Deutsches Theater : Der Stoff, aus dem die Räume sind

Das Deutsche Theater zieht um – in ein Zelt. Doch Planen sind schwer planbar. Beim Tempodrom am Anhalter Bahnhof etwa ist der Zelt-Gedanke als fester Bau versteinert.

Andreas Schäfer
Deutsches Theater
Das neue Zuhause des Deutschen Theaters. -Foto: ddp

In wenigen Tagen beginnt die Theatersaison. In einem Zelt. Michael Thalheimer führt am Deutschen Theater Shakespeares „Was ihr wollt“ auf, und weil das DT noch bis Dezember umgebaut wird, finden alle Inszenierungen des großen Saales in einem Behelfszelt vor der Baustelle statt.

Thalheimer im Zelt! Ist das eine gute Aussicht? Zumindest eine vielversprechend ungewöhnliche. Denn wie sieht ein Zelt aus, das Urzelt gewissermaßen, auf das sich alle anderen Zeltformen zurückführen lassen? Unten rund, oben spitz. Ein klassisches Indianerzelt eben, das nicht nur Schutz vor Unwettern und dem Chaos der Welt bietet, sondern im Dach auch eine kleine Öffnung frei lässt, damit der Rauch des wärmenden Feuers abziehen kann und der unmittelbare Kontakt zu Gott und den Geistern gewahrt bleibt. Das klassische Zelt kennt nur die Formen Kreis und Dreieck – und dass Michael Thalheimer an einem solchen Ort inszeniert, kann, wer will, als vielversprechenden Aufbruch zu neuen Ufern verstehen. Denn Thalheimer ist bisher als Regisseur des schnurgerade geführten Inszenierungsschnitts, der akkurat geschnürten Bewegungsabläufe aufgefallen, als düsterer Regisseur des rechten Winkels sozusagen. Falls es in seinen Arbeiten je eine Öffnung zu höheren Sphären gegeben haben sollte, war diese meist gut verpropft.

Und jetzt: „Was ihr wollt“, Shakespeares beliebteste Komödie, ein Verwechslungsreigen, in dem Schein und Sein sich unentwirrbar ineinander verknoten und Frauen, als Männer verkleidet, anderen Frauen den Kopf verdrehen. Das Stück immerhin passt gut in ein Zelt – denn dort wohnten einst nicht nur die Indianer, dort hat noch immer die Zirkuswelt mit ihren grellen Effekten, bodenständigem Witz und dem marktschreierischen Spiel mit der Illusion ihr Zuhause.

Und das Theater eigentlich auch. Denn auch das Theater kommt ursprünglich aus einem Zelt. Oder zumindest aus etwas Ähnlichem, einem Zelt-Wagen, als den man sich den antiken „Thespiskarren“ sicher vorstellen darf. So wurden einst die Wohnwagen wandernder Schauspieler bezeichnet. Oder ihre Wanderbühnen. Der Name stammt von dem ersten griechischen Tragödiendichter und Theaterleiter in Athen, der seine Stücke praktischerweise im Theaterwagen aufgeführt haben soll – und erinnert noch heute daran, dass Schauspieler lange Zeit zum fahrenden Volk gehörten, Jahrmarktgestalten waren, nomadisierende Gaukler, die – wie in den Jahrhunderten der Commedia dell’arte – nicht nur Stehgreifkomödien mit festgelegten Typen und Masken aufführten, sondern mit ihren Geschichten auch die Atmosphäre des Abenteuers und der großen weiten Welt unters Volk brachten. Schauspieler erzählten nicht nur fremde Geschichten, sie führten auch ein anderes Leben als die Camper vom Deutschen Theater.

In der Provinz kann man immer noch auf bewundernswerte Reste dieser idealistischen Wanderbühnentradition treffen, in der Provinz ist das Verhältnis zwischen Schauspieler und mobiler Bühne noch ein freundschaftliches. In Bayern reist zum Beispiel das Theater „Comoedia mundi“ seit 1983 mit dem wunderbaren Ehrgeiz von Städtchen zu Städtchen, „einen Platz zu verändern, die Zeit anzuhalten“, von Trautskirchen über Regensburg nach Herzogenaurach, und führt „Eine Bettleroper“ auf, frei nach John Gay und Bert Brecht, oder Kinderstücke wie „Das Konrädchen“. Auch in Krefeld gibt es ein Zelt-Theater, mit dem die Betreiber „den Graben zwischen Bühne und Zuschauerraum“ verkleinern möchten.

In Berlin freilich kann das Verhältnis zwischen Schauspieler und Zeltplane nur als ein zerrüttetes beschrieben werden. In Berlin spielen Schauspieler schon seit sehr langer Zeit lieber in Theatertempeln als in Zelten. Es gibt auch kaum noch Zelte. Natürlich, das Spiegelzelt mit seiner Bar jeder Vernunft, das jedoch aufgrund seiner massiven Einbauten schon eine ziemlich feste Behausung ist . Und natürlich gibt es seit einigen Jahren das „Tipi“, das gerne seine geografische Nähe zum Kanzleramt betont.

Und sonst? Obwohl das Provisorische angeblich zum Wesen der Stadt gehört, verhält sich Berlin irgendwie zeltunfreundlich – auch wenn es jetzt einen Zeltplatz an der Lehrter Straße gibt und im Berliner Tiergarten bis vor einigen Jahren sogar eine Straße mit dem Namen „In den Zelten“ existierte. Der Name stammte aus der Zeit Friedrichs II. und bezog sich auf Erfrischungszelte am Spreeufer. Im Jahr 1745 erteilte der König die Genehmigung, ein Leinenzelt aufzubauen, um Getränke zu verkaufen – 1769 waren es schon sechs Stück, wobei eins der Zelte da schon aus Brettern bestand und also gar kein richtiges Zelt mehr war. Später, als sich alle Zelte in massiv gebaute Lokale verwandelt hatten, wurde die Gegend – in der heute das Haus der Kulturen der Welt steht – zum beliebtesten Ausflugsziel der Stadt.

Knapp zweihundert Jahre später eröffnete hier die ehemalige Krankenschwester Irene Moessinger das Tempodrom, eine sogenannte alternative Spielstätte. Sie war das einzige Berliner Kulturzelt, das diesen Namen wirklich verdiente. Das traurige Ende des Tempodroms ist bekannt. Als das Bundeskanzleramt gebaut wurde, musste die Spielstätte weichen und wurde als zeltförmiger Betonklotz am Anhalter Bahnhof wiedereröffnet. Die aus dem Ruder gelaufene Finanzierung brachte für Moessinger den Konkurs, zwang den Senator für Stadtentwicklung Peter Strieder zum Rücktritt – und von der legendären Zeltatmosphäre ist in der neuen „event location“ wenig geblieben.

Umso größer ist die Vorfreude, wenn jetzt Berlins heiligster Theatertempel mit seiner Kunst für einige Monate ins Freie unter die Plane zieht. Zwar sieht die unförmige Notunterkunft nicht unbedingt wie ein Indianer- oder Zirkuszelt aus. Aber sie tritt mit einem ähnlichen Versprechen an: Kampf dem rechten Winkel!

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