Kultur : Deutsches Centrum für Photographie: Zur Not auch ohne Newton

Ronald Berg

Mit "WORK", der großen Geburtstagsretrospektive für Helmut Newton, ist die erste Probe für das zukünftige Deutsche Centrum für Photographie (DCP) bestanden: Die Nationalgalerie ist voll, das Medienecho riesig und Helmut Newton zufrieden. Trotzdem habe ihn der Job "Nerven, Zeit und Ärger" gekostet, meint Manfred Heiting. Zwar hat der DCP-Chef die Kuratorenaufgabe der Newton-Gattin Alice Springs überlassen, doch wurde durch ihn die Ausstellung erst möglich. Der Fotokenner und -sammler ist vor allem in Fragen der Finanzierung versiert. Zwei Drittel der Kosten wurden durch Sponsoren aufgebracht, ein Drittel kam von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Ägide Projekt DCP stehen soll.

Aber auch wenn nun alle Beteiligten zufrieden sind, so ist die Sammlung Helmut Newtons für das DCP noch nicht gewonnen. Denn offiziell existiert die Einrichtung noch gar nicht. Bisher gibt es nur eine Absichtserklärung von der Stiftung und den Auftrag an Heiting zur Erarbeitung eines Konzepts. Dieses hat er nun stiftungsintern vorgelegt, wenn auch ohne eine Kosten- und Personalaufstellung. Erst bei der nächsten Stiftungsratssitzung am 11. / 12. Dezember soll auf dieser Grundlage die Gründung des DCP beschlossen werden.

Von der Annahme dieses Konzepts hängt viel ab. Nicht zuletzt, ob Helmut Newton sozusagen mit einem eigenen Museum rechnen kann. Aber auch ohne den Glamour des Starfotografen sieht Projektleiter Heiting in Berlin gute Chancen, anderthalb Jahrhunderte Fotografie-Geschichte exemplarisch in 400 bis 500 Fotos darzustellen. Ein solcher Überblick gelinge allerdings nur mit rund 80 Prozent Leihgaben, so Heiting. Nur ein kleiner Rest, sozusagen die Crème de la crème, ließe sich aus den Beständen der Stiftung selbst rekrutieren. Für die von ihm bevorzugte Präsentation fotohistorischer Highlights hat die Stiftung offenbar nicht viel zu bieten.

Zu einer anderen Einschätzung kam die zehnköpfige Sichtungskommission unter Leitung des Fotohistorikers Enno Kaufhold. Bei Durchforstung der Bestände der Stiftungsmuseen entdeckten die Experten rund 26 000 relevante Aufnahmen. Darunter auch einige prominente Entdeckungen: etwa Aufnahmen von Felice Beato und oder Giorgio Sommer aus dem 19. Jahrhundert. Der in nur zwei Monaten als Grundstock für das DCP eruierte Bestand könne vor allem den "kulturellen und wissenschaftlichen Nutzungskontext in der Zeit von 1870 bis 1910" anschaulich machen, so Kaufhold. Zum Museumskonvolut käme noch eine Auswahl aus den 40 000 Aufnahmen der Lipperheidischen Kostümbibliothek zum Bereich Modefotografie. In der Kunstbibliothek befinden sich noch einmal 50 000 Fotos, darunter die künstlerisch besten Stücke der Stiftung: die Sammlung Juhl zur Kunstfotografie um 1900 und eine Auswahl der legendären "Film und Foto"-Ausstellung des Werkbundes von 1929. Nach Heitings Konzept soll das DCP mehr als nur Museum sein: ein "lebendiges Haus" mit Ausstellungs-, Restaurierungs- und Arbeitsräumen auch für Workshops, Café und Bibliothek. Für letztere sind bereits 20 000 Bände beisammen. Außerdem soll mit der Humboldt Universität eine Professur für Geschichte und Theorie der Fotografie eingerichtet werden.

Zur Durchsetzung dieser Ziele hat sich inzwischen ein Förderkreis gebildet, zu dem unter anderem Helmut Newton, Karl Lagerfeld, HdK-Dekan Dieter Appelt, die Sammler Heinz Berggruen und Erich Marx, Ex-Photokina-Chef L. Fritz Gruber, Alfred Biolek, der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Museen Wolf-Dieter Dube, die Event-Managerin Alexandra von Rehlingen, Wilfried Wiegand von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Klaus-Detlef Marquardt von der DG Bank gehören. Im Vorstand sitzen der Modefotograf F. C. Gundlach und Marx-Kurator Heiner Bastian. Alles Leute mit Einfluss und Geld. Wobei Letzteres für Heiting eine geringere Rolle spielt, denn das kann sich der ehemalige Werbechef von "American Express" schon selber besorgen, etwa bei der Firma Eastman Kodak, die 1,2 Millionen zugesagt hat. Stattdessen soll der Förderkreis Allianzen bilden und in maßgeblichen Kreisen Stimmung für die gute Sache machen.

Als erstes aber müsste sich die hochkarätige Pressure-group wohl darum kümmern, die drohende Obdachlosiggkeit des DCP abzuwenden. Der ursprünglich vorgesehene östliche Stülerbau an der Charlottenburger Schlossstraße steht wider Erwarten erst ab 2007 zur Verfügung. Erst dann wird das Ägyptische Museum auf die Museumsinsel ziehen. Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, hat nun die Gipsformerei mit ihren 6500 Abgüssen nahe dem Schloss Charlottenburg ins Spiel gebracht. Nur was wird dann aus der Gipsformerei? Angeblich bemüht man sich um eine Lösung in Oberschöneweide.

Ungeachtet des Unterbringungsproblems sind Pläne für 2001 bereits geschmiedet. Mit der Brassai-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou und den bereits in Köln gezeigten Meisterwerken aus der Sammlung Vernon, Los Angeles, sollen zwei Ausstellungen nach Berlin übernommen werden - "entweder innerhalb oder außerhalb der Stiftung", so der Projektleiter entschieden.

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