Deutsches Theater : Das Glück der sieben Jahre

Vor dem Abschied: Der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Bernd Wilms, blickt zurück.

Bernd Wilms
Emilia Galotti
Regine Zimmermann und Henning Vogt in Michael Thalheimers "Emilia Galotti"-Inszenierung. -Foto: Freese/DRAMA

GEWOHNHEIT

„In jedem von uns lauert ein Abonnent.“ Das ist richtig, aber er kommt in Berlin nicht zum Zuge. Die Berliner Sprechtheater haben die Besucherorganisationen – sie spielen aber statistisch keine gewaltige Rolle –, Abonnenten haben sie nicht. Die Entscheidung passiert im Vorverkauf und an der Abendkasse. Das funktioniert und ist, wenn es so funktioniert, ganz wunderbar und großstädtisch. Denn die Schauspieler wissen, dass sie gemeint sind von diesem Publikum, das sich genau für diese Vorstellung entschieden hat. Mit Abonnenten ist es sicherer, ohne Abonnenten ist es schöner.

STRIESE UND DIE ANDEREN

Gibt es Vorbilder für Intendanten? Ja, sicher, wenn man Glück mit den Menschen hat, denen man begegnet. Mein erster Direktor war Arno Wüstenhöfer, als ich Dramaturg wurde in Wuppertal. Ein pflichtbewusster Pragmatiker, ein Hausherr, der will, dass es allen gut geht und alles seine Richtigkeit hat. Auch mit dem Etat. Er hat nie ein Budget überzogen, und es war ihm eine Freude, mit der Bahn 2. Klasse zu fahren. Er war eine eindrucksvolle Erscheinung; sie nannten ihn Sir Sparno, und das war ihm recht.

Ivan Nagel in Hamburg: der Gegentyp. Der Liebhaber, der Herbeiwünscher, der Intellektuelle, das große Kind. Wer Kunst will und die Künstler liebt, muss das, was er tut, ganz selbstvergessen und verantwortungslos tun. Das war in Hamburg zu lernen: wie man Grenzen, die man gar nicht wahrnehmen will, überschreitet, pflichtvergessen und spielerisch.

Eine legendäre Intendantenfigur, freilich eine fiktive, hat sich früh eingeprägt. Sie heißt Emanuel Striese, ist Schmierendirektor (Schmierant, Schmierenhäuptling) im Schwank vom „Raub der Sabinerinnen“. Dieser verzweifelte Überzeugungstäter verkörpert das arme, das mittellose Theater, er muss die eigene Lächerlichkeit riskieren, wenn er um sein Leben spielt. Ein Abenteurer wider Willen, denn die Sehnsucht der Wanderbühne ist das Stadttheater. Was verständlich ist – und traurig.

Als Arno Wüstenhöfer, auch ein Striese, das Bremer Theater verließ und damit seine letzte Intendanz, da habe ich in der „Zeit“ einen Aufsatz über ihn veröffentlicht, 1985. Da hielt ich ihn für ein Fossil und war nicht sicher, ob die Spezies nicht ausstirbt. „Ein Intendant ist ein Mann, der Begabungen aufspürt und freisetzt, ein Intendant ist ein Entdecker: Er hat die richtige Nase. Ein Intendant ist einer, der Kunst ermöglicht und zulässt (und keiner weiß genau, welchen Anteil er daran hat). Ein Intendant will ,die besten Leute’ um sich versammeln, sie fördern und verteidigen. Und weiter im Bilderbuch: Er sucht nie zuerst den eigenen Ruhm, sondern den des Theaters. Er bestellt sein Haus, dass andere darin gedeihen. Und er liebt sie wie ein Vater und erwartet wo nicht Liebe so Respekt.“

KLASSENFAHRT

Gastspiele in Mexiko City und Duisburg, in Hamburg-Bergedorf und Tokio, in Oslo und Sarajewo und New York. Je weiter, desto schöner, was den Gruppeneffekt angeht. Wir sehen die Welt und uns. Es sind Betriebsausflüge, getragen von einer großen Gemeinschaftslust und auch voll schräger Überraschungen; Kollegen sind zu entdecken, die man so gar nicht kennt, nicht einmal in der spätesten Kantine. Man entpuppt sich.

Dass wir im Namen der Kunst reisen, entlastet und vergrößert das Vergnügen. Betriebsausflüge sind ja sozusagen vom Therapeuten veranstaltet und vom Personalrat. Das alljährliche Ventil. Hier braucht es das nicht. Hier stellt sich alles ein.

