Deutsches Symphonie-Orchester : Wege aus der Rührschüssel

Sanfte Rhetorik, unschuldiger Klang: Robin Ticciati dirigiert sein Antrittskonzert als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Werken von Jean-Féry Rebel, Thomas Larcher und Richard Strauss.

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Robin Ticciati biem Konzert am Dienstag in der Philharmonie Foto: Kai Bienert
Robin Ticciati biem Konzert am Dienstag in der PhilharmonieFoto: Kai Bienert

Dieser Lockenkopf, der britische Charme, die ansteckende musikalische Leidenschaft dazu – natürlich glauben auch im Antrittskonzert von Robin Ticciati beim Deutschen Symphonie-Orchester nicht wenige, auf dem Podium einen zweiten Simon Rattle entdecken zu können. Der Philharmoniker-Chef sitzt tatsächlich im Publikum, gerade zurückgekehrt aus London, wo er seinen Einstand als neuer Leiter des London Symphony gefeiert hat. Zeitweilig war Rattle eine Art musikalischer Vater für Ticciati, der bei ihm assistierte. Und noch immer ruft der 34-Jährige dann und wann beim ergrauten Wuschelkopf an und fragt ihn um Rat. Nicht, weil der neue DSO-Chefdirigent nicht wüsste, was er mit der Musik erzählen will. Es sei mehr eine Überfülle an Ideen, die gebändigt werden will, so sieht es Rattle. Und urteilt ohne Zögern: Robin Ticciati ist „einer der Großen.“

Die Erwartungen an der neuen Maestro in der Musikhauptstadt sind nicht eben klein. Nicht nur wegen der direkten Konkurrenz, etwa durch Vladimir Jurowski, dessen Nachfolger Ticciati beim Opernfestival in Glyndebourne wurde. Das DSO wünscht sich wieder einmal einen Chef, der länger bleibt, mit dem das Orchester Perspektiven entwickeln kann. Gerade, weil der Klang dieses Ensembles so wandelbar ist und die Qualität der Konzerte sich so sehr emporschwingen kann, wenn ein Dirigent den richtigen Ton zu treffen weiß.

Es beginnt mit dem Chaos

Ticciati startet sein beziehungsreiches Programm in kleiner Besetzung mit der Suite „Les éléments“ des Rameau-Zeitgenossen Jean-Féry Rebel. Sie beginnt mit „Le Chaos“, bei dem die stehenden Musikerinnen und Musiker eine dissonante Klangstele in den Raum schieben, wie sie auch 250 Jahre später hätte komponiert werden können. Wie sich nun das Chaos lichtet, sich Ordnung und Anmut aneinanderbinden, das kommt einem Schöpfungsakt gleich. Ticciati betrachtet ihn im Schein sanfter Rhetorik, hilft den Streichern, sich wohl zu fühlen, trägt Bläser auf Händen – und schickt unbeschäftigte Musiker mit Vogelstimmenpfeifen in die Weite des Saals. Hübsch und leicht klingt das und erreicht doch nie jenen Punkt, an dem diese Musik zum Tanz wird, sich selbst vergisst und sich noch einmal neu wiederfindet.

Das folgende Werk widmet sich dem Chaos, für das der Mensch Verantwortung trägt. Der österreichische Komponist Thomas Larcher sieht seine Zweite Symphonie als Symbol für das, „was inmitten Europas geschehen ist und auch gerade noch geschieht“. Es ist die Tragödie ertrinkender Menschen im Mittelmeer. Larcher, der auch ein sensibler Pianist ist, drängt seinen Zuhörern diese Perspektive nicht auf, doch er liefert ihnen in jedem Fall ein Hördrama, befeuert von Dutzenden Schlagwerkzeugen, vom Donnerblech bis zur Rührschüssel. Rührselig ist das nie, erreicht aber unter Ticciatis Stabführung nicht die Weite der Uraufführung, die die Wiener Philharmoniker im Juni 2016 spielten. Gestaucht der Klang, heruntergearbeitet die Percussionsbatterie. Erst mit dem finalen Choral, der irgendwo zwischen Schostakowitsch und Pärt auftaucht, hebt sich Larchers Symphonie zum Herzen.

Nach der Pause lauert „Also sprach Zarathustra“, diese Tondichtung mit ihrem emblematischen Auftakt und ihren verschlungenen Wendungen. Ticciati hat vor dem Konzert erklärt, Richard Strauss mit Aufrichtigkeit begegnen zu wollen. Tatsächlich lässt er Wärme durchs Orchester strömen, mit Armen, die alles umarmen wollen, doch der Panzer dieser Partitur schmilzt nicht einfach dahin. Was Ironie oder Mimikry ist, will Ticciati – hier ganz Gegenteil von Rattle – nicht entscheiden. Er sucht einen unschuldigen Klang und verfängt sich immer stärker in den Strausschen Volten. Am Ende ist die Musik sehr schnell verklungen, der Jubel übernimmt – und die Arbeit mit dem DSO beginnt.

Am 29.9. dirigiert Ticciati das DSO im Kraftwerk Berlin. Musik aus drei Jahrhunderten trifft auf aktuelle elektronische Musik, Beginn um 21 Uhr. Am 3.10. leitet der neue Chef ein französisch inspiriertes Programm um 20 Uhr in der Philharmonie.

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