Deutsches Historisches Museum Berlin : Alexander Koch muss voraussichtlich gehen

DHM-Präsident Alexander Koch soll seinen Hut nehmen - Genaueres ist nicht bekannt. Hinter den Kulissen des Museums brodelt es allerdings schon länger.

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Alexander Koch leitete das Historische Museum der Pfalz in Speyer, bevor er 2011 ans DHM nach Berlin berufen wurde.
Alexander Koch leitete das Historische Museum der Pfalz in Speyer, bevor er 2011 ans DHM nach Berlin berufen wurde.Foto: DHM

In welchem Zustand er das Deutsche Historische Museum übernommen habe, wurde Alexander Koch bald nach der Übernahme des Direktorenpostens im Herbst 2011 gefragt. „In einem wunderbaren Zustand“, so die Antwort des damals 45-jährigen Historikers: „Ich traf auf extrem aufgeweckte, motivierte, engagierte und erfahrene Mitarbeiter. Da macht es Spaß, Neues zu entwickeln.“

Die Frage war ebenso wenig zufällig wie die Antwort. Der Vorgänger Kochs, der bis zum Erreichen der Altersgrenze amtierende Lebenszeitbeamte Hans Ottomeyer, hinterließ ein Haus in Wagenburgmentalität. Die Abteilungsleiter der großen und räumlich auf drei Gebäude verteilten Museumsverwaltung hatten sich offenbar eingeigelt, Ottomeyer schien hinter jeder Vorzimmertür einen Abtrünnigen zu wittern. Geschichten von Briefzensur drangen nach außen, gepaart mit Andeutungen von Nepotismus. Ein Neustart war fällig. Der Optimismus des Herbstes 2011 kam etwas zu forciert daher, als dass man dahinter nicht die blanke Not erahnte.

Leider ging es dann gar nicht so gut weiter. Es ist, als liege ein Fluch auf dem schwer zu führenden DHM: Auch unter Koch, der zuvor das Historische Museum der Pfalz in Speyer geleitet hatte, wurde die Stimmung im Haus offenbar von Missgunst, Streit und Feindschaft im Haus dominiert - das spricht nicht für die Führungsqualitäten des Chefs. Auch fachliche Kritik wurde an dem von Museumsleuten und CDU-Politikern zunächst empfohlenen Alexander Koch laut, den der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann ins Amt bestellt hatte. Mancher Beobachter und Gesprächspartner störte sich an formelhaften Äußerungen, die alles und nichts bedeuten konnten. Die Überarbeitung der Dauerausstellung, lange schon ein Desiderat, wurde erst für 2018/19 in Aussicht gestellt. Eine wahre Ewigkeit in Anbetracht einer rapide sich wandelnden Welt, in der Antworten oder zumindest Hinweise aus der deutschen und europäischen Geschichte, gegeben aus dem reichen Schatz der historischen Zeugnisse der Museumssammlung, dringend erwünscht sind.

Mit der heißen Nadel gestrickt

So lange muss nun jedenfalls auf Direktor Koch – offizieller Titel „Präsident der Stiftung DHM“ – nicht mehr gewartet werden. Er steht offenbar vor der Ablösung. Nähere Einzelheiten sind von den Beteiligten nicht zu erfahren, weder Koch selbst noch seine Dienstherrin, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) möchten sich dazu äußern. Grütters' Sprecher bestätigt lediglich, dass es am Dienstag eine Sitzung des Kuratoriums der Stiftung gab – des Leitungsgremiums unter Vorsitz von Günter Winands, Amtschef in Grütters' Behörde -, in der es auch um Personalfragen ging. Weitere Auskünfte seien zur Zeit nicht möglich. Offenbar ist das Vertrauensverhältnis tief erschüttert und man ringt abseits der Öffentlichkeit um eine einvernehmliche Lösung.

