Kultur : Deutscher Schicksalstag: Der Westen ist anders

Heinrich August Winkler

Zum deutschen Nationalfeiertag taugt der 9. November nicht. Wie könnte man an dem Tag, an dem sich die Pogrome von 1938 jähren, tun, was man an einem Nationalfeiertag zu tun pflegt: unbeschwert feiern? Anlass zum Nachdenken aber bietet dieses Datum genug. Von der Ausrufung der Republik im Jahre 1918 über den Hitler-Putsch von 1923 und die sogenannte "Reichskristallnacht" von 1938 bis hin zur Öffnung der Berliner Mauer: Der 9. November ist, was man einen deutschen Schicksalstag nennt.

Die Proklamation der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 steht für den Versuch, Deutschland in eine Demokratie zu verwandeln und politisch dem Westen anzugleichen. Nichts hat diesen Versuch so sehr belastet wie die Tatsache, dass er im Schatten der deutschen Niederlage unternommen wurde. Die Demokratie galt vielen Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg als Staatsform der Sieger und damit als undeutsch. Hitler, der am 9. November 1923 mit seinem gewaltsamen Umsturzversuch in München kläglich scheiterte, schaffte sieben Jahre später den großen Durchbruch auf Reichsebene: Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 wurden die Nationalsozialisten zur zweitstärksten Partei nach den Sozialdemokraten.

Hitlers Wahlerfolge zwischen 1930 und 1933 hatten ihre Ursache nicht in seinem fanatischen Antisemitismus. Den nahmen die meisten seiner Wähler nur billigend in Kauf. Die historische Chance der Nationalsozialisten lag in etwas anderem. Nachdem die parlamentarische Demokratie von Weimar im Frühjahr 1930 zusammengebrochen und wenig später durch ein halbautoritäres, bürokratisches Präsidialregime abgelöst worden war, konnte Hitler verstärkt an ein altes Ressentiment und zugleich an einen alten Anspruch appellieren. Das Ressentiment waren die verbreiteten Vorbehalte gegenüber dem parlamentarischen System, das seit 1930 nur noch auf dem Papier stand. Der Anspruch war das seit Bismarcks Zeiten verbriefte Recht des Volkes auf politische Teilhabe in Gestalt des allgemeinen gleichen Wahlrechts, das durch die Präsidialregierungen der Jahre 1930 bis 1933 weithin um seine politische Wirkung gebracht wurde.

Was folgt, war die Katastrophe

Das antiwestliche Ressentiment hatte Wurzeln, die tief in die deutsche Geschichte zurückreichen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das sich 1806 unter dem Druck Napoleons auflöste, hatte stets etwas anderes und mehr sein wollen als die westlichen Nationalstaaten, nämlich ein universales, übernationales Gebilde. In der Revolution von 1848 scheiterte der Versuch, aus Deutschland gleichzeitig einen National- und einen Verfassungsstaat zu machen, also Einheit und Freiheit zusammen zu verwirklichen. Bismarck löste zwischen 1864 und 1871 die Einheitsfrage. Die Freiheitsfrage aber löste er nicht, weil eine parlamentarisch verantwortliche Regierung das Ende "seines" Preußen, und das hieß: der Vorherrschaft von Krone, Adel und Militär, bedeutet hätte. Die Revolution von 1918/19 brachte den Deutschen Einheit in Freiheit, aber die Geburt der Demokratie aus der Niederlage erwies sich als Bürde, der die junge Republik nicht gewachsen war.

Der Weimarer Republik folgten jene zwölf Jahre, die der Berliner Historiker Friedrich Meinecke 1946 rückblickend die "deutsche Katastrophe" genannt hat. Er hätte auch von der jüdischen Katastrophe sprechen können. Die Nürnberger Gesetze von 1935, die die Judenemanzipation rückgängig machten, riefen in Deutschland kaum Widerspruch hervor - schließlich waren es "Gesetze". Dagegen lösten die Gewalttaten der SA vom 9. November 1938 durchaus Abscheu aus. Aber die private Empörung blieb folgenlos. Die Deportation der Juden im Zweiten Weltkrieg wurde hingenommen. Dass die Deportation Vernichtung bedeutete, konnte wissen, wer es wissen wollte. Schließlich wurden Hitler und Goebbels in ihren öffentlichen Reden und Verlautbarungen deutlich genug.

