Deutsches Theater Berlin : Thomas Vinterberg: Das WG-Experiment

Manipulierte Basisdemokratie und Spaß am Improvisieren: „Die Kommune“ von Thomas Vinterberg im Deutschen Theater Berlin.

von
Hände hoch. Die Kommunarden praktizieren Basisdemokratie am Küchentisch. Foto: Arno Declair
Hände hoch. Die Kommunarden praktizieren Basisdemokratie am Küchentisch. Foto: Arno Declair

Übertriebenen Sexappeal kann man den Kommunarden in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf den ersten Blick nicht vorwerfen. Mit Flanellschlafanzügen und Birkenstockschlappen hocken sie am Küchentisch, den Bühnenbildner Simeon Meier über die gesamte Rampenbreite gezogen hat, und treten ihre aparten Lebenslügen voreinander breit.

Die Gynäkologin Ditte (Zoe Hutmacher) ist kurz vorm Hyperventilieren, weil ihr Gatte (Thorsten Hierse) sie „Schatz“ genannt hat. Der Gelegenheitsjobber Virgil (Ernest Allan Hausmann) scheitert kläglich daran, den restlichen Selbstentfaltungspredigern seinen Mangel an Karriereehrgeiz zu erläutern. Und die Dauerkicherin Mona (Susanne Wolff) brüllt die gesamte WG in Grund und Boden, weil jemand ihren „Holundertee ohne Gerbsäure aus dem ökologischen Produktionskollektiv Kana“ leer getrunken hat.

Wir befinden uns in der „Kommune“ des Dogma-Filmers Thomas Vinterberg, der seit einigen Jahren auch fürs Theater arbeitet. Im September hatte der 43-jährige Däne am Wiener Akademietheater gemeinsam mit neun improvisationswilligen Schauspielern und dem Koautor Mogens Rukov seine eigenen kommunalen Kindheitserfahrungen verarbeitet.

Dafür hat er eine der nächstliegenden Konstellationen gewählt: Erek erbt ein Haus, zieht darin mit Frau Anna und Tochter Freja eine Kommune auf, deren basisdemokratisch errungene Abstimmungsergebnisse er freilich nur dann akzeptiert, wenn sie ihm passen, und setzt schließlich den Einzug seiner 24-jährigen Geliebten Emma durch, woran Frau und Tochter fast zerbrechen.

Vinterbergs eigene Inszenierung blieb dabei konsequent in den 1970er Jahren verortet: In Wien beobachtet man gleichsam Menschen bei einem ergebnisoffenen historischen Experiment; Leute also, die sich selbst entsprechend ernst nehmen, wenn sie nachts in der realitätsnahen Seventies-WG-Küche am Kühlschrank nackt ineinander stolpern.

Der Regisseur und Chef des Zürcher Neumarkt-Theaters Rafael Sanchez, den die Gerüchteküche übrigens als einen vieler möglicher Armin-Petras-Nachfolger fürs Maxim Gorki Theater nennt, geht jetzt in Berlin den umgekehrten Weg. Er stutzt Vinterbergs Text aufs grobe Handlungsgerüst zurück, das die Schauspieler wiederum – etwa mit lustigen Einsprengseln auf gesellschaftstheoretischer Proseminarebene – improvisierend füllen. Und zwar aus zeitgenössischer Perspektive, worüber man als Zuschauerin an vielen Stellen tatsächlich nicht unfroh ist. Die vierzig Jahre Gender Studies, die die Berliner den Wiener Kommunard(inn)en voraus haben dürfen, ersparen uns zum Beispiel viel ungebrochenes, wimmernd am Fuß des Kommunen-Machos klammerndes Frauen-Elend. Denn Judith Hofmann ist als abgelegte, von der WG zusehends ausgemusterte Erek-Ehefrau eine wunderbar differenzierte Selbsterbauungspragmatikerin, der auch beim würdevollen Leiden nicht vollends die Selbstironie abhanden kommt. Was natürlich auch daran liegen mag, dass Matthias Neukirch seinen Erek gelegentlich mit einer schön waschlappigen Entscheidungsunfähigkeitsnote infiltriert, die den Kommunen-Macho nicht ganz so abendfüllend viril erstrahlen lässt wie Joachim Meyerhoff in Wien.

Als clever erweist sich zudem Sanchez’ Entscheidung, den Abend bei fast ununterbrochener Anwesenheit sämtlicher Bewohner komplett am Küchentisch spielen und die Truppe gelegentlich zum kollektiven Singen antreten zu lassen. Zum einen droht die WG, anders als in Vinterbergs Text, dadurch nicht zusehends hinter dem Kernfamilienkonflikt zu verschwinden. Und zum anderen hat das bestens aufgelegte DT-Ensemble sichtlich Spaß am Erfinden – und Kommentieren – des Kommunenpersonals, was sich durchaus wohltuend aufs Publikum überträgt.

Ganz problemfrei bleibt Sanchez’ Ansatz allerdings trotzdem nicht. Der Punkt, der am Scheitern von Utopien zeitenübergreifend interessant ist, lässt sich aus Vinterbergs historischer Wiener Perspektive plausibler herausdestillieren als in Berlin – wo jeder alles längst weiß.

Wieder am 4., 14. & 19. Februar

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben