Kultur : Deutsches Literatur-Archiv: Faust ist mein Bruder

Jan-Arne Sohns

Als der Schweizer Privatgelehrte und Sammler Martin Bodmer 1971 starb, hatte er die Geschichte der menschlichen Kultur in rund 150 000 Schriftstücken und Kunstwerken gesammelt. Bodmer verfolgte das Ziel, "die großen Texte aller Zeiten in möglichst ursprungsnaher Form zu vereinen und sie in ihren geistigen Zusammenhängen zu zeigen". Später, als er merkte, dass keine noch so große Sammlung diesen universalen Anspruch einzulösen vermochte, fasste Bodmer seine Bibliothek als "Symbol des Weltschrifttums" und "Synthese menschlicher Zivilisation" auf. Nach Bodmers Tod wurde die Sammlung in die "Fondation Martin Bodmer Cologny" überführt.

Eine bestechende Auswahl - weniger als ein Tausendstel - aus Bodmers Nachlass ist nun im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar unter dem Titel "Spiegel der Welt" zu sehen. Den Anlass für die Schau, die bereits in Zürich Station machte und nächstes Jahr in New York und Dresden zu sehen sein wird, gab der Neubau des stiftungseigenen Ausstellungsgebäudes in Cologny bei Genf.

Die hölzernen Vitrinen scheinen auf orangefarbenen Lichtflächen zu schweben, in einem hohen fensterlosen Saal, der, schummrig beleuchtet und von einer brummenden Klimaanlage gekühlt, dem Inneren eines Sakralbaus gleicht. Die Präsentation teilt Bodmers Schätze in sechs Abteilungen ein, um der Universalität seines Anspruchs, einer sammlerischen Weiterentwicklung des Goetheschen Weltliteratur-Gedankens, gerecht zu werden: "Die Bibel", "Weltliteratur", "Philosophie", "Musik", "Weltgeschichte" und "Naturwissenschaften, Medizin und Geographie". Auf engstem Raum liegen sich makellose Originale der von Johannes Gutenberg gedruckten "Biblia latina" (um 1454) und Luthers Bibelübersetzung "Das Newe Testament Deutzsch" (1521) gegenüber. Luthers 95 lateinische Thesen gegen den Ablasshandel sind in einem anderen Teil der Ausstellung ebenfalls zu besichtigen: natürlich im Original. Genau wie die Erstausgaben der französischen Menschenrechtserklärung von 1789 und des "Kommunistischen Manifestes", die in einem Schaukasten nebeneinander liegen, in ihrer Mitte ein eigenhändig gekrakelter Brief Napoleons "à mes soldats". Solche Dokumente lassen den Titel der Ausstellung fragwürdig scheinen, wenn er sich auch auf Bodmers eigene Konzeption berufen kann: Diese Sammlung "spiegelt" nicht die Welt, sie ist die Welt.

Einem der legendären "Folio"-Bände mit Shakespeares Dramen haben die Ausstellungsgestalter zwei handliche "Quartos" zur Seite gelegt. Bodmer besaß mehr als 70 dieser unschätzbaren Stücke, vor denen nicht nur Anglisten feuchte Hände bekommen. Doch um zur Shakespeare-Vitrine zu gelangen, muss man erst vorbei an einer Handschrift des Nibelungen-Liedes aus dem 15. Jahrhundert, dem prachtvoll illustrierten "Codex Severoli" von Dantes "Divina Commedia" aus dem Jahre 1378, handschriftlichen Märchen-Aufzeichnungen der Gebrüder Grimm und dicken Manuskriptpaketen von Thomas Mann und Adalbert Stifter, die mit "Lotte in Weimar" und "Witiko" ganze Romane enthalten. Und an außereuropäischen Prachtstücken wie einer miniaturverzierten Ausgabe des persischen Epos von "Yûsuf und Suleika" aus dem 16. Jahrhundert. Bodmer sammelte Weltliteratur auf Goethes Spuren: als konservativer Konservator der Kultur. Eine Gruppe von Stücken, vom Volksbuch über Marlowe bis hin zu Autografen von Goethe und der "Höllenfahrt" Nestroys, offenbart ein Faible des Schweizers für den Fauststoff, das angesichts des faustischen Charakters seines eigenen Projekts kaum überrascht.

Die Lust des Sammlers am Frühen, Seltenen wird nur noch gesteigert durch das Unikat. Von Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung" findet sich in Bodmers Schatzkammer das Handexemplar des Autors, voller eigenhändiger Zusätze für die zweite Auflage. In Marbach beweist man Humor und hat eine derbe Invektive gegen Schopenhauers Kollegen Fichte aufgeschlagen, in der von dessen "philosophischen Ungeheuern" zu lesen ist. Wenn man es lesen kann, denn für Transkriptionen war in den Vitrinen leider kein Platz.

Bodmer kaufte nicht irgendein Originalexemplar von Newtons "Philosophiae naturalis principia mathematica", sondern jenes mit handschriftlichen Anmerkungen und Berechnungen von dessen Konkurrenten Leibniz. Göttinger Bibliothekare hatten den Band 1929 als besudelte Dublette verkauft. Um den exklusiven Genuss seines Besitzes besorgt, ließ Bodmer selbst die Wissenschaft über seine Bestände im Unklaren. Vieles, was die Öffnung der Stiftung unter dem neuen Bibliotheksdirektor Martin Bircher zu Tage fördert, harrt noch der Edition - so die in Marbach zu besichtigenden autografen Vorstudien Flauberts zur "Madame Bovary". Friedrich Pfäfflin, Leiter des Schiller-Nationalmuseums, verspricht sich von der Ausstellung den "Schlüssel zu einer völlig neuen Welt". Er ist zugleich der Olymp der alten: der Welt von Schrift und Buch.

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