Als Hitlers Herrschaft 1945 zusammenbrach, ging nicht nur das "Dritte Reich" unter, sondern mit ihm auch das von Bismarck gegründete Deutsche Reich und der sehr viel ältere Reichsmythos - jener Mythos, mit dem deutsche Intellektuelle eine besondere "deutsche Sendung" gerechtfertigt hatten: den Anspruch auf die Führung Europas. Der Glaube an diese "Sendung" schloss die Annahme ein, dass die deutsche "Kultur" der westlichen "Zivilisation" überlegen sei. Innerlichkeit und Tiefe standen gegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - eine deutsche Ideologie, die älter war als der Nationalsozialismus, aber von diesem so übersteigert wurde, dass sie für immer erledigt schien.

Eine zweite Chance in Sachen Demokratie erhielten nach 1945 nur die Westdeutschen. In der alten Bundesrepublik vollzog sich jene "vorbehaltlose Öffnung ... gegenüber der politischen Kultur des Westens", von der Jürgen Habermas 1986 sprach. Der Westen wurde im Wortsinn "erfahren", und im Zuge ihrer Begegnungen mit Amerika, England und Frankreich eignete sich die geistige Elite der zweiten deutschen Demokratie einen "Verfassungspatriotismus" an, wie es ihn in der ersten Demokratie, der von Weimar, nie gegeben hatte. Dass die Ostdeutschen keine Möglichkeit hatten, an dieser Entwicklung teilzunehmen, geriet immer mehr in Vergessenheit. Die Mehrzahl der westdeutschen Intellektuellen glaubte, die Sache mit der Nation endgültig hinter sich zu haben. "Postnational" lautete der Schlüsselbegriff, der das Selbstverständnis der Bundesrepublik in den achtziger Jahren gut traf. Und obwohl diese Formel nicht von links stammte, fand sie dort den größten Zuspruch.

Der 9. November 1989 rief Freude, nicht nur in Deutschland, hervor: An diesem Tag fiel eine Bastille des 20. Jahrhunderts. In den Wochen danach drängte sich, von Ostdeutschland ausgehend, etwas in den Vordergrund, was im Westen zunehmend verdrängt worden war - die nationale Frage. Die Demonstranten in Leipzig, die am 13. November, vier Tage nach dem Fall der Mauer, als erste "Deutschland einig Vaterland" skandierten, klagten historische Gerechtigkeit ein: Die deutsche Geschichtslast war nach 1945 sehr ungleich verteilt worden; praktisch waren die Westdeutschen die Kriegsgewinner und die Ostdeutschen die Kriegsverlierer. Seit der Jahreswende 1989/90 aber waren die Tage der Zweistaatlichkeit gezählt. Wie die Teilung überwunden wurde, nämlich im Einvernehmen mit den Vier Mächten und den europäischen Nachbarn: das ist eine große historische Leistung aller, die daran aktiv mitwirkten. Den Namen Helmut Kohl wird in diesem Zusammenhang auch der nennen, der aus guten Gründen nicht bereit ist, dem "Kanzler der Einheit" Verstöße wider Gesetz und Verfassung nachzusehen.

Am 3. Oktober 1990, dem frühestmöglichen Termin, wurde die deutsche Frage durch die Wiedervereinigung Deutschlands in den Grenzen von 1945 gelöst. Einheit in Freiheit, das Ziel der Revolutionen von 1848/49, 1918/19 und 1989/90, war damit verwirklicht. Auf die Frage, ob der 3. Oktober der "richtige" Tag der deutschen Einheit ist, gibt es eine Antwort, die dem überflüssigen Streit ein Ende bereiten sollte. Am 3. Oktober 1990 erklärte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim Staatsakt in der Berliner Philharmonie: "Zum ersten Mal bilden wir Deutschen keinen Streitpunkt auf der europäischen Tagesordnung. Unsere Einheit wurde niemandem aufgezwungen, sondern friedlich vereinbart ... Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet."