Der Eingang des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin.
Der Eingang des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin.Foto: Sophia Kembowski/dpa

Dass es hinter den Kulissen brodelt, zeichnet sich bereits länger ab. Kochs Probezeit war von Neumann von einem auf zwei Jahre verlängert worden und sein Vertrag 2014 dann nicht wie bei dieser Position üblich als Lebenszeitvertrag gestaltet worden, sondern befristet auf fünf Jahre. Und mit Auflagen verbunden, etwa einer Mediation, um die Arbeitsatmosphäre im Haus zu verbessern. Offenbar hat alles nichts genutzt. Dass man sich mit Koch einen polarisierenden Chef ins Haus geholt hatte, wäre schon von seiner vorherigen Wirkungsstätte in Speyer zu erfahren gewesen.

Interimistisch wird nun vorerst Ulrike Kretzschmar, Kochs Stellvertreterin und Abteilungsleiterin Ausstellungen, das DHM mit seinen 210 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 49 Millionen Euro führen. Kretzschmar gehört dem Haus seit dessen Gründung im Jahr 1987 an, war schon zur Zeit der Direktoren respektive Präsidenten Christoph Stölzl und Hans Ottomeyer dabei. Wie es nach einem Weggangs Kochs dann personell weitergeht, bleibt vorerst offen. Ohne eine Findungskommission wird es nicht gehen.

Nicht nur wegen der renovierungsbedürftigen Dauerausstellung steht das Haus schon länger in der Kritik. Zweifel an Kochs Fachkompetenz regten sich schon schon deshalb, weil die eigenen Projekte auf wenig positive Resonanz stießen und sich das Museum auch mit den zuletzt in rascher Folge aufgebotenen Sonderausstellungen zu aktuellen Fragen keinen Gefallen getan hat. Da wurde zu offensichtlich mit der heißen Nadel gestrickt. Die Souveränität, mit der ein Christoph Stölzl im Wiedervereinigungsjahr 1990 ausgerechnet eine große Bismarck-Ausstellung inszenieren konnte, ist dem Haus schon lange abhanden gekommen.

Auch bei der "Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung" gab es jahrelange Personalquerelen

Koch holte Fremd-Kuratoren, behalf sich vielfach mit Ausstellungs-Übernahmen. Auch die Schau "Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland", die am 21. Mai eröffnet, ist eine Übernahme, aus dem Bonner Haus der Geschichte. Personelle Querelen gab es über Jahre auch bei der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung", das dem DHM angegliedert ist - zuletzt sorgten die unglücklichen Abgänge der Direktoren Manfred Kittel und seines Nachfolgers Winfrid Halder für Schlagzeilen. Ausgerechnet diejenigen Institutionen der Bundesrepublik, die für die Selbstreflexion der deutschen Geschichte zuständig sind, tun sich schwer mit sich selbst. Gefordert ist die Kulturstaatsministerin. Im Falle der "Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung" hat sie eine Lösung gefunden. Seit 1. April leitet dort Gundula Bavendamm die Geschäfte, sie war zuvor Direktorin des Alliiertenmuseums.

"Kultur öffnet Welten": Am 21. Mai wird Grütters im Hof des Deutschen Historischen Museums den erstmals verliehenen Preis für Kulturprojekte mit Flüchtlingen verleihen. Koch wird an diesem "Tag der kulturellen Vielfalt" und dem anschließenden Internationalen Museumstag mit offenen Türen und buntem Programm wohl kaum dabei sein. Es wird keine leichte Aufgabe für Grütters, einen Arbeitsrechtsprozess hoffentlich zu vermeiden und demnächst auch eine neue Leitung fürs DHM zu finden. Attraktiv ist der Job allerdings, trotz der verfahrenen Lage. Es gilt, das öffentliche Nachdenken über die Historie der Nation so klug wie anschaulich und sinnlich zu gestalten, in einem der bedeutenden Museen der Republik im Herzen der Hauptstadt. Und der Zuspruch ist auch da, allemal profitiert das DHM vom anhaltenden Touristenboom. 2015 stiegen die Besucherzahlen erneut, um fast 5 Prozent auf 810.000.

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