"Deutsches Requiem" : Groß & fein

Ein monumentales Erlebnis: Donald Runnicles dirigiert das "Deutsche Requiem“ in der Philharmonie.

Volker Hagedorn

Kann das gut gehen? Ist es nicht ewig her, dass für ein Oratorium 200 Sänger auf die Bühne marschierten? Eine monumentale Praxis, die längst auch für die Romantik überholt ist, gerade für Brahms’ „Deutsches Requiem“, das sich in Reduktion und Konzentration geradezu gegen das Überwältigungspotenzial der Großform wehrt?

Man traut darum seinen Ohren kaum, wenn in der Philharmonie der Atlanta Symphony Orchestra Chorus anhebt: Da wird ein Wort wie „selig“ mit einer kaum merklichen Zäsur zwischen den Silben so artikuliert, als sei das Ensemble mit barocker Klangrede groß geworden. Da gibt es Pianofarben, die mit solchen Massen eigentlich physisch nicht möglich sind, etwa den unendlich zarten Einwurf „Ich will euch trösten“, der die Sopranistin Helena Juntunen gleich noch inniger singen lässt. Zudem entwickelt dieser Chor, einstudiert von Norman Mackenzie, eine stilistische Sensibilität, die in kantigen Verdichtungen Mahlers Achte vorahnen lässt und später in sanfter Zuversicht klingt, als wär’s ein Stück von Mendelssohn.

Die Berliner Philharmoniker gehen zusehends auf diese kluge, extrem textorientierte Haltung ein, die auch Bassbariton Gerald Finley vertritt: nie dröhnend, in tenoraler Lage nicht beengt, sondern flehend. Dirigent Donald Runnicles genügt da die Rolle eines zuverlässigen Lotsen. Das gestische Vokabular des Musikchefs der Deutschen Oper ist recht überschaubar, sichert aber auch der Novität des Abends eine gediegene Realisierung. Sebastian Curriers Harfenkonzert (mit der Philharmonikerin Marie-Pierre Langlamet als Solistin) ist eine Folge gut gebauter Tableaus, die in jede Ferienwohnung passen: unverbindliches Kunsthandwerk mit tonalen Zentren, über denen ein Harfenglissando gern in ein Triangel-Ping mündet.

Nach diesem für die Philharmoniker entstandenen Auftragswerk des 50-jährigen Amerikaners ist Johannes Brahms erst recht erneut als Fortschrittlicher zu entdecken. Durch die letzten Worte des Chores blickt man in ein so unerlöstes wie freies Universum. Jubelrufe für die exzeptionellen Sänger aus Atlanta.Volker Hagedorn

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