Mod Sounds“ ausgegraben hat, die zwischen 1980 und 1990 in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgenommen wurden. Der vom Musik-Impresario Alfred Hilsberg erfundene Begriff Neue Deutsche Welle begann nach dem Höhepunkt 1981 rasch wieder zu verblassen, überhaupt waren die achtziger Jahre laut Florian Illies ja das langweiligste Jahrzehnt aller Zeiten.

Trotzdem entstanden in Hamburg, Düsseldorf und München, Zentren der bundesdeutschen Musikindustrie, bemerkenswert schnoddrige, vom Teenage-Furor angetriebenen Hymnen. Für eine nachhaltige Popkarriere waren das damals eher falsche Orte. Wer erinnert sich noch an Start!, die Time-Twisters oder Raumpatrouille Rimini? Feindbild war der Deutschrock von Wolf Maahn und Grönemeyer, Vorbild der smarte Britpop von Orange Juice, The Jam und den Buzzcocks. Stunde X klauten für ihren Beinahe-Hit „Hey Du!“ schamlos die Riffs von „Get Off Of My Cloud“, unterlegt mit manischen Aaargh- und Yeah-Rufen und behaupteten, sie stammen statt von Jagger/Richards von einem gewissen Bodo Goliasch.

Singen müsste man können

Die Profis zitierten im Titelsong „Falscher Ort, falsche Zeit“ „I don’t like Mondays“, machten daraus aber eine eigene pumpende Nummer. Die Gitarren dengeln, das Schlagzeug bollert, das Problem ist bei den meisten Bands der Gesang. Gut oder zumindest interessant singen konnten nur der Crooner Bernd Begemann, Peter Hein, der hier nicht mit den Fehlfarben, sondern mit Family 5 vertreten ist, sowie Frank Möller von Huah!. Bald nannte er sich Knarf Rellöm.

„Falscher Ort, falsche Zeit“ ist bei Tapete Records erschienen.

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