Kultur : Deutsches Historisches Museum: Im Hier und Heute (Kommentar)

Bernhard Schulz

Die Frage nach der Reaktion auf den wachsenden Rechtsradikalismus konnte nicht ausbleiben. Was will das Deutsche Historische Museum (DHM) mit seinen Mitteln dagegen unternehmen? Was heißt, weiter noch, politische Aufklärung heute?

Mit einem Mal war die Pressekonferenz, die Hans Ottomeyer gestern, wenige Tage nach seinem Amtsantritt, abhielt, ganz in der Gegenwart angelangt. Doch die Antwort fiel, gelinde gesagt, verhalten aus. Schnell kehrte der neue DHM-Direktor zu zeitlosen Fachthemen wie der Objektpräsentation zurück. Was hätte er auch sagen sollen, als Leiter einer ausdrücklich "historisch" genannten Institution - und als ausgewiesener Kenner vergangener und noch dazu beschaulicher Epochen wie der des Biedermeiers, nicht aber desjenigen Jahrhunderts, das uns am nächsten steht?

Der neue Direktor hätte stärker zur Sache antworten müssen. Das DHM, wie umfassend in die Vergangenheit hinein sich sein Sammlungs- und Ausstellungsauftrag auch darstellt, ist zuallererst ein Haus der Gegenwart. Im Zeughaus, seinem Domizil in der Mitte der deutschen Hauptstadt, richtet sich der Blick auf die Wege und Abwege der Geschichte nicht aus interesselosem Wohlgefallen, sondern aus dem Bedürfnis, das Hier und Jetzt in seinen Ursprüngen und Bedingungen zu begreifen. Zu diesem entschieden zeitgenössischen Auftrag des Deutschen Historischen Museums sich zu äußern, hätte es mehr als eines rhetorischen Schlenkers seines neuen Direktors bedurft. Die Deckung, die Ottomeyer hinter der auf zwei Jahre hinaus festliegenden Ausstellungsplanung bezog, ist dürftig. Ohnehin strotzt diese Planung nicht eben vor geistiger Kraft - und darf auch nicht auf die Gunst des Zufalls hoffen, wie er der Bismarck-Ausstellung von 1990 zustatten kam, die zur Wiedervereinigung Deutschlands die historische Parallele zog. Auf solche Sternstunden kann nicht spekuliert, auf die Notwendigkeiten des Tages aber muss reagiert werden. Die vom Vorgänger übernomme Planung konnte die Sturmzeichen von heute nicht berücksichtigen - Hans Ottomeyer muss es. Und wenn er selbst das ihm vertraute Terrain kulturhistorischer Retrospektiven nicht verlassen mag, so muss er sich des intellektuellen Potenzials seines gewichtigen Beirates bedienen. Nach 1990 hat das DHM die Hinterlassenschaften des DDR-Geschichtsmuseums im Zeughaus zu nutzen verstanden, um die drängenden Fragen nach dem Erbe der DDR und dem Selbstverständnis seiner Bürger zu diskutieren. Zur Stunde wäre es vonnöten, auf Herkunft und Entwicklung des Rechtsradikalismus einzugehen. Das Geschichtsmuseum bleibt zuallererst ein Haus der Gegenwart.

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