Deutsches Symphonie-Orchester : Heißes Herz

Kent Nagano und das DSO spielen Alban Berg und Bruckners Neunte in der Berliner Philharmonie: Klangpoesie mit analytischem Blick und emotionaler Verausgabung.

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Kent Nagano, Hamburgs zukünftiger Generalmusikdirektor, spricht am 31. Oktober in Hamburg über sein Buch "Erwarten Sie Wunder!".
Kent Nagano, Hamburgs zukünftiger Generalmusikdirektor, spricht am 31. Oktober in Hamburg über sein Buch "Erwarten Sie Wunder!".Foto: dpa

Viele letzte Dinge, Abschied und Anrufung des Höchsten stecken in Anton Bruckners 9. und letzter Symphonie. Aber auch Zärtlichkeit und Hoffnung, das Verknüpfen loser Fäden, Summe des Schaffens. Auf jeden Fall eine Menge Überbau. Und dass Bruckner nach dem dritten Satz, dem Adagio, starb, hat der Mythenbildung – gelinde gesagt – nicht gerade entgegengewirkt. Was kann daneben bestehen? Soll man das Werk überhaupt mit etwas anderem kombinieren? 

Naganos Bruckner hat nichts Kaltes, auch Berg wird zur Überwältigungsmusik

Kent Nagano, den es noch regelmäßig ans Pult seines alten Orchesters zieht, hat die Neunte drei Mal mit dem Deutschen Symphonie-Orchester aufgeführt, jedes Mal mit einem anderen Werk an der Seite: Arnold Schönbergs „Erwartung“, Bernd Alois Zimmermanns „Ekklesiastischer Aktion“ und jetzt Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Violine mit 13 Bläsern. Um den Avantgardisten Bruckner zu betonen, der, selbst verkannt, doch die Moderne, die er nicht mehr erlebt hat, mit erschuf. Am Sonntag in der Philharmonie gelingt das zunächst aufs Schönste.

Die Solistinnen Mari Kodama und Vivane Hagner messen den Klangraum bei Berg in seiner ganzen Weite und Poesie aus, mit perlenden Läufen die Pianistin, mit lyrischem, filigranem, aber auch raubeinigem Klang die Geigerin. Nagano am Pult arbeitet unter dem Brennglas heraus, was der Magier Berg an sinnessatter Überwältigungsmusik geschaffen hat – und das, obwohl sein „Kammerkonzert“ auf strengster Zahlensymbolik beruht.

Analytischer Blick bei gleichzeitiger emotionaler Verausgabung – Nagano und dem Orchester gelingt das scheinbar Gegensätzliche auch im monumentalen Kopfsatz von Bruckner. Wieselflinke Rückungen, butterweiche Phrasenenden, eine Klangbalance, die immer knapp vor dem Zerbersten Halt macht: Diese Musik hat nichts Kaltes, was man ja Nagano oft vorwirft, sie ist mit heißem Herzen gespielt, greift mit den Fingern nach dem Hörer. Leider nur im ersten Satz. Dem Scherzo, einem der erstaunlichsten Sätze in Bruckners Spätwerk, verweigert sich Nagano, dazu scheint er keine Idee mehr zu haben. Die Stimmgruppen laufen davon, das Mysterium ertrinkt in brachialer Klanggewalt. Ein Spannungsabfall, der auch im Adagio nicht mehr wirklich gutzumachen ist. Das pulsierende Herz, es hat aufgehört zu schlagen. 

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