Ein vertrotzter Individualismus

Das Verdikt des Staatsoberhaupts stieß damals nicht auf vernehmbaren Widerspruch. Aber das heißt noch nicht, dass die "westliche Demokratie", dem Begriff und der Sache nach, endgültig im Osten angekommen war. Im Programm der PDS vom Januar 1993 steht der Satz: "Wir wollen im Gegensatz zu den etablierten Parteien keine Verwestlichung des Ostens, weil wir keine Zwei-Drittel-Gesellschaft, keine Massenarbeitslosigkeit, keinen Reichtum auf Kosten unterentwickelter Länder und keine Naturzerstörung wollen." Ganz offenbar verstand und versteht die PDS unter "Westen" etwas anderes als das Gros der Westdeutschen.

Und nicht nur die PDS. Es gibt, vor allem links von der Mitte, eine intellektuelle Stimmungslage Ost, die von einer Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens nichts wissen will, westliche Einflüsse vielmehr emotional abwehrt. Der Westen steht dabei nicht für die Menschen- und Bürgerrechte, für Gewaltenteilung und Pluralismus, also die Ideen der englischen Revolution des späten 17. Jahrhunderts, der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Französischen Revolution von 1789. "Westen" meint, wie einst für die Verfechter der wilhelminischen "Ideen von 1914" und die "Konservative Revolution" der Weimarer Jahre, das Andere, Fremde, Bedrohliche. Als bedroht erscheinen, wieder einmal, deutsche Kultur, Tiefe und Innerlichkeit. "Ein vertrotzter Individualismus nach außen, im Verhältnis zur Welt, zu Europa, zur Zivilisation" - so hat Thomas Mann Ende Mai 1945 in seiner Washingtoner Rede über "Deutschland und die Deutschen" treffend den "deutschen Freiheitsbegriff" charakterisiert. Im Osten Deutschlands lebt davon sehr viel mehr fort als im Westen.

"Links" drückt sich das antiwestliche Ressentiment anders aus als "rechts": in der Regel sublim und nicht brutal. Aber auch das linke Ressentiment ist nicht harmlos. Es wirkt lähmend und steht darum einem wirksamen Kampf gegen das rechte Ressentiment entgegen. Fremdenhass, Gewalt gegen Ausländer, Antisemitismus und Rechtsextremismus sind eine gesamtdeutsche Erscheinung. Doch es gibt ein Ost-West-Gefälle einschlägiger Straftaten und ein West-Ost-Gefälle des Bürgerprotests gegen rechtsradikale Gewalt.

Der staatlich verordnete Antifaschismus der DDR war eines, die Fortdauer einer deutschnational geprägten Lebenswelt ein anderes. Im Westen Deutschlands brachten jahrzehntelange Diskussionen um die "Schuldfrage" allmählich eine kritische Öffentlichkeit hervor. Wer sich, wie die ostdeutschen Kommunisten, nach 1945 zu den "Siegern der Geschichte" rechnete, sah sich zu dieser Art von Selbstkritik nicht genötigt. Als kommunistische "Partei neuen Typs" konnte die SED keine kritische Öffentlichkeit dulden. Eine Folge der Unterdrückung jedweden Protests waren die Abwanderung und Abschiebung vieler, aus denen sich eine solche Öffentlichkeit hätte rekrutieren können. Das alles wirkt bis heute nach.

"Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen", hat Marx 1843/44 in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie bemerkt. Die Wurzeln von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus liegen in einem Ressentiment, das sich gegen die ideellen Grundlagen der westlichen Demokratie richtet. Diese Ressentiments gibt es nicht nur in Deutschland, aber in keinem anderen Land des historischen Okzidents haben sie im 20. Jahrhundert so mörderische Konsequenzen gehabt wie hier. Wer vom antiwestlichen Ressentiment nicht reden will, soll vom Kampf gegen den Rechtsextremismus schweigen. Wenn es eine Botschaft des 9. November gibt, ist es diese.

Der Autor lehrt Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin und hat dieses Jahr seine zweibändige deutsche Geschichte "Der lange Weg nach Westen" vorgelegt.

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