Deutsches Theater : 29 Zentimeter!

Sex-Stereotypen: Thomas Jonigks "Donna Davison" im Deutschen Theater.

Andreas Schäfer

Au weia, ein Schlaumeier-Stück über Pornografie. Da müssen wir jetzt tapfer sein. Genauso tapfer wie die tatsächlich beeindruckend tapferen Schauspieler des Deutschen Theaters Katharina Schmalenberg, Alwara Höfels, Thomas Huber, Sven Walser oder auch Michael Benthin, der zum Beispiel in der Rolle des Pornodarstellers Tom Donkey Sätze sagen muss wie: „... nicht jeder verfügt eben – wie ich – über neunundzwanzig Zentimeter ... Neunundzwanzig. Das hat der Protokollant richtig verstanden.“

Wir befinden uns in der Kammer, in der Uraufführung des Auftragsstückes „Donna Davison“ von Thomas Jonigk. Jonigk wurde mit Stücken wie „Täter“ oder „Rottweiler“ bekannt, in denen es um Missbrauch in der Familie oder Neofaschismus geht. Im Zentrum des neuesten Stückes steht die Pornodarstellerin Donna Davison (Alwara Höfels), die sich während der Dreharbeiten zu einem Kunstfilm mit pornografischen Passagen in den Schauspielerkollegen Jan Friedberg (Thomas Huber) verliebt, seines Zeichens Bundesfilmpreisträger. Die beiden ziehen zusammen, aber die Liebe scheitert. An Jans Eifersucht oder an seinem Minderwertigkeitsgefühl, aber wohl hauptsächlich an den Vorstellungen, die jeder zum Thema Pornografie mit sich herumträgt. Mehr als von ernst zu nehmenden Figuren handelt „Donna Davison“ von Klischees. Zwischendurch hüpft Katharina Schmalenberg als Regisseurin über die Bühne und spricht etwas von „Feminismus“ und „Authentizität“.

Um diese Klischees zu entlarven, jongliert das Stück mit Realitätsebenen. Denn nicht nur in Wirklichkeit, auch in besagtem Kunstfilm verlieben sich Pornoqueen und Tatort-Kommissar. Im Film bringt er sie um, im Leben stirbt er selbst, während Pornoheld Tom Donkey wiederum zum Tatort-Kommissar aufsteigt. Womit was bewiesen wäre? Dass die Hochkultur Prostitution ist? Dass, wie Donna einmal die Regisseurin anschreit, sie, also die Regisseurin, „genauso oft gefickt wird“ wie die Sex-Actrice?

„Donna Davison“ ist nicht nur ein Stereotypenkarussell und Diskurslabyrinth, sondern auch ein Angsthasen-Text. Mit seinen Verspiegelungen will er nicht nur entlarven, sondern gleichzeitig auch Jonigks Position verschleiern. Die Schauspieler wälzen sich nicht nur auf satinbezogenen Betten, stehen nicht nur nackt unter der Dusche oder lümmeln im Bademantel in der Klischeelandschaft eines Pornofilm-Settings herum (Bühne Hansjörg Hartung) und streiten sich über die Echtheit (Frauen) oder die Länge (Männer) ihrer Geschlechtsorgane. Sie werfen nicht nur mit dümmlichen Filmanspielungen („Herr der Cockringe“) um sich – zwischendurch zitiert der Autor sie auch an die Rampe, wo sie empörte Monologe über die Übersexualisierung der Gesellschaft halten.

Regisseurin Hanna Rudolph macht aus diesem albernen Nichts das Beste: eine grelle Farce. Sie steckt Donna in ein enges Kleid und die Herren der Schöpfung in glitzernde Anzüge und lässt sie das Ganze so schnell wie möglich übertrieben grimassieren. Dabei beeindruckt besonders Alwara Höfels als Donna. Die Wucht, mit der sie sich in die Sex-Posen wirft. Und die Berliner-Gören-Rotzigkeit, mit der sie sie wieder abstreift. Selten hat man freilich Schauspieler beim Schlussapplaus so ernst gesehen, so peinlich berührt von dem, was sie da anderthalb Stunden über die Bühne rumpeln mussten.

Wieder am 7., 12. und 27. Februar sowie am 5., 10. und 26. März.

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