Deutsches Symphonie-Orchester : Lass’ den Springteufel raus

Als Einspringer für den erkrankten Jaap van Zweden dirigiert Pietari Inkinen das Deutsche Symphonie-Orchester - und überzeugt mit seiner feinnervigen Deutung von Gustav Mahlers 5. Sinfonie

von
Pietari Inkinen
Pietari InkinenFoto: Jukka Mykkänen

Zuerst war die Freude groß: Jaap van Zweden, der gerade erst ein furioses Gastspiel mit dem Hong Kong Philharmonic Orchestra im Konzerthaus gegeben hat, gibt sein Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester. Die asiatischen Newcomer hat er in drei Jahren zu einem tollen Ensemble zusammengeschweißt – welche Klangreisen also würden mit den Berlinern möglich sein? Dann die kalte Dusche: Absage wegen Grippe. Einspringer Pietari Inkinen schleicht sich fast ans Pult der Philharmonie, gibt sich leise, unauffällig.

In Edward Elgars Liedzyklus „Sea Pictures“ tut der Finne alles, um der Sängerin Christianne Stotijn ein Tableau zu bereiten: Er deckelt den Orchesterklang, hält die vielen kleinen, züngelnden Figurationen, mit denen Elgar Wellenbewegungen erschafft, im Ungefähren. Nur bei den wenigen gesangsfreien Zwischenspielen dreht Inkinen voll auf. Das ist wenig souverän und hat was von zwanghaftem Kompensieren-Müssen. Stotijn schwimmt obenauf, beherrscht und ebenmäßig, mit abgetönt strömendem, bernsteinernen Mezzo gestaltet sie die Mittellage, unternimmt hier und da Ausflüge in höhere oder tiefere Regionen, versagt sich aber die großen, windgepeitschten Emotionen, die sich bei diesem Sujet durchaus angeboten hätten. Karibik statt Kap Horn. Was bleibt, ist ein Gefühl von gefälligem Plätschern in der Badewanne. Im fünften und letzten Lied „The Swimmer“ dann aber fängt endlich ein Herz zu schlagen an, verschmelzen Orchester und Sängerin in wildem Wellenritt.

Das lässt hoffen für den zweiten Teil. Denn Mahlers Fünfte ist mit bloßem Durchwurschteln nicht zu machen. Da braucht es Eindeutigkeit, Stellung zu einer Welt aus den Fugen, deren musikalische Identität trotzdem noch behauptet wird. Gleißende Streicher, brummige Celli, dunkel schimmernde Monumentalität im Trauermarsch: Hat man zu Beginn noch den Eindruck, Inkinen würde mehr verwalten, was das Orchester ihm zuspielt, als dass er selbst Impulse setzt, so wächst er im Laufe der Symphonie mehr und mehr in die Rolle des Gestalters hinein, lässt den musikalischen Fluss betörend stauen und lösen. Lustvoll ziselieren die Musiker das Motivgewölk aus, lassen Ländler- und Walzerfragmente vorübertaumeln.

Das Scherzo: Hexentanz, Mittelpunkt des Werks. Figuren, die kurz die Köpfe rausblecken wie Springteufelchen. Ein gezupftes Gezänk zwischen erster und zweiter Geige und Bratsche, ein unvermittelt aus dem Nichts ausbrechender Walzer, der sich in wenigen Takten zum grellen Spuk hochschraubt. Vor das Adagietto setzt Inkinen eine ausgedehnte Zäsur: Vorbereitung, Sammlung auf völlig anderes. Ein zärtlicher Morgenwachtraum, gelöst und subtil schwillt die Dynamik an, sinkt wieder zurück. Die fugenartig verschränkten Themenvariationen im Rondo-Finale sind von einer Anmut, wie sie spielende Kinder haben. Vielleicht gelingt Inkinens Interpretation fast zu schön, versucht zu sehr, das Weltbrüchige, das sardonische Lachen in Mahlers Musik zu kaschieren. Und doch: Als alles vorbei ist, hat man Jaap van Zweden nicht vermisst. Ein größeres Kompliment lässt sich an diesem Abend nicht machen.

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