STUCK UND PLÜSCH

Wenn so etwas wie ein Stil des Hauses in den letzten Jahren entstanden ist, bei aller Vielfalt, allen Widersprüchen, dann ist das zu erkennen (noch vor der Regie und bevor noch ein Schauspieler den ersten Auftritt hat) an der Ästhetik der Bühne, also an der Arbeit des Bühnenbildners. Es sind sehr karge, oft leere Räume, wie sie Olaf Altmann entwirft oder Johannes Schütz, Räume von äußerster Nüchternheit und, wenn sie gelingen, von großem Zauber. Vielleicht sollte man von einem neuen Minimalismus reden, jedenfalls aber: von Strenge und der Kunst des Weglassens. Es sind Räume der unerbittlichen Konzentration. Sie sind für das Deutsche Theater erdacht, ein Ambiente des späten 19. Jahrhunderts, rot und grün und alt. Da tun sie ihre Wirkung – und verfehlen sie fast gänzlich, wenn der Kontrast sich nicht einstellt. Wenn wir nämlich gastieren und die (Anti-)Dekoration in einer Halle oder Blackbox aufbauen. Dann ist die scheinbar angemessene Umgebung die unangemessenste. Dann packt uns eine altmodische Sehnsucht – nach Stuck und Plüsch.

VOR DEM ZIMMER

Sie heißt Ita Ziegs, und als ich sie engagierte, dachte ich so: Mit diesem ungewöhnlichen Namen muss sie schon fabelhaft sein, denn das Leben vor dem Intendantenzimmer besteht aus Gesprächen und Telefonaten, da muss sie sich bemerkbar machen und einprägen. Ich dachte: Entweder wird sie eine Institution, oder sie verliert sich.

Es war eine Glücksentscheidung. Ich würde sie gleich wieder engagieren – mit dem kompliziertesten und unaussprechlichsten Namen der Welt. Der Abschied vom Theater ist auch wegen solcher Erfahrungen eine schwierige Angelegenheit.

MÄRCHEN

Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist. Oder noch nie einer war. Oder nur ich einmal sein kann. Nicht im Traum, sondern richtig – auf der Bühne.

Dass alle, wirklich alle, die es zum Theater treibt – und die dann Dramaturgen, Disponenten, Regisseure, Intendanten werden oder gar nix – aus tiefstem Herzen eines wollen, nämlich Schauspieler sein, davon bin ich fest überzeugt. Max Reinhardts abgedroschene Sentenz bleibt ja wahr. Theater ist der „seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen.“

Wenn aber Verwandlung, Entrückung, die Sehnsucht nach dem Anderssein, dem Nicht-Identischen der Ur-Impuls allen Theaters ist, dann gibt es keinen Realismus auf der Bühne, wenn Realismus bedeuten soll: aus dem Leben gegriffen, wie im richtigen Leben. Im Rausch der Verwandlung bedauern wir eher, dass wir nicht auch noch singen können wie die Oper.

REGIE

Heute gibt es keine allgemein verbindliche Ästhetik, schon lange nicht, und viele, die unbedingt wissen möchten, woran sie sich halten sollen, bedauern und verfluchen das wie einen Untergang. Es gibt konkurrierende, auseinander strebende Entwürfe mit schwer erkennbaren Regeln, und dazu muss ich mich verhalten, wenn es um die eigene Ästhetik geht. Vor dem Erfinden kommt das Finden.

Das ist kein Plädoyer für die normative Kraft des Faktischen und auch für keinen Pluralismus, sondern es hat zu tun mit dem Zustand der Welt und wie sie uns erscheint. Es ist eine brüchige, zerfallende Welt. Von der „Neuen Unübersichtlichkeit“ war schon die Rede, ehe die „Dekonstruktion“ in Mode kam, und jede Ästhetik, die solcher Ungewissheit, Verzerrung, Zersplitterung, dem Fragmentarischen nicht nachgeht, die lügt.

Kein Realismus und keine realistischen Geschichten? Kein Anfang und kein ordentliches Ende? Auch wer der verrücktesten Phantasie das Wort redet, wird nicht behaupten können, dass Kunst mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Kunst ist Form gewordene Erfahrung. Und der Erfahrungsgehalt eines Kunstwerks und seiner heutigen Aneignung ist das entscheidende Kriterium seiner Glaubwürdigkeit. Ein Regisseur muss sich verhalten – zum Werk, zur Welt, zu den Bildern, die ihn umgeben; er kann sich selber nicht durchstreichen; das macht ihn vielleicht arrogant, aber das verlangt der Beruf von ihm. Er muss sich deutlich verhalten, und auch deshalb kann es Werktreue nicht geben. Der Regisseur Fritz Kortner sprach von der Tyrannei der Durchschnittlichkeit, die sich gegen „eigenmächtige“ Inszenierungen wehrt, weil ja „der landläufige Besucher nur eine Wiederholung dessen sucht, was ihm schon einmal gefallen hat.“

Nein, es gibt keine bescheiden-strenge Wiedergabe, die bloß notengetreu wäre – ich denke, das kann nicht einmal die Musik –, weil Lebendiges auf Lebendiges trifft, und meist liegen Jahrhunderte, gar Jahrtausende dazwischen. Wir wollen unsere Klassiker wiedererkennen? Schlechtes Programm. Wir wollen sie erkennen, als hätten wir sie nie gesehen.

WAHRHEITEN, PLATTITÜDEN

Wir haben die besten Schauspieler (ein paar beste gibt es auch noch anderswo). Wir haben die besten Regisseure (dito). Wir haben die besten Bühnenbildner. Wir machen das richtige Programm am richtigen Ort. Wir haben Schwein.

KULTUR UND POLITIK

Das System ist gut, aber es wird schlecht gehandhabt. Das System ist gut: Die Politik bestimmt für einen begrenzten Zeitraum einen, der es macht, keine Dreier- oder Viererbande, kein mitbestimmtes Gremium, sondern einen Intendanten mit einer möglichst kompetenten Mannschaft. Das tut die Politik, wenn sie sich kundig gemacht hat. Dann spuckt sie nicht mehr in die Suppe. Nach fünf oder sieben Jahren sagt sie dann, dass der Nächste dran ist. Dieses ist die praktische Gestalt der Freiheit der Kunst.

Die Gründe, warum ich mich mit dem Kultursenator Thomas Flierl so schwer verstanden habe, sind kompliziert. Er war mir, glaube ich, nicht böse gesonnen und ich ihm auch nicht. Er hat etwas gewollt, das ich nicht recht begriff, und ich habe immer bezweifelt, ob er ist, was man verlangen muss: informiert, kunsterfahren, kundig. Wie viele Kulturpolitiker war er selten bei der Kunst anzutreffen; es steht zu vermuten, dass die meisten sich nicht für die Kunst interessieren, sondern allenfalls für ihr Amt. Manche sagen, man sollte Kulturpolitiker eigens ausbilden. Ob das denn hilft? Wenn nach der Wahl alle Minister- oder Senatorenposten vergeben sind, erst dann kommt die Kultur an die Reihe. Den letzten beißen die Hunde.

OSTWEST

Die geläufige Alternative, die Unterscheidung zwischen Künstler-Intendant und Manager-Intendant, kommt mir blödsinnig vor. Es gibt die inszenierenden Intendanten und solche, die nicht inszenieren. Wenn ich mit der Kunst nichts zu tun hätte, wäre das nicht mein Beruf.

Eine Generation, die sich selber heilig spricht; die Alten, die bei den Jungen nichts gelten lassen und, ohne hinzuschauen, überall nur Niedergang entdecken, muss man halt reden lassen; aufregend ist das nicht. Es ist meine Generation – mir geht es anders. Zitat Kurt Hübner, berühmter Intendant: „Die Talente wachsen immer. Man muss sie nur finden.“ Die nach uns kommen, sind allemal die Interessanteren. Noch einmal Hübner: Es sei das Geheimnis seines Erfolges, dass er immer Leute engagiert habe, die „besser sind als ich“. Bei aller Eitelkeit ist das ein großartiges Motto.

Ein guter Intendant soll möglichst oft im Haus sein und in dessen Nähe und in der Stadt. (Die inszenierenden Intendanten heißen ja deshalb so, weil sie so häufig auswärts inszenieren.)

Darum habe ich, als ich 1994 nach Berlin kam, eine Wohnung in der Nähe des Theaters gesucht, des Gorki-Theaters in Mitte, aber beim damaligen Stand der Sanierung war das ergebnislos. Der Auftrieb kam später; der Modebezirk schien noch nicht bewohnbar. Da erklärte mir eine Schauspielerin, die eine Ost-Schauspielerin war: „Es reicht doch, dass Sie im Osten arbeiten. Da müssen Sie nicht auch noch im Osten wohnen.“ Zeitgeist. Seither wohne ich in der Nähe des Kurfürstendamms. Und lange bevor ich Ideologen der Ost-West-Kompetenz kennenlernte, machte ich mich auf den täglichen Weg. Die Stadt hat sich extrem verändert. Dass einem etwas abhanden kommt, ist allerdings nicht neu. Man hat mir das Auto geklaut. Da habe ich mir ein Fahrrad gekauft für die Verbindung West-Ost-West.

ZUKUNFT

„Mit drei oder vier Leben hätte ich es zu etwas bringen können.“ So steht es bei Samuel Beckett. Der Text, in dem das steht, heißt „Schluss jetzt“.

Zum Ende von Bernd Wilms’ Intendanz in diesem Sommer erscheint in Zusammenarbeit mit dem Henschel Verlag eine zweibändige Sonderausgabe der „Blätter des Deutschen Theaters“, denen wir diese Passagen entnehmen. „Deutsches Theater Berlin 2001 – 2008“ enthält Originalbeiträge von Jon Fosse bis Elfriede Jelinek, 400 Abbildungen, die komplette Haus-Chronik, ein Verzeichnis aller Premieren (24 €). Im Anschluss an die Veranstaltung „Gregor Gysi trifft Bernd Wilms“ am 20. 4. um 11 Uhr wird das Buch im Deutschen Theater vorgestellt